Von Katrin Blawat
Diese Entscheidungen brauchen Zeit, und zwar mindestens eine Sekunde, wie eine Untersuchung des Psychologen René Marois von der Vanderbilt University in Nashville kürzlich gezeigt hat. Marois präsentierte seinen Probanden Bilder geometrischer Figuren und dann, nach unterschiedlich langen Zeitintervallen, einen Ton. Zu jedem der acht verschiedenen Bilder und Töne gehörte eine bestimmte Taste, die die Probanden so schnell wie möglich betätigen sollten. Wenn Marois Bild und Ton in einem zeitlichen Abstand von 300 Millisekunden oder weniger darbot, verzögerte sich die Reaktion der Studienteilnehmer um eine Sekunde. Nur wenn sie Bild und Ton um mindestens eine Sekunde versetzt wahrnahmen, konnten sie unmittelbar und korrekt auf beide Reize reagieren.
"Multitasking fördert einen schizoiden Denkstil und lässt das Gedächtnis verkümmern"
Zu viele Aufgaben, die in zu kurzer Zeit auf das Gehirn einstürmen, verursachten einen Entscheidungsstau, erklärt Marois die Ergebnisse. Mindestens zwei Regionen im präfrontalen Cortex, die für die Auswahl der passenden Reaktionen zuständig sind, funktionieren demnach wie eine Art Flaschenhals: Handlungsanweisungen gelangen nur langsam und der Reihe nach hindurch.
Die neuronalen Beschränkungen ändern nichts dran, dass sich der Mensch ständig im Multitasking versucht und dabei meistens erfolgreich wähnt. Wie kommt es zu dieser Selbsttäuschung? "Was wir als Multitasking erleben, ist nur ein schneller Wechsel zwischen verschiedenen Aufgaben", erklärt der amerikanische Psychologe Jordan Grafman. "Dabei verwechseln wir Schnelligkeit mit Intelligenz", sagt Ernst Pöppel. "Wer schnell ist, gilt immer auch als schlau."
Dank dieser Illusion verschwenden Menschen täglich Ressourcen: Intellekt, wertvolle Arbeitszeit - und eine Menge Geld. Jonathan Spira, Geschäftsführer der New Yorker Beratungsfirma Basex, befragte amerikanische Manager nach ihren Arbeitsgewohnheiten. 28 Milliarden Arbeitsstunden, so rechnete Spira danach aus, nehmen pro Jahr allein Unterbrechungen in Anspruch, die durch das ständige Wechseln der Tätigkeit entstehen. "Das ist ähnlich wie bei einem Computer, der ein neues Programm hochfährt und dafür das alte schließen muss", erklärt Torsten Schubert den großen Zeitverlust. Spira errechnete bei einem angenommenen Stundenlohn von 21 Dollar einen gigantischen Verlust: Der sinnlose Versuch, im Job mittels Multitasking produktiver zu werden, koste die amerikanische Wirtschaft jedes Jahr 588 Milliarden Dollar.
Vielleicht ist diese Schätzung sogar noch zu optimistisch. Denn Spira hat nicht die Spätfolgen berücksichtigt, die der Glaube ans Multitasken mit sich bringen kann. Ernst Pöppel prophezeit "Konzentrationsstörungen und den Verlust des Kurzzeitgedächtnisses". Daraus resultiere ein "unzusammenhängender, schizoider Denkstil", so der Hirnforscher. "Wir können keinen Kontext mehr verinnerlichen. Alles wird sofort wieder gelöscht, nichts bleibt dauerhaft im Gedächtnis."
Viele Wissenschaftler sehen diese Gefahr besonders für jüngere Menschen. Sie wachsen mit so viel Unterhaltungselektronik auf, dass Multitasking als logische Folge des medialen Überangebots erscheint. Claudia Koonz, Professorin für Geschichte an der Duke University in North Carolina, erzählt, sie habe jüngst ihre Studenten gebeten, ein Buch von 350 Seiten durchzuarbeiten. Ein Student antwortete: "Wir lesen keine ganzen Bücher mehr." Jetzt versucht sie, den Studenten wieder etwas Ruhe beizubringen. "Ich ermuntere sie, sich ohne Buch, Laptop und Handy in eine Ecke des Campus zu setzen und einfach nachzudenken." Ähnliches schlägt auch Pöppel vor: "Wenn jeder Mensch in Deutschland eine Stunde am Tag ohne Unterbrechung durcharbeiten würde, bekämen wir den größten Innovationsschub aller Zeiten."
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