Es wird eine Veröffentlichung auf Umwegen - und mit Verzögerungen. Heute Vormittag stellt die Deutsche Umwelthilfe (DUH) Details aus einer bislang geheimen Mängelliste des Atomkraftwerks Brunsbüttel vor. Die Liste selbst besitzen die Kernkraftkritiker jedoch nicht. Gestern kündigte Brunsbüttel-Betreiber Vattenfall dann an, die Veröffentlichung der Liste selbst nicht weiter blockieren zu wollen. Stellt das verantwortliche Kieler Sozialministerium sie noch heute ins Internet?
"Ja, aber wir müssen noch abwarten", sagte Ministeriumssprecher Oliver Breuer zu SPIEGEL ONLINE. Vattenfall habe gestern nur angekündigt, dass die Klage gegen die Veröffentlichung zurückgezogen wird. Eine schriftliche Bestätigung liege in Kiel aber noch nicht vor. Sobald diese da ist, werde man sich daran machen, das "umfangreiche Dokument" auf die Internetseite des Ministeriums zu stellen. "Das kann noch heute der Fall sein", sagte Breuer.
Diese Liste, so sagte der Sprecher, werde mehrere hundert Seiten und rund 700 offene Punkte enthalten. Derzeit arbeite man im Ministerium an einem Kommentar dazu. Auf spektakuläre Enthüllungen macht Breuer allerdings wenig Hoffnung: "Zur höchsten Kategorie eins gehört gar keiner der Punkte", sagte er. "Einige" zählten zwar zur Kategorie zwei, "viele" aber auch zur vierten und damit zur niedrigsten.
"Über 160 Nachweisdefizite"
Die DUH ordnete das Material anders ein. "Die Mängelliste aus dem Jahr 2006 enthält neben Hunderten untergeordneten Punkte auch über 160 Nachweisdefizite", teilte die Organisation mit, "die sämtliche Kernbereiche der Reaktorsicherheit von der Sicherheitsleittechnik, über die Bruchsicherheit zentraler Komponenten bis hin zu Fragen der Verwundbarkeit gegenüber terroristischen Angriffen betreffen."
Der DUH liegt nicht der vollständige Mängelreport vor, der angeblich Zehntausende Seiten stark sein soll. "Wir haben nicht die Liste selbst, sondern eine wissenschaftliche Bewertung der Liste", hatte DUH-Sprecher Gerd Rosenkranz gestern gegenüber SPIEGEL ONLINE erklärt. Und auch ob dieses Dokument heute der Öffentlichkeit überlassen werde, ließ er offen. Aus Gründen des Quellenschutzes könnte es sein, dass bei einer DUH-Pressekonferenz am Vormittag in Berlin lediglich daraus zitiert wird.
Der Kernkraftexperte der Umweltschutzorganisation Greenpeace, Heinz Smital, sagte im ZDF-"Morgenmagazin", der Inhalt der Liste sei schon deshalb interessant, weil Vattenfall über Jahre gekämpft habe, sie geheim zu halten. Smital monierte, dass immer wieder behauptet werde, in Deutschland gebe es die sichersten Atomkraftwerke der Welt, das sei angesichts der bisher bekannten Störfälle völlig unverständlich. Die alten Meiler seien viel schlechter als immer behauptet werde, sagte er mit Blick auf die Übertragung von Restlaufzeiten. Viele Störfallszenarien seien beim Bau der alten Meiler noch nicht bekannt gewesen. "Das konnte man gar nicht berücksichtigen. Das lässt sich auch nicht nachrüsten."
stx/AP
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