Von Stefan Schmitt
Colman und Burley betonen: Auch bei drei bis fünf Prozent der in Fruchtbarkeitskliniken behandelten menschlichen Eizellen würden zwei Spermien eindringen. Nie würden Ärzte eine solche Triploidie einer Frau einsetzen. Aus Erfahrung wisse man, dass ein früher Abgang unvermeidlich sei - und eine Schwangerschaft damit aussichtslos, sagte Wolfgang Engel, Humangenetiker an der Universität Göttingen, zu SPIEGEL ONLINE.
Ein "Recycling dieser unbrauchbaren Eizellen" mit der Methode des Eggan-Teams könnte die Verwendung im Labor ethisch weniger problematisch machen, stellen Colman und Burley in Aussicht - immer vorausgesetzt, dass sich die Technik tatsächlich auf den Menschen übertragen lässt.
Auch Engel sieht "keine ethischen Probleme", teilt aber den Enthusiasmus seiner Kollegen nur bedingt. Denn die Technik sei nur etwas fürs Labor - für eine mögliche klinische Anwendung sei sie "noch viel zu aufwendig". Und ohne eine Spendereizelle komme auch sie nicht aus.
Fünf Millionen Euro von der Bundesregierung
Anders ist das bei jener Technik, die Rudolf Jaenischs Gruppe vorgeführt hat. "Es spricht alles dafür, dass diese Zellen pluripotent sind", sagt Humangenetiker Engel. Wenn Jaenisch jetzt auch noch beweisen könne, dass aus den ehemaligen Hautzellen tatsächlich Leber-, Nieren- und anderes Gewebe wachsen könne, dann sei das "entscheidende Experiment" geglückt.
Was nach Grundlagenforschung klingt, hat direkte Bedeutung für die politische Debatte um biomedizinische Forschung und staatliche Forschungsförderung. In Deutschland ist dieses Thema besonders sensibel.
"Das Embryonenschutzgesetz ist ziemlich unübersichtlich", sagt Jochen Taupitz zu SPIEGEL ONLINE. Der Jurist ist geschäftsführender Direktor des Instituts für Medizinrecht, Gesundheitsrecht und Bioethik (IMGB) der Universitäten Heidelberg und Mannheim - und Mitglied des nationalen Ethikrats. Taupitz weist auf die größte Einschränkung für die Forschung mit embryonalen Stammzellen hin: Eizellen dürfen in Deutschland nur befruchtet werden, um Paaren beim Kinderwunsch zu helfen. Insofern wäre jede Technologie willkommen, die keiner Embryonen bedarf.
"Warum sollte man noch mit embryonalen Stammzellen beim Menschen arbeiten, wenn auf anderem Wege Pluripotenz erlangt werden könnte, ohne dass ein Embryo abgetötet werden muss?", beschreibt Wolfgang Engel diese Sichtweise. Nur: Dass man auf anderem Wege wirklich auch zu Pluripotenz kommt, ist bisher nicht sicher.
Bevor überhaupt feststeht, ob Jaenischs Technik (die übrigens in einer gröberen Fassung bereits 2006 von Forschern aus dem japanischen Kyoto gezeigt wurde) tatsächlich als Quelle ethisch unbedenklicher Quasi-Stammzellen taugt, löst sie schon Reaktionen in der Politik aus. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) begrüßte die "hochinteressante Entwicklung" und kündigte an, dass die Bundesregierung vor der Sommerpause fünf Millionen Euro für ähnliche Forschungsarbeiten in Deutschland zur Verfügung stellen wird.
Was nach einer guten Botschaft für Forscher klingt, kommt dem nahe, was Biomediziner Jaenisch als "politischen Missbrauch" fürchtet: Denn Forschungsministerin Schavan, studierte Theologin, wettert andernorts immer wieder gegen die "verbrauchende Embryonenforschung".
mit Material von AP/dpa/Reuters
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