Washington - Ein Vermessungsschiff der US-Küstenwache ist zu einer vierwöchigen Expedition in die Arktis aufgebrochen. Es handelt sich dabei um den Eisbrecher "Healy". Nach dem PR-tauglichen Tauchgang russischer Forscher und Parlamentarier zum Nordpol und den Reaktionen der Arktis-Anrainer Dänemark, Norwegen und Kanada sind die USA damit der letzte Staat mit Grenzen zur Arktis, der seine Ansprüche symbolisch untermauert.
Wissenschaftler betonten zwar, die Fahrt sei seit drei Jahren geplant gewesen und ein Teil eines umfangreicheren Kartierungsprogramms. Sie räumten jedoch ein, dass die Vermessung der Grenzen des Kontinentalschelfs auch für die etwaige Gewinnung von Bodenschätzen von Bedeutung sein würde. Die USA hatten bereits 2003 und 2004 Teile des Meeresbodens im Polargebiet vermessen. Sie sind nur im äußersten Westen ihres Staatsgebiets Arktis-Anrainer - entlang der Nordgrenze des Bundesstaats Alaska.
Die Vereinigten Staaten haben bisher aber nicht die Uno-Seerechtskonvention von 1982 unterzeichnet. Gemäß dieser Regelung dürfen Staaten von ihrem Festland aus 200 Seemeilen - etwa 370 Kilometer - als Wirtschaftszone nutzen. Für zusätzliche Ansprüche müssen Regierungen einen Erweiterungsantrag bei den Vereinten Nationen stellen. Dieser Vertrag gilt als alleinige Basis für Ansprüche wie die Russlands. Andy Armstrong, ein Wissenschaftler der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) und Teilnehmer der "Healy"-Expedition, stellte aber einen möglichen Beitritt in Aussicht. Die Bush-Regierung wirbt derzeit im Senat für eine Unterschrift unter der Seerechtskonvention.
Fünfer-Mix aus Forschung, Strategie und Diplomatie
Das US-Schiff werde "Strukturen kartieren, die eine Rolle für die Ausweitung des US-Kontinentalschelfs" haben könnten. Die "Healy" werde den Meeresboden per Echolot erfassen. "Wir können so einen breiten Fächer unter dem Schiff in relativ hoher Auflösung erfassen."
Auch wenn die US-Forscher einen direkten Zusammenhang bestreiten, so darf die Expedition durchaus als Antwort auf die Aktion der Russen gelten, die vor nicht einmal zwei Wochen auf dem Meeresboden am Nordpol ihre Nationalflagge aufgestellt hatten:
Russland selbst plant bereits die nächsten Forschungsfahrten. Es seien weitere geologische Erkundungen mit U-Booten vorgesehen, sagte Wladimir Strugazki, Vizepräsident der Vereinigung russischer Polarforscher, der Nachrichtenagentur Itar-Tass. Mit Spezialgeräten sollten die Bodenstrukturen im Eismeer intensiver untersucht werden. Für das Jahr 2010 peilt das Land eine Uno-Entscheidung über die Ausweitung der Hoheitsgebiete um den Nordpol an.
"Dabei geht es nicht um eine russische Souveränität in der Arktis, sondern um das Recht darauf, die dort vermuteten Rohstoffe wie Öl und Gas zu erkunden und zu fördern", sagte Anatoli Kolodkin, Präsident der Russischen Vereinigung für Internationales Seerecht. Russland werde alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, um die Rohstoffe in der Arktis zu nutzen. "Die Arktis gehört keinem Staat allein", sagte Kolodkin, der im Uno-Tribunal für Seerechtsfragen mitarbeitet. Das Eismeer sei ein "besonderes Gebiet" und ein "gemeinsames Erbe der Menschheit".
Russische Ansprüche seit der Oktoberrevolution
Kolodkin wies auf Russlands lange arktis-wissenschaftliche Tradition hin, die bis in die Zeiten vor der Oktoberrevolution von 1917 zurückreiche. "Es entsteht jetzt manchmal der Eindruck, wir haben uns das gerade erst ausgedacht." Dass Russland am Meeresboden eine Nationalfahne aufgestellt habe, sei aber ohne juristische Bedeutung.
Für die kommenden Jahre erwarten Klimaforscher neue Wärmerekorde in der Arktis. Voraussichtlich 2009 werde der bisherige Spitzenwert aus dem Jahr 1998 eingestellt, prognostizierten US-Forscher vor wenigen Tagen im Wissenschaftsmagazin "Science". Wenn das Meereis in der Arktis dementsprechend weiter schmilzt, werden Schiffswege wie die Nordost- und die Nordwestpassage künftig besser und länger befahrbar sein. Auch die Ausbeutung von Rohstoffen wie Kohle und Gas würden durch die globale Erwärmung erleichtert. Experten fürchten daher schon einen neuen kalten Krieg um die Schätze des hohen Nordens.
stx/AFP/dpa/Reuters
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