Herr Doktor, Herr Doktor - das Aufeinandertreffen von Arzt und Patient ist eine schwierige Situation: Intim, eng, zeitlich begrenzt. Der Patient möchte Hilfe. Der Arzt muss Vertrauen aufbauen und gleichzeitig professionell wirken. Wichtigstes Instrument für diese Situation ist die Sprache. Oder doch nicht? Ärzte können offenbar mit diesem Instrument nicht immer professionell umgehen. Sie tappen, so zeigen US-amerikanische Wissenschaftler, regelmäßig in eine Kommunikationsfalle. Denn die Halbgötter in weiß reden zu viel, zu persönlich und zu konfus.
Ein Drittel der untersuchten Ärzte nutzten die Sprechstunde, um von sich zu erzählen - ohne wirklich auf den Patienten einzugehen. Nur 14 Prozent dieser ärztlichen Enthüllungen waren direkte Antworten auf eine Patientenfrage gewesen. Zu diesem überraschenden Ergebnis kam ein amerikanisches Forscherteam um die Wissenschaftlerin Susan H. McDaniel von der University of Rochester im Bundesstaat New York. Sie untersuchten bei 100 Hausärzten das Verhalten in der Sprechstunde. Vorher hatten diese Ärzte eingewilligt auch Menschen zu behandeln, die heimlich als Testpatient an der Studie teilnahmen. Diese Testpatienten waren allesamt Ärzte, die Patienten mit unterschiedlichen Krankheiten darstellten.
Geschichten über die eigene Gesundheit
113 Besuche dieser Schauspielpatienten wurden heimlich aufgenommen und hinterher von den Wissenschaftlern analysiert. Ihre Ergebnisse veröffentlichten sie soeben im Fachmagazin "Archives of the Internal Medicine". Der Studie zufolge verfiel jeder dritte Arzt in eine Plauderei über sich selbst. Die Forscher konnten insgesamt 73 verschiedene Formen von Selbstenthüllungen der Doktoren identifizieren. Die Plauder-Palette reichte von Geschichten über Familienmitglieder, eigene Gesundheitsprobleme bis hin zu politischen Überzeugungen. Die meisten narrativen Unterbrechungen fanden während der Erstbefragung statt, als der Patient eigentlich von sich und seiner Krankengeschichte erzählen sollte.
60 Prozent der Quassel-Ärzte verzettelten sich dabei in Schilderungen von eigenen Symptomen, Familiengeschichten oder Gefühlen. "Nur 21 Prozent fanden überhaupt wieder zum Thema des Patienten zurück", schreiben die Forscher. Je länger der Arzt über seine Erlebnisse schwadronierte, desto weniger helfende Funktionen konnte er damit erfüllen. Bei derartigen Ergebnissen zweifelt der Arzt und Mitautor Howard Beckmann offenbar selbst an der ärztlichen Behandlung: "Es endet damit, dass der Patient sich eigentlich um den Arzt kümmern müsste und zusätzlich die Frage im Raum steht, wer nun wen bezahlen sollte."
Sprechstunde konfus statt kompetent
Die Testpatienten brachten Erstaunliches auf ihren Aufnahmerekordern mit: Die meisten privaten Enthüllungen der Doktoren hätten demnach überhaupt keinen Nutzen für das Arzt-Patienten-Verhältnis gehabt. Bei keinem Schauspielpatienten war eine Nähe zum Arzt durch Kommunikation entstanden. Die Situation im Untersuchungszimmer habe konfus statt kompetent gewirkt. Der Patient bleibe oftmals verunsichert zurück. Nur vier Prozent der ärztlichen Ausführungen hätte einen wirklichen Nutzen für den Patienten gehabt, dazu zählten Fakten-Erklärungen und Unterstützungs-Angebote.
Die Ergebnisse der Studie sorgten bei den teilnehmenden Ärzten für Ernüchterung, hatten sie doch gelernt, mit einem netten Gespräch am ehesten eine Verbindung zu ihren Patienten herstellen zu können. Das scheint nun in Frage gestellt. Die Forscher rieten ihren Kollegen, genau zu überlegen, welche Selbstauskünfte wirklich fruchtbar für die Behandlung sind. Auch auf anderem Wege könne man Empathie bekunden.
atr/Reuters
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