• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Autismus-Kinder Roboter dringt in die Stille vor

3. Teil: Kameras als Pupillen, maskenhaftes Gesicht - das seltsame Wesen schlägt die Brücke

Richard ist diese Debatte egal. Der 16-Jährige ist nicht mehr zu stoppen, wenn Ben Robins mit seiner Umhängetasche über den Schulflur geht. Er weiß, da drinnen sitzt Kaspar. Und er ist zu stämmig, als dass ihn jemand aufhalten könnte.

Heute begegnet Richard dem Roboter zum dritten Mal. Brüllend tobt er durch den Raum, als er bemerkt, dass Lenny noch am Tisch sitzt. Kaspar teilen, das kommt nicht infrage. Als er ihn endlich für sich hat, streichelt er behutsam über den schwarzen Schopf und krempelt ihm die T-Shirt-Ärmel hoch. Tief schaut er ihm in die Augen: "Kameras", murmelt er. "Ja, die Pupillen, das sind Kameras", sagt Robins.

Richard pflegt eine eigentümliche Beziehung zu Kaspar. Längst hat er erkannt, dass das seltsame Wesen eine Maschine ist. Längst weiß er, wie das Programm funktioniert, das den Kopf hin- und herdreht. Und trotzdem drückt er seine Nase vorsichtig auf die des Roboters, als wäre er sein kleiner Bruder.

Auf die Idee, dass Roboter eine besondere Anziehungskraft auf Autisten ausüben könnten, kam Kerstin Dautenhahn, die Leiterin von Robins’ Arbeitsgruppe, bereits vor zehn Jahren. "Damals dachte ich, alle Welt forscht an immer komplexeren Maschinen", sagt sie. "Für Autisten ist aber gerade ein niedrigeres technisches Niveau viel interessanter." Auf einem Kongress in Zürich erzählte sie einem kanadischen Roboterbauer von ihrem Einfall. Prompt schenkte der ihr Labo-1, ein flaches Gefährt mit dicken Reifen und Hitzesensor. "Wir haben es so programmiert, dass es den Standort der Kinder orten und sie verfolgen konnte, ihnen aber davonfuhr, wenn sie selbst darauf zuliefen." Autisten liebten das Spiel.

Der 50 Zentimeter große Kaspar ist nun der erste Roboter mit menschlichem Gesicht, mit dem Dautenhahn und ihr Team experimentieren. Er soll ihnen auch helfen herauszufinden, wie Roboter idealerweise beschaffen sein müssen, damit sich Autisten auf sie einlassen. Die Ergebnisse sollen in das von der EU mit mehr als zwei Millionen Euro geförderte Iromec-Projekt einfließen: Forscher aus sechs Ländern wollen gemeinsam einen Roboter entwickeln, der Kinder mit den verschiedensten Behinderungen beim Lernen unterstützt. Ein Team aus Wien erforscht beispielsweise die Bedürfnisse körperlich Behinderter.

"Von Kaspar haben wir gelernt, dass er gerade auf Autisten unglaublich anziehend wirkt, weil er ein wenig Maschine, ein wenig Mensch ist", sagt Dautenhahn. "Er beherrscht menschliche Ausdrücke, allerdings sind diese immer eindeutig." Leicht geschlossene Augen und herabgezogene Mundwinkel stehen für Traurigkeit, offene Arme und ein Lächeln für Freude. Diese Mimik wirkt so echt, dass sich gesunde Erwachsene unwohl fühlen, wenn sie Kaspar sehen. Zombie-Effekt nennen Roboterforscher dieses Phänomen – es tritt auf, wenn künstliche Gesichter zu stark echten ähneln, zugleich aber auch verstörend leblos sind.

Genau das scheint Kinder wie Richard aber zu beruhigen. Nie käme man auf die Idee, dass gerade der Junge am Tisch sitzt, der gewalttätig wird, sobald ihm ein Mitschüler zu laut ist. Als die Stunde vorbei ist, streicht er Kaspar noch einmal liebevoll über die Gummibacken, fährt noch einmal mit der Fingerspitze über die winzigen Lippen. Und als der Computer herunterfährt und der Roboter in sich zusammensackt, fragt er: "Ist Kaspar traurig?"

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Mensch

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Mehr auf SPIEGEL ONLINE






TOP



TOP