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14.08.2007
 

Kalter Krieg am Nordpol

Neue Expedition soll US-Ansprüche auf Arktis untermauern

Langsam wird's eng am Nordpol: Nun erforschen neben Russland und Dänemark auch die USA den Meeresboden nördlich von Alaska. Norwegen und Kanada stellen ebenfalls Ansprüche auf Teile der Arktis. Doch die USA haben bisher nicht einmal die notwendige Uno-Konvention unterschrieben.

Washington - Ein Vermessungsschiff der US-Küstenwache ist zu einer vierwöchigen Expedition in die Arktis aufgebrochen. Es handelt sich dabei um den Eisbrecher "Healy". Nach dem PR-tauglichen Tauchgang russischer Forscher und Parlamentarier zum Nordpol und den Reaktionen der Arktis-Anrainer Dänemark, Norwegen und Kanada sind die USA damit der letzte Staat mit Grenzen zur Arktis, der seine Ansprüche symbolisch untermauert.

Wissenschaftler betonten zwar, die Fahrt sei seit drei Jahren geplant gewesen und ein Teil eines umfangreicheren Kartierungsprogramms. Sie räumten jedoch ein, dass die Vermessung der Grenzen des Kontinentalschelfs auch für die etwaige Gewinnung von Bodenschätzen von Bedeutung sein würde. Die USA hatten bereits 2003 und 2004 Teile des Meeresbodens im Polargebiet vermessen. Sie sind nur im äußersten Westen ihres Staatsgebiets Arktis-Anrainer - entlang der Nordgrenze des Bundesstaats Alaska.

Die Vereinigten Staaten haben bisher aber nicht die Uno-Seerechtskonvention von 1982 unterzeichnet. Gemäß dieser Regelung dürfen Staaten von ihrem Festland aus 200 Seemeilen - etwa 370 Kilometer - als Wirtschaftszone nutzen. Für zusätzliche Ansprüche müssen Regierungen einen Erweiterungsantrag bei den Vereinten Nationen stellen. Dieser Vertrag gilt als alleinige Basis für Ansprüche wie die Russlands. Andy Armstrong, ein Wissenschaftler der National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) und Teilnehmer der "Healy"-Expedition, stellte aber einen möglichen Beitritt in Aussicht. Die Bush-Regierung wirbt derzeit im Senat für eine Unterschrift unter der Seerechtskonvention.

Fünfer-Mix aus Forschung, Strategie und Diplomatie

Das US-Schiff werde "Strukturen kartieren, die eine Rolle für die Ausweitung des US-Kontinentalschelfs" haben könnten. Die "Healy" werde den Meeresboden per Echolot erfassen. "Wir können so einen breiten Fächer unter dem Schiff in relativ hoher Auflösung erfassen."

Auch wenn die US-Forscher einen direkten Zusammenhang bestreiten, so darf die Expedition durchaus als Antwort auf die Aktion der Russen gelten, die vor nicht einmal zwei Wochen auf dem Meeresboden am Nordpol ihre Nationalflagge aufgestellt hatten:

  • Ende vergangener Woche kündigte Kanada nicht nur den Bau eines neuen Tiefwasserhafens für Marine- und Handelsschiffe an. Der kanadische Premierminister Stephen Harper ging zudem demonstrativ auf Tour durch die arktischen Gebiete im hohen Norden des Landes. "Unsere Regierung verfolgt eine energische Arktis-Politik", sagte sein Sprecher. Auch der alte Streit mit den Nachbarn im dänisch verwalteten Grönland könnte wieder aufflammen. Die beiden Staaten streiten sich um einen Felsen am Ende der Welt.
  • Auch Dänemark startete am Wochenende eine bereits angekündigte Polar-Expedition. An Bord des schwedischen Eisbrechers "Thor" unternehmen 45 dänische Geologen und Ozeanographen gerade eine fünfwöchige Forschungsreise. Sie wollen - analog zu den russischen Ansprüchen - herausfinden, ob der Lomonossow-Rücken sich nicht vielleicht von Grönland aus Richtung Nordpol fortsetzt, statt von Sibirien aus. Die dänische Regierung hatte sich über Moskaus Nordpol-Show lustig gemacht.
  • Die USA hatten bisher stets betont, dass sie das Polarmeer als "neutrales Gewässer" betrachten - und sich damit gegen kanadische Überlegungen gestellt, die eigene Wirtschaftszone nach Norden auszuweiten.
  • Norwegen hat wegen seiner arktischen Inselgruppe Spitzbergen Wirtschaftsinteressen im hohen Norden. Russische Medien berichteten von einer Anfang Juli gestarteten norwegisch-amerikanischen Expedition zur Erforschung des Gakkel-Rückens im Nordpolarmeer.

Russland selbst plant bereits die nächsten Forschungsfahrten. Es seien weitere geologische Erkundungen mit U-Booten vorgesehen, sagte Wladimir Strugazki, Vizepräsident der Vereinigung russischer Polarforscher, der Nachrichtenagentur Itar-Tass. Mit Spezialgeräten sollten die Bodenstrukturen im Eismeer intensiver untersucht werden. Für das Jahr 2010 peilt das Land eine Uno-Entscheidung über die Ausweitung der Hoheitsgebiete um den Nordpol an.

"Dabei geht es nicht um eine russische Souveränität in der Arktis, sondern um das Recht darauf, die dort vermuteten Rohstoffe wie Öl und Gas zu erkunden und zu fördern", sagte Anatoli Kolodkin, Präsident der Russischen Vereinigung für Internationales Seerecht. Russland werde alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, um die Rohstoffe in der Arktis zu nutzen. "Die Arktis gehört keinem Staat allein", sagte Kolodkin, der im Uno-Tribunal für Seerechtsfragen mitarbeitet. Das Eismeer sei ein "besonderes Gebiet" und ein "gemeinsames Erbe der Menschheit".

Russische Ansprüche seit der Oktoberrevolution

Kolodkin wies auf Russlands lange arktis-wissenschaftliche Tradition hin, die bis in die Zeiten vor der Oktoberrevolution von 1917 zurückreiche. "Es entsteht jetzt manchmal der Eindruck, wir haben uns das gerade erst ausgedacht." Dass Russland am Meeresboden eine Nationalfahne aufgestellt habe, sei aber ohne juristische Bedeutung.

Für die kommenden Jahre erwarten Klimaforscher neue Wärmerekorde in der Arktis. Voraussichtlich 2009 werde der bisherige Spitzenwert aus dem Jahr 1998 eingestellt, prognostizierten US-Forscher vor wenigen Tagen im Wissenschaftsmagazin "Science". Wenn das Meereis in der Arktis dementsprechend weiter schmilzt, werden Schiffswege wie die Nordost- und die Nordwestpassage künftig besser und länger befahrbar sein. Auch die Ausbeutung von Rohstoffen wie Kohle und Gas würden durch die globale Erwärmung erleichtert. Experten fürchten daher schon einen neuen kalten Krieg um die Schätze des hohen Nordens.

stx/AFP/dpa/Reuters

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