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17.07.2007
 

Reaktor-Pannen

Vattenfall gibt AKW-Mängelliste frei

Von Holger Dambeck

Die Schwachstellen-Liste des AKW Brunsbüttel war bisher ein Betriebsgeheimnis. Jetzt zieht Vattenfall plötzlich seine Klage gegen die Veröffentlichung zurück - und verordnet seinen Mitarbeitern elementare Kommunikationsregeln: Bei kritischen Anweisungen sollen sie sich künftig rückversichern.

Der Druck auf Vattenfall wächst - und der Stromgigant gibt nach. Gestern mussten der deutsche Atomsparten-Chef Bruno Thomauske und Pressesprecher Johannes Altmeppen zurücktreten. Heute hat Vattenfall nach einem langen Rechtsstreit der Veröffentlichung der Mängelliste des Kernkraftwerks Brunsbüttel zugestimmt.

AKW Brunsbüttel: Vattenfall hat nichts mehr gegen die Publikation der Mängelliste
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REUTERS

AKW Brunsbüttel: Vattenfall hat nichts mehr gegen die Publikation der Mängelliste

"Mit dieser Transparenz und Offenheit wollen wir weiter um verloren gegangenes Vertrauen werben", sagte Reinhardt Hassa, Vorstandsmitglied von Vattenfall Europe. Konkret will der Konzern eine Klage dagegen zurückziehen, dass die Deutsche Umwelthilfe (DUH) die aktuelle Offene-Punkte-Liste des Kraftwerks Brunsbüttel veröffentlichen kann und außerdem die vorläufige Bewertung aus der sogenannten Periodischen Sicherheitsüberprüfung. Durch Vattenfalls Rückzieher kann das schleswig-holsteinische Sozialministerium, zuständig für die Atomaufsicht, die Liste jetzt an die DUH herausgeben.

Ganz freiwillig ist die "Transparenz und Offenheit" des Konzerns allerdings nicht - denn offenbar reagiert der Stromkonzern auf eine Ankündigung der DUH, so oder so am morgigen Mittwoch Teile des Prüfungsberichts zu veröffentlichen.

Der DUH seien "erstmals konkrete Inhalte der Mängelliste bekannt geworden", teilten die Atomkraftgegner mit. Die Sicherheit der Anlage sei keinesfalls nachgewiesen - obwohl der mehr als 30 Jahre alte, immer wieder auffällige Reaktor Brunsbüttel (siehe Grafik) nach der schweren Wasserstoffexplosion Ende 2001 wieder regelmäßig Strom erzeugt. "Wir haben nicht die Liste selbst, sondern eine wissenschaftliche Bewertung der Liste", sagte DUH-Sprecher Gerd Rosenkranz SPIEGEL ONLINE. Das vorliegende Dokument umfasse knapp tausend Seiten. Die eigentliche Liste war laut "Süddeutscher Zeitung" ursprünglich 50.000 Seiten stark.

Vattenfall hatte vor Verwaltungsgerichten in Schleswig gegen die Herausgabe des Dokuments geklagt und zweimal Recht bekommen. Der Konzern erklärte das Dossier zum schützenswerten Betriebsgeheimnis: Wenn Mängel bekannt würden, könne das den Marktwert des Altreaktors mindern. DUH-Rechtsexpertin Cornelia Ziehm sagte dazu, Vattenfall offenbare "eine Haltung, die beim Verkauf eines Gebrauchtwagens mit defekten Bremsen jedermann als schlicht kriminell einstufen würde".

Mitarbeiter sollen Anweisungen zur Sicherheit wiederholen

Vattenfall versprach heute auch, Konsequenzen aus den Kommunikationsproblemen in der Leitwarte von Krümmel zu ziehen. In dem AKW war am 28. Juni ein Trafo in Brand geraten. Der Reaktorfahrer verstand dann nach dem Ausfall einer Wasserpumpe eine Anweisung des Schichtleiters falsch und ließ zur Senkung des Drucks minutenlang Ventile offen - statt sie abwechselnd zu öffnen und zu schließen. So fiel der Druck schneller als vom Schichtleiter beabsichtigt. "Das war für den weiteren Ablauf undramatisch, aber das ist natürlich nicht gewollt, dass die sich nicht richtig verstehen", sagte Vattenfall-Sprecher Ivo Banek jetzt. Künftig müssten Mitarbeiter wichtige Anweisungen laut wiederholen. Bisher sei das nur eine Empfehlung, keine Pflicht.

Außerdem wolle man der Reaktoraufsicht einen Katalog vorschlagen, der im Störfall die Kommunikation regelt, sagte Banek. Dies sei ein Ergebnis der Befragung von Krümmel-Mitarbeitern durch die Atomaufsicht am Montag.

Der schleswig-holsteinische Staatssekretär Hellmut Körner (SPD) hatte nach der Befragung "die Nutzung modernerer Kommunikationsprinzipien" in Krümmel gefordert, "wie sie etwa in der Luftfahrt gelten". Demnach sollen Mitarbeiter Anweisungen der Vorgesetzten stets wörtlich wiederholen und vom Vorgesetzten erneut bestätigen lassen - um Missverständnisse wie bei der irrtümlichen Schnellabschaltung des Meilers vor zwei Wochen künftig zu vermeiden.

Bei den AKW-Betreibern sei auf die Sicherheitskultur bisher offensichtlich "nicht allzu viel Wert gelegt" worden, sagte Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD). "Wenn wir nicht Nachweise bekommen, dass sich dies in Zukunft ändert, werden wir schlicht und ergreifend die Meiler nicht mehr ans Netz gehen lassen." Mögliche Abstimmungsprobleme und Mängel bei der Kommunikationskultur müssten nicht nur beim Krümmel-Betreiber Vattenfall, sondern auch bei allen anderen überprüft werden.

Mit Material von dpa

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