Von Henning Krause
Doch eine solche Zeitmaschine ist kein Fortbewegungsmittel wie in Science-Fiction-Filmen. "Maschine ist eigentlich gar kein gutes Wort für meine Theorie. Meine Zeitmaschine ist selbst Raumzeit, also kein Super-Auto", sagt Ori. Und selbst dann könnte man nur zu dem Zeitpunkt zurückreisen, an dem die erste Zeitmaschine gebaut wurde. Reisen ins Alte Rom oder ins Mittelalter, so Ori, seien prinzipiell ausgeschlossen.
Zudem hat seine Theorie einen Haken: Sie nutzt ein realitätsfernes Universum. "Ori konstruiert hier einen ganz speziellen Raum, damit sein Ansatz zum Zeitreisen funktioniert. Doch eine solche Welt ist nicht unsere. Unser Universum ist ganz anders als Oris Modell", sagt Peter Aufmuth. Der theoretische Physiker beschäftigt sich am Max-Planck-Institut für Gravitationsphysik in Hannover mit der Detektion von Gravitationswellen.
Modelluniversen aus mathematischen Formeln
Dieser Schwierigkeiten ist sich Ori durchaus bewusst. "Ich vermute sogar, dass die Probleme, vor denen wir noch stehen, niemals gelöst werden. Aber das ist noch unklar." Zwar halten es Physiker wie Aufmuth für einen Vorteil, auf die exotische Materie mit ihrer negativen Dichte verzichten zu können. Doch es blieben weitere offene Punkte. "Die Frage etwa, ob sein Modell stabil ist, klammert Ori ganz bewusst aus."
Ori beobachte eben nur ein Modelluniversum, um einen weiteren Schritt hin zu einer realistischen Beschreibung unseres Kosmos zu gelangen und dabei hinzuzulernen, erklärt Aufmuth. Dies sei eine übliche Vorgehensweise in der theoretischen Physik. "Aber eine Zeitmaschine kann man damit nicht bauen", sagt Aufmuth. "Uns fehlt auch die Technologie, um die riesigen Gravitationsfelder, die man benötigt, kontrollieren zu können", gibt Ori selbst zu.
Wider die Logik
Was durch Zeitreisen alles möglich werden könnte, trägt teils bizarre Blüten – Kausalitätsparadoxie heißt eine davon. "Die Allgemeine Relativitätstheorie erlaubt Wurmlöcher und Zeitreisen", sagt Schimming. "Letztere können jedoch Probleme mit der Kausalität verursachen, wenn der Zeitreisende die Geschichte ändert." So reist der Protagonist des Films "Zurück in die Zukunft" in die Vergangenheit seiner Eltern. Da sich seine Mutter dort in ihn anstatt in seinen Vater verliebt, droht seine eigene Zeugung niemals stattzufinden. Das Paradox: Wie könnte jemand seine eigene Zeugung verhindern, wenn er dann doch niemals geboren sein dürfte?
Derlei Widersprüche verwirren nicht nur Kinobesucher. Auch Wissenschaftler machen sich Gedanken über solche Paradoxien. Der berühmte Physiker Stephen Hawking sagte: "Die Gesetze der Physik haben sich verschworen, eine Zeitreise von makroskopischen Objekten zu verhindern."
Viele andere Welten sind möglich
Eine Antwort auf die Kausalitätsfrage könnte eine nicht unumstrittene quantenmechanische Interpretation liefern, die sogenannte Vielwelten-Theorie. Ein Multiversum verzweigt sich demnach zu jedem Zeitpunkt in viele Welten - für jede mögliche Zukunftsentwicklