Von Chris Löwer
Ähnlich sieht es beim Einsatz von Egeln aus. Sie werden Patienten angesetzt, schnappen zu - und saugen. Doch der Aderlass ist dabei nicht das Entscheidende. "Die Blutegel-Therapie beruht vor allem auf der entzündungs- und gerinnungshemmenden Wirkung des Enzyms Hirudin, was durch den Speichel des Blutegels in den menschlichen Körper gelangt, wo es das Blut verdünnt", sagt der Bielefelder Heilpraktiker Holger Frenzel. Fünf- bis zehnmal monatlich greift er zu Hirudo medicinalis - gegen Entzündungen- und Schmerzen.
Der Biebertaler Blutegelzüchter Zaug strebt derzeit die Zulassung von H. medicinalis als Fertigarzneimittel an - jene Minimalstufe, welche die Maden immerhin erreicht haben. Die Aussichten sind ungewiss: Nicht nur, dass bisherige Erkenntnisse eher erfahrungsmedizinischer Natur sind. Auch die mögliche Indikationspalette ist denkbar breit. So sollen Egel bei Thrombosen und Furunkeln helfen, ebenso bei Geschwüren, Abszessen, gar in der plastischen Chirurgie nach dem Annähen von abgetrennten Gliedmaßen - um das Blut wieder in Wallung zu bringen.
Seit Gustav Dobos von der Universität Duisburg-Essen im Jahr 2003 in der Fachzeitschrift "Annals of Internal Medicine" (Bd. 139, S. 724) von Egeltherapie gegen Arthrose-Schmerzen im Knie berichtet hat, wird in den Medien gerne kolportiert, die Blutsauger wirkten schmerzstillender als der Schmerz- und Entzündungshemmer Diclofenac, ein Standardmedikament. Generalisierbar ist dieses Ergebnis noch nicht. Und auch Dobos, Inhaber des Lehrstuhls für Naturheilkunde und Integrative Medizin, spricht zwar von einer "sehr wirksamen Methode bei Arthrose-Schmerzen", muss aber einräumen: Der genaue Wirkmechanismus ist unklar.
Therapeutische Tierchen im Hightech-Beutel
Auch hier suchen Forscher im Sekret das Geheimnis des Erfolgs. Sie gehen von Dutzenden Inhaltsstoffen aus, von denen nur wenige erforscht sind. Antibakteriell sollen sie wirken, auch schmerzstillend, gar euphorisierend. Bei allen Verheißungen ist die - an Aderlass gemahnende - Behandlung eine blutige, gewöhnungsbedürftige Prozedur.
Wie Biotherapien eines Tages im klinischen Alltag aussehen könnten, zeigt eine Entwicklung des Instituts für Hygiene und Biotechnologie (IHB) an den Hohensteiner Instituten in Bönnigheim. Dort wird an Textilien für künftige Therapien geforscht. Heute schon zeigen sogenannte Bio Bags in einer einfachen Variante, wie man Patienten den Anblick von Tieren erspart, die sie eher mit Tod und Verwesung denn Heilung assoziieren könnten. Die teebeutelartigen Päckchen enthalten lebende Maden und werden einfach auf die Wunde aufgelegt - eine Kompromisslösung.
"Wir haben einen Prototypen entwickelt, der die isolierten Wirkstoffe der Maden, die für die Heilung verantwortlich sind, aufnimmt, konserviert und bei Bedarf wieder abgibt", sagt Dirk Höfer, Leiter des Kompetenzzentrums Medizintextilien am IHB. Solche Spezialfasern könnten auch mit anderen biotherapeutischen Wirkstoffen, etwa vom Krill, getränkt werden.
Sollten die Tiertherapien sich durchsetzen, so werden die Wirkstoffe langfristig wohl aus dem Bioreaktor kommen. "Madenextrakte oder biotechnisch hergestellte Sekrete wären nicht zuletzt deshalb vorteilhaft, weil dann ein einheitliches und haltbares Produkt zur Verfügung stünde, das sich zudem günstiger herstellen ließe", sagt Höfer. Das geht aber nur, wenn zuerst die biochemischen Wechselwirkungen zwischen Tier und Patient aufgeklärt werden. Höfer sagt: "Wir kommen derzeit um die lebende Made nicht herum."
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