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17.07.2007
 

Oberster Medizinberater

Jeder Brite soll Organspender sein

Weil es in Großbritannien viel zu wenig Spenderorgane gibt, fordert der Gesundheits-Chefberater der Regierung: Jedem Bürger sollen nach seinem Tod Organe entnommen werden dürfen - außer er hat dem ausdrücklich widersprochen. Andere Länder haben damit gute Erfahrungen gemacht.

Der Spielplan sieht aus wie ein Monopoly, aber die Spielfiguren sind Schwestern, Klinikbetten, Krankenwagen. In der Mitte liegen Würfel. Und dann die Beschriftung: Da steht "Wartezeit", "Spenderausweis" - und auch mancher empfindlich hoher Geldbetrag. Ein Glücksspiel, dem man mit vielen Pfund Sterling auf die Sprünge helfen kann: Das Deckblatt des Kapitels spricht für sich - und passt zur Überschrift "Organ Transplants: The Waiting Game" (etwa: Geduldsprobe Organverpflanzung). Einmal im Jahr meldet sich der Chief Medical Officer, der höchste gesundheitspolitische Berater der britischen Regierung, an den Premier und die Öffentlichkeit des Vereinigten Königreichs zugleich - und zeigt den Briten, wie es um ihr Gesundheitssystem bestellt ist.

Monopoly-Metapher: Organspende-Warteliste als Brettspiel
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Monopoly-Metapher: Organspende-Warteliste als Brettspiel

Im diesjährigen "State of Public Health"-Report von Sir Liam Donaldson, der heute veröffentlicht wurde und online zugänglich ist, steckt politischer Sprengstoff: Im Kapitel vier, jenes mit der Monopoly-Montage auf dem Deckblatt, schlägt der Regierungsberater vor, dass fortan alle Briten als Organspender gelten sollten - wenigstens bis zum ausdrücklichen persönlichen Widerspruch.

"Jeden Tag stirbt wenigstens ein Patient, der auf der Warteliste steht", schreibt Donaldson. Aus dem Missverhältnis zwischen Organspendern und potentiellen Organempfängern - wie es auch in Deutschlands herrscht - folgert er: Das geltende Recht ist Schuld. Bislang dürfen in Großbritannien nur Toten Organe entnommen werden, die zu Lebzeiten ausdrücklich zugestimmt haben, etwa in Form eines Organspendeausweises. Liegt zumindest kein Widerspruch vor, können immer noch Angehörige die Organe eines verstorbenen Familienmitglieds zur Verpflanzung freigeben. Diese Regelung, argumentiert Regierungsberater Donaldson, schrecke eher von der Organspende ab.

Jeder Brite ein potentieller Spender?

"Neue Lösungen müssen her, um die Versorgungskrise in Transplantationszentren im ganzen Land zu beheben", fordert er. Künftig solle es ein Opt-out-System geben: eines also, in dem jeder solange als Organspender gilt, wie er sich nicht ausdrücklich dagegen ausspricht. Natürlich "mit ordentlichen Sicherheitsmaßnahmen und guter Unterrichtung der Öffentlichkeit". Es ist zwar nicht die einzige Forderung Donaldsons, er schlägt auch vor, Notfallaufnahmen und Intensivstationen für die Möglichkeit von Organspenden zu sensibilisieren, und mehr Werbung für die Spende bei ethnischen Minderheiten zu betreiben. Aber jedes Briten Innereien zum potentiellen Verpflanzungs-Material zu machen, das ist eine steile Vorlage.

"Jede Veränderung dieses Gesetzes wäre hochkontrovers", kommentierte die Londoner "Times". Erst im Jahr 2004 war ein Opt-out-Modell von britischen Abgeordneten abgelehnt worden. Der damalige Gesundheitsminister John Reid hatte schlicht gesagt: Das Parlament solle nicht darüber entscheiden dürfen, was mit den Körpern Verstorbener geschehe.

Heute teilte die Londoner Regierung lediglich mit, der Minister erkenne den Organmangel an und werde sich mit Donaldsons Vorschlägen auseinandersetzen. Die British Medical Association (BMA) hingegen unterstützt seine Forderung - unter der Voraussetzung, dass die Öffentlichkeit "völlig im Bilde" über den Systemwechsel sei, sagte BMA-Vizepräsident Keith Rigg. Donaldson selbst verweist auf positive Beispiele aus Ländern wie Spanien, Belgien, der Tschechischen Republik und Österreich, wo ähnlich umfassend alle Bürger zu Organspendern erklärt werden - und es teilweise fast doppelt so hohe Organspenderaten wie in Großbritanniens gibt.

Niederlande: TV-Bluff um Nierenspende wirkte

Im April dieses Jahres hatte auch der Nationale Ethikrat eine Gesetzesänderung für Deutschland vorgeschlagen, ebenfalls mit der Forderung nach einem Opt-out-System. Daraufhin hatte es eine hitzige Debatte zwischen Ärzten, Bioethikern, Politikern und Kirchenvertretern gegeben - keineswegs nur ablehnende. So schlug Anfang Juni die bayerische Sozialministerin Christa Stevens (CSU) vor, die Entscheidung über die eigene Organspendebereitschaft mit der Ausgabe der elektronischen Gesundheitskarte zu verknüpfen: Allerdings will sie nicht bloß "Ja" und "Nein" als Antworten gelten lassen.

Motiviert war dieser Vorstoß auch durch den Bluff in einer niederländischen Fernsehshow. Zunächst wurde dort der Eindruck geweckt, es solle eine Spenderniere an bedürfte Kandidaten vergeben werden. Doch das Organspende-TV entpuppte sich als mieser Trick für den guten Zweck. Die Macher erklärten, sie wollten die Öffentlichkeit sensibilisieren - und für mehr Spendewillige sorgen.

Das scheint ihnen auch gelungen zu sein: Mehr als 12.000 Menschen ließen sich seit der Sendung am 1. Juni in der offiziellen Datenbank als Organspender registrieren, teilte das Gesundheitsministerium in Den Haag mit. Normalerweise sind es 3.000 bis 4.000 pro Monat. In den Niederlanden sterben jährlich 200 Menschen, weil sie nicht rechtzeitig eine Spenderniere erhalten. Die Wartezeit für ein lebensrettendes Organ beträgt im Schnitt mehr als vier Jahre.

stx/AP

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