Kapitalismus kann an die eigene Substanz gehen: Diese Erfahrung mussten Millionen Menschen von der Ex-DDR bis ins ferne Sibirien machen, als nach 1990 der Ostblock zusammenbrach. Doch im Sozialismus unbekannte Phänomene wie Arbeitslosigkeit oder Existenzangst bereiteten Männern deutlich mehr Probleme, als dies bei Frauen geschah.
Laut einer Studie der University of Michigan fiel die Lebenserwartung der Männer in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion in den ersten Jahren nach dem Fall des Eisernen Vorhangs um sechs Jahre. Die der Frauen hingegen zeigte zwischen 1991 und 1994 kaum Ausschläge. Die Autoren der in der Zeitschrift "Evolutionary Psychology" veröffentlichten Studie ( Download als PDF) vermuten, dass die im Kapitalismus üblichen Ungleichgewichte im sozialen Status Männer viel stärker gestresst haben als Frauen.
"Männer werden davon zu Verhaltensweisen angestachelt, die ihrer Gesundheit schaden", sagte der Leiter des Projekts, Daniel Kruger. Für ihre Studie verglichen die Wissenschaftler die Sterblichkeitsrate von Frauen und Männern aus 14 ehemaligen Sowjetrepubliken und Ländern des Ostblocks - darunter auch der DDR. Dabei stellten sie fest, dass Frauen den Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus weitaus besser verkrafteten als Männer. Teilweise bestand zwischen den Sterblichkeitsraten ein Unterschied von 9,3 Prozent.
Kruger und seine Kollegen konzentrierten sich auf den Quotienten aus Männer- und Frauensterblichkeit. Dieser stieg demnach von 1990 bis 1994 gegenüber dem Vergleichszeitraum von 1985 bis 1989 um bis zu 30 Prozent an. Den geringsten Anstieg gab es in Slowenien und Tschechien mit rund zwei Prozent, in Ostdeutschland wuchst die Quote um 11 bis 14, in Estland und Litauen um 16 bis 17 und in Albanien sogar um 30 Prozent. Besonders stark sei die Sterblichkeit in der Altersgruppe 25 bis 45 Jahre angestiegen, berichten die Forscher.
Laut Kruger gibt es dafür mehrere Gründe: Die sozialen Ungleichgewichte sowie die schärfere Konkurrenz könnten die Männer zu Verhaltensweisen anstacheln, die entweder ihrer Gesundheit schadeten oder schwere Arbeitsunfälle provozierten. Zudem treibe der wachsende soziale und wirtschaftliche Druck viele Männer in den Selbstmord oder in die Kriminalität.
Insgesamt stieg die Zahl der männlichen Mord- oder Selbstmordopfer in den Ländern des ehemaligen Warschauer Paktes zwischen 1991 und 1994 um das Doppelte. Doch schwankten die Zahlen je nach Land enorm: Während der Anstieg in Polen, wo der Übergang zum Kapitalismus weniger brutal ausfiel, bei 15 Prozent lag, explodierte er in Estland um 238 Prozent.
hda/AFP
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