Von Stefan Schmitt
Plagiate, Fälschungs- und Abschreibevorwürfe: Für den Ruf eines Wissenschaftlers sind solche Vergehen desaströs - wenn sie entdeckt werden. Jetzt geschah das einem deutschen Forscher. Der soll sich nicht nur mit fremden Federn geschmückt haben, sondern auch bei Angaben zu Positionen und Instituten gemogelt haben.
Im Zentrum steht Hans-Werner Gottinger, ein 63-jähriger Ökonom aus Ingolstadt. Am morgigen Donnerstag wird die Fachzeitschrift "Research Policy" einen Fachbeitrag von Gottinger zurückziehen, den dieser vor 14 Jahren veröffentlicht hatte. Jetzt habe sich herausgestellt, "dass der Artikel von 1993 einen klaren und ernsten Fall von Plagiat darstellt", werden die Herausgeber der Zeitschrift in einem Editorial erklären, das SPIEGEL ONLINE vorab vorliegt.
"Es mag da einen Mangel an ausreichender Sorgfalt bei der Überprüfung der Vollständigkeit von Quellen und Referenzen gegeben haben", sagte der Beschuldigte zu SPIEGEL ONLINE. Gottinger spricht aber von Reviews (Besprechungen oder Überblicksarbeiten), die keinen Anspruch darauf erhoben hätten, "neue Ergebnisse über die bereits bekannten hinaus zu präsentieren".
Text und Formeln identisch
Ben Martin von der britischen University of Sussex widerspricht dem vehement. "Ich bin der Herausgeber einer Fachzeitschrift, ich kenne den Unterschied zwischen einem Überblicksartikel und einem Beitrag, der versucht, eigenen Erkenntnisfortschritt beizutragen", sagte er zu SPIEGEL ONLINE.
Martin hat für "Research Policy" die Plagiatsvorwürfe gegen Gottinger untersucht. Und tatsächlich heißt es in der Einleitung des strittigen Artikels des Ingolstädters: "Ein konzeptioneller Rahmen soll entwickelt werden, um die Beziehung zwischen Verbreitungsraten, Lernkurven und Nachfrage in Hinsicht auf SDI-bezogene Spin-Off-Technologien zu untersuchen." Das mag für Laien verwirrend klingen, erscheint aber doch klar wie ein Forschungsaufsatz. Nur dass Textteile darin absatzweise "und fast Wort für Wort" aus einem Beitrag des Forschers Frank Bass aus dem Jahr 1980 stammen - so hat es die Untersuchung von "Research Policy" ergeben. Auch Formeln seien fast identisch gewesen, und mehr noch: "Daten scheinen gefälscht worden zu sein."
Schon einmal war Gottinger mit einem Plagiatsvergehen aufgefallen: 1999 bemerkten die Herausgeber der wirtschaftswissenschaftlichen Fachzeitschrift "Kyklos", dass der Ingolstädter in einer drei Jahre alten Arbeit einen anderen Fachbeitrag von 1992 abgekupfert hatte. Er habe ausführlich erklären können, was da passiert sei, sagte Gottinger, doch die Herausgeber hätten seine Erklärung unterdrückt. "Kyklos" zog den Beitrag deshalb zurück.
Plagiate viel weiter verbreitet, als gedacht?
Ben Martin fand weitere Ungereimtheiten. "Gottinger scheint ein Serien-Plagiator zu sein", sagt er. Nur einmal, so scheint es, ist Gottinger selbst zum Opfer geworden: Einer seiner Aufsätze aus dem Jahr 1992 sei 2005 von einem Kollegen aus Zimbabwe abgekupfert worden zu sein. Ironie der Forschungsgeschichte - oder ein düsteres Zeichen?
"Eine Schockwelle könnte durch die üblicherweise ruhigen Wasser der Sozialwissenschaften rollen", prophezeit die Wissenschaftszeitschrift "Nature". Denn eine Regel ist im wissenschaftlichen Publizieren ehern: Wer Texte und Angaben anderer Forscher übernimmt, muss dies entsprechend kennzeichnen.
"Es erscheint ziemlich unwahrscheinlich, dass ein Plagiator unwissentlich eine Veröffentlichung eines anderen Plagiators aufgreift, um daraus abzuschreiben", betonen die Herausgeber von "Research Policy" - und fragen, ob betrügerisches Abschreiben nicht viel weiter verbreitet ist als bisher angenommen. Martins Ermittlungen lassen diesen Verdacht plausibel erscheinen - und wirken wie ein Krimi.
Lesen Sie die Details, die die Ermittler Gottinger vorwerfen:
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