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16.07.2007
 

Krümmel-Pannen

Vattenfall feuert Manager - Atomaufsicht befragt Leitstand-Crew

Von Holger Dambeck

Pannen-Geständnisse ohne Ende - jetzt löst Vattenfall den Chef der deutschen Atomsparte ab. Der Energiekonzern will neuen Negativschlagzeilen zuvorkommen. Denn eine Befragung der Leitstand-Crew könnte heute ergeben, dass Chaos herrschte - oder ein sehr kritischer Zwischenfall befürchtet wurde.

Am Ende war der Druck zu groß - Vattenfall entschloss sich zu personellen Konsequenzen. Der Energiekonzern feuerte am Mittag seinen deutschen Atom-Chef Bruno Thomauske und Pressesprecher Johannes Altmeppen. Deutschland-Chef Klaus Rauscher, der wegen der Pannenserie im Atomkraftwerk Krümmel ebenfalls unter Druck steht, darf vorerst bleiben. In enger Abstimmung mit der Spitze des Gesamtkonzerns in Schweden wurden die Personalien entschieden. Ziel laut Vattenfall: "Verlorengegangenes Vertrauen zurückgewinnen", schreibt das Unternehmen in der Pressemitteilung.

Geschasster Atom-Chef Thomauske: Gedränge im Schaltanlagen-Gebäude
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AP

Geschasster Atom-Chef Thomauske: Gedränge im Schaltanlagen-Gebäude

Der Termin für den Rauswurf war offensichtlich mit Bedacht gewählt. Denn während er der Öffentlichkeit mitgeteilt wurde, machten sich in Kiel fast zeitgleich Ermittler der Atomaufsicht ans Werk, um Mitarbeiter des Atomkraftwerks Krümmel zu befragen. Den schlechten Nachrichten, die von dem Gesprächstermin zu erwarten waren, wollte Vattenfall offensichtlich eine andere Botschaft in der Öffentlichkeit entgegensetzen - nämlich dass im Konzern jetzt das Aufräumen beginnt.

Fest steht: Mehr als zwei Wochen nach dem Zwischenfall in Krümmel sind dessen Umstände immer noch dubios. Der jüngste detaillierte Bericht von Vattenfall hat Fragen offengelassen.

Zum Beispiel jene, warum nach dem Trafobrand zeitweise 37 Menschen im Gebäude der AKW-Leitwarte waren - so steht es in dem Vattenfall-Bericht vom Freitag. Normalerweise sitzen an der Leitwarte im fünften Stockwerk lediglich fünf Personen. Mehrere Sicherheitsexperten halten die große Zahl von Menschen, die nach dem Zwischenfall in das Gebäude gekommen waren, für ungewöhnlich. "Da muss es zugegangen sein wie in einem Taubenschlag", sagte ein von SPIEGEL ONLINE befragter Fachmann, der namentlich nicht zitiert werden will.

Michael Sailer, Reaktorexperte beim aktomkraftkritischen Öko-Institut Darmstadt, hält die vielen Vattenfall-Mitarbeiter im Gebäude für einen Hinweis darauf, dass die Bedienmannschaft einen sehr kritischen Störfall befürchtete. Daher habe man mit Auslösung der ersten Alarmstufe wohl auch so viele Mitarbeiter in die Leitwarte gerufen, sagte Sailer der "Frankfurter Rundschau". "Man hat offenbar alle Mitarbeiter herangezogen, die zur Behebung des Störfalls hätten beitragen können." Sailer, der auch Mitglied der Reaktorsicherheitskommission des Bundes ist, sieht als weiteres Indiz dafür, dass der Reaktorfahrer den Druck im Reaktor durch Öffnen von Ventilen sehr stark absenkte. Das hätte es ermöglicht, mit mehr Sicherheitssystemen einzugreifen. "Offenbar waren sich die Reaktorverantwortlichen unsicher, wie die Situation einzuschätzen war."

