Hamburg/Kiel - Die Pannenserie in Atomkraftwerken des Betreibers Vattenfall reißt nicht ab: Auch beim Wiederanfahren des abgeschalteten Kernkraftwerks Brunsbüttel vor einer Woche kam es zu zwei Störungen, wie das Sozialministerium in Schleswig-Holstein jetzt mitteilte. Betreiber Vattenfall habe das meldepflichtige Ereignis trotz expliziter Nachfrage zunächst verschwiegen. Das Unternehmen informierte das Ministerium demnach erst am Freitagnachmittag über die Panne, die Öffentlichkeit am heutigen Sonntag.
Atomkraftwerk Brunsbüttel: Erneute Panne
Nach Angaben des Ministeriums und von Vattenfall gab es beim Wiederanfahren des wegen eines Störfalls heruntergefahrenen Kraftwerks gleich zwei Mal eine ungewollte Absperrung des Reaktorwasser-Reinigungssystems. Das Ministerium erklärte, offenbar sei es durch Fehlbedienungen des Personals zu den Pannen gekommen. Die Absperrung hatte laut Vattenfall keine relevanten betrieblichen oder sicherheitstechnischen Auswirkungen. Die Meldung sei in die Kategorie "N" (Normal) eingestuft worden. Die Bewertung zur Einstufung nach der internationalen Bewertungsskala INES ergebe, dass das Ereignis in die Stufe 0, also unterhalb der sieben Warnstufen, einzuordnen sei.
Informationspolitik nach der Salamitaktik
Das Kernkraftwerk Brunsbüttel war am vergangenen Donnerstag wegen einer Netzstörung heruntergefahren worden. Zwei Tage danach begann Vattenfall, es wieder hochzufahren. Am Sonntagnachmittag war das AKW dann wieder am Netz, so das Ministerium. Gleich am Montagvormittag habe ein Mitarbeiter bei der Werksleitung angerufen und nachgefragt, ob es beim Hochfahren Probleme oder Auffälligkeiten gegeben habe. Dies sei verneint worden - "obwohl es doch damals bekannt gewesen sein muss", so der Ministeriumssprecher. Der Vorfall werde "in die Gesamtbewertung des Ereignisses in Brunsbüttel einbezogen".
Die von Vattenfall betriebenen Atomkraftwerke Brunsbüttel und Krümmel waren Ende Juni nach Zwischenfällen mehrere Tage heruntergefahren worden. Zuerst war es in Brunsbüttel zu einem Kurzschluss und zur Abschaltung des Reaktors gekommen. Nur Stunden später stand eine Trafohalle des AKW Krümmel in Flammen. Vattenfall bestritt einen direkten Zusammenhang zwischen beiden Vorfällen.
Nach zunehmender Kritik wegen mangelnder Informationen hatte Vattenfall am Freitag eine ganze Reihe von Fehlern sowie eine Fehleinschätzung bei der Kommunikation eingeräumt. So hatte das Unternehmen zunächst betont, der Reaktor in Krümmel sei nicht direkt von dem Brand betroffen gewesen, was sich aber später als falsch herausstellte. Am Freitag wurde bekannt, dass sogar giftiges Rauchgas in die Leitwarte des Kraftwerks eingedrungen war, so dass ein Mitarbeiter nur mit Gasmaske weiterarbeiten konnte. Am heutigen Sonntag teilte das Unternehmen mit, man werde künftig die Berichte über meldepflichtige Ereignisse ins Internet stellen.
Dioxinspuren in Luftfiltern des AKW Krümmel
Nachdem Vattenfall am Freitag beim AKW Krümmel den Nachweis von Dioxinspuren in Luftfiltern bekannt gegeben hatte, veranlasste das Ministerium Boden- und Vegetationsproben in der Umgebung. Vattenfall sei aufgefordert worden, selbst unverzüglich und umfassend auf dem Werksgelände und im Umfeld zusätzliche Bodenproben untersuchen zu lassen.
Das Ministerium erklärte, Vattenfall habe am Samstag ausdrücklich erklärt, dass es keine weiteren Vorfälle im Zusammenhang mit dem Störfall in Krümmel gebe, die der Behörde und der Öffentlichkeit noch nicht mitgeteilt worden seien. Diese Angaben würden von der Aufsichtsbehörde und den Sachverständigen weiter überprüft.
Am Montag soll es in Kiel ein Gespräch zwischen Vertretern des Sozialministeriums, des Bundesumweltministeriums, der Betreiber und der Sachverständigen geben. Dabei sollen der Ablauf der Schnellabschaltung Krümmels und des aufgetretenen Störfalls sowie die Informationspolitik und Sicherheitskultur Vattenfalls thematisiert werden. Außerdem erwartet das Ministerium eine Klärung der Rolle der Stromnetze bei den Schnellabschaltungen.
Aus der Politik wurden indes erneut Forderungen laut, Vattenfall die Lizenz zum Betrieb von Atomkraftwerken zu entziehen. Nach Renate Künast, der Grünen-Fraktionschefin im Bundestag, forderte dies auch der Fraktionschef der schleswig-holsteinischen Grünen, Karl-Martin Hentschel. Er kritisierte auch die zuständige Landessozialministerin Gitta Trauernicht (SPD). "Es bestehen zunehmend Zweifel, ob das Sozialministerium seiner Rolle aus Atomaufsichtsbehörde gewachsen ist", sagte Hentschel. "Jeder Taxi-Inhaber wäre nach solchen Vorfällen seine Lizenz los, hier geht es aber um die Gefährdung von zehn Millionen Menschen in Norddeutschland."
mbe/AP/AFP/dpa
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