Von Max Rauner und Jens Uehlecke
Solche Tricksereien sind riskant, egal ob in Übersee oder in Europa. Wenn sie auffliegen, werden sie der ganzen Branche schaden. "Alle warten auf den ersten großen Bioskandal", sagt Manfred Fürst von Naturland. Der wird kommen, denn mit Bio lässt sich im Moment einfach zu gut Geld verdienen.
Mit Bio tun sie sich etwas gutes, glauben viele und kaufen alles, worauf ein entsprechender Aufkleber pappt. Zwischen 2004 und 2006 ist die Nachfrage nach Ökoäpfeln laut Angaben der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle um 41 Prozent gestiegen. Dabei ist immer noch nicht klar, ob biologisch angebautes Obst und Gemüse wirklich besser schmeckt oder gar gesünder ist. Der Vitamingehalt eines Apfels etwa hängt von der Sorte ab, von der Bodenqualität, von Sonne und Regen im jeweiligen Erntejahr. Sogar die Äpfel vom selben Baum können von Jahr zu Jahr unterschiedlich viele Vitamine enthalten. Wer seriös Bio und Nicht-Bio vergleichen will, muss Apfelbäume auf demselben Feld pflanzen, die einen mit Chemie düngen, die anderen mit Kuhmist und mehrere Jahre lang die Ernten vergleichen.
Wissenschaftler vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (FiBL) im schweizerischen Frick, einer der wichtigsten Forschungsstätten für Ökolandbau, haben sich die Mühe gemacht. Vor zwölf Jahren pflanzten sie insgesamt 576 Bäumchen der Sorten Idared, Resi, Boskoop und Glockenapfel und ließen die Ernte von Sensorikexperten testen, maßen die Größe der Früchte, den Zucker- und Säuregehalt, analysierten Magnesium und Kalzium in den Blättern sowie Stickstoff und Kohlenstoff im Boden. Es war der größte jemals durchgeführte Apfelvergleich.
Für Biofreunde ist das Ergebnis ernüchternd. Im Schnitt sind die mit Kuhmist gedüngten Äpfel kleiner und fester, aber dass sie besser schmecken oder gesünder sind, lässt sich nicht nachweisen. In einem Jahr haben die Bioäpfel mehr Säure oder Zucker, in einem anderen die konventionellen Äpfel. Den Apfeltestern schmeckten mal die Bioäpfel besser, mal die anderen. Bei den Polyphenolen – Pflanzenstoffen, die den Apfel widerstandsfähiger und den Menschen gesünder machen sollen – das gleiche Bild. Die Unterschiede waren von Ernte zu Ernte oder von Sorte zu Sorte viel größer als zwischen Bio und Nichtbio.
Sosehr die Wissenschaft auch nach den gesundheitlichen Vorteilen des Ökolandbaus sucht, sie findet keine fundierten Argumente. Sogar Laborratten wurden von österreichischen Forschern schon vor die Wahl gestellt, welche Äpfel sie futtern wollten. Sie nagten lieber an den konventionellen, was die Forscher prompt an ihren Methoden zweifeln ließ. Selbst das 18 Millionen Euro teure Forschungsprogramm QLIF (Quality Low Input Food) der Europäischen Union hat nach drei Jahren Forschung noch keine klare Antwort zutage gefördert. Carlo Leifert, QLIF-Direktor von der University of Newcastle, sagt: "Ich bin sehr vorsichtig, jetzt schon zu behaupten: Bio ist besser. Das kann man so pauschal nicht sagen."
Eines steht immerhin fest: Der Nullachtfünfzehn-Apfel enthält mehr Pestizide als ein Bioapfel. Bis zu 50 Prozent aller Lebensmittel aus konventionellem Anbau sind laut diversen Studien belastet, der überwiegende Teil innerhalb der erlaubten Grenzwerte. Den jüngsten Messungen von Greenpeace an 95 konventionellen Äpfeln zufolge schluckt der Verbraucher im Schnitt 0,12 Milligramm Pestizide pro Kilo, darunter Substanzen mit furchteinflößenden Namen wie Carbendazim, Tolylfluanid und Chlorpyrifos.
Nur, ist das wirklich gefährlich? Solange die gesetzlichen Höchstwerte nicht überschritten werden, seien die Verbraucher "ausreichend geschützt", betont das Bundesinstitut für Risikobewertung, das an der Zulassung von Pflanzenschutzmitteln beteiligt ist. FiBL-Chef Urs Niggli ist skeptischer. Vor seiner Karriere als Ökoforscher hat er zwölf Jahre lang Pestizide genehmigt. "Ich war eher ein Grobian", sagt er. Selten trug er eine Maske oder Handschuhe. Manchmal kam er mit knallgelben Händen nach Hause, gefärbt von Herbiziden. Heute hat er mehr Respekt: "Der Unsicherheitsfaktor ist relativ hoch, es gibt praktisch noch keine Langzeitstudien." Er wolle keine Panik machen. Aber: "Ich habe für viele Substanzen Zulassungen erteilt, die zehn Jahre später zurückgezogen werden mussten, weil neue Informationen über die Giftigkeit vorlagen." Die Pestizide seien besser geworden, "aber sie sind immer noch eine Risikotechnologie".
Die Suche nach dem gesunden, klimafreundlichen, umweltschonenden und leckeren, kurz: nach dem perfekten Apfel könnte ewig weitergehen. Welcher ist denn nun der beste? Offenbar gibt es viele Antworten, und welche die richtige ist, hängt vom Käufer ab. Frei nach dem Motto: Du isst, was du bist!
Wer einerseits den Klimawandel verhindern, andererseits aber nicht auf frisches Obst verzichten will, kann im Frühjahr ruhigen Gewissens Obst von der Südhalbkugel kaufen. Um die Sünde wettzumachen, reicht es schon, statt mit dem Auto mit dem Fahrrad zum Supermarkt zu fahren. Sogenannte Flugware – Ananas oder Mangos also, die mit dem Flugzeug nach Deutschland reisen – ist allerdings tabu. Sie ist ein Klimakiller.
Wem eher die Pflanzen und Böden am Herzen liegen, der kauft zu jeder Jahreszeit aus Übersee. Schließlich unterstützt er so die dort oft noch unterentwickelte Biolandwirtschaft. Klimawandel hin oder her.
Und wer in erster Linie an die Gesundheit seiner Familie denkt, zahlt den höheren Preis für regionale Bioprodukte. Einerseits, um noch unentdeckte Gefahren von Pestiziden auszuschließen. Andererseits, um sich vor Mauscheleien bei den Kontrollen zu schützen. Bei regionaler Ware kann man schließlich im Zweifel nachschauen gehen, ob alles mit rechten Dingen zugeht.
Das bedeutet aber auch, auf Äpfel zu verzichten, wenn im Juni das Kühllager leer ist. Dann gibt es eben Erdbeeren.
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