Erst 25, nun 37 Personen im Gebäude

Noch am Donnerstag hatte ein Sprecher von Vattenfall SPIEGEL ONLINE gesagt, während des Brandes hätten sich lediglich 25 Menschen im sogenannten Schaltanlagengebäude aufgehalten. Dem Report vom Freitag zufolge waren jedoch zwischen 15.02 Uhr (Ausbruch des Brandes) und 15.30 Uhr "im Maximum" 37 Personen dort.

Ob alle Personen tatsächlich in der Kommandozentrale selbst waren, sei "noch Gegenstand der Befragungen", hieß es am Donnerstag von Vattenfall. Alle seien aber aus gutem Grund in dem Gebäude gewesen, nämlich entweder als Mitglieder der Stammbesatzung oder weil sie zur Unterstützung oder zum Abholen von Störfall-Instruktionen herbeigerufen worden seien.

Frank-Peter Weiß vom Institut für Sicherheitsforschung am Forschungszentrum Rossendorf kritisiert Sailers Äußerungen zur Besetzung des Schaltanlagengebäudes. "Ich finde es nicht besonders hilfreich, zum jetzigen Zeitpunkt über die Abläufe im Kraftwerk Krümmel zu spekulieren", sagte er SPIEGEL ONLINE. Weiß ist wie Sailer Mitglied der Reaktorsicherheitskommission des Bundes. "Die Frage, warum so viel Personal auf der Warte war, haben wir uns in der Reaktorsicherheitskommission natürlich auch gestellt. Dass nach einem solchen Zwischenfall mehr Leute dort sind, liegt auf der Hand", sagte Weiß. Wie viele Personen dies genau sein sollten, darüber wolle er nicht mutmaßen. Die Antwort auf diese Frage könne die heutige Befragung des Bedienpersonals bringen.

"Störfälle nicht sehr gravierend"

In dem für 13 Uhr angesetzten Gespräch wollte die Atomaufsicht neben dem sogenannten Reaktorfahrer auch den Schichtleiter und zwei weitere Mitarbeiter anhören. Das teilte das zuständige schleswig-holsteinische Sozialministerium mit. Im Mittelpunkt stehen insbesondere die Kommunikationsprobleme zwischen Reaktorfahrer und Schichtleiter. Die Befragung könne bis 17 Uhr dauern, sagte Ministeriumssprecher Oliver Breuer, erst danach sollten Ergebnisse bekannt gegeben werden.

Das Bundesamt für Strahlenschutz beurteilt die Pannen in Krümmel und kurz danach in Brunsbüttel nach bisherigem Wissensstand als relativ ungefährlich. "Nach allen Erkenntnissen, die wir haben, sind diese Störfälle nicht sehr gravierend gewesen", sagte der Präsident der Behörde, Wolfram König, heute im Deutschlandfunk. Sein Sprecher Joachim Gross ergänzte, dass diese Einschätzung allein auf Informationen vom Betreiber beruhen. "Eine abschließende Bewertung ist frühestens nach der heutigen Befragung des Vattenfall-Personals möglich", sagte Gross SPIEGEL ONLINE.

König sagte, generell steige die Zahl meldepflichtiger Ereignisse bei älteren Anlagen. "Die Vorfälle zeigen, dass es richtig ist, ältere Kraftwerke vom Netz zu nehmen." Er kritisierte den Umgang des Betreibers Vattenfall Europe mit den Vorfällen in den beiden Atomkraftwerken. Dieser stehe nicht im Einklang mit den Sicherheitsanforderungen, "die die Betreiber nachweisen müssen". Die von Vattenfall angekündigte bessere Kommunikation könne das Unternehmen unter Beweis stellen, "indem es zum Beispiel dem Ministerium, der Aufsicht, genehmigt, die Schwachstellenliste für das Kraftwerk Brunsbüttel offenzulegen".

mit Material von AP und ddp

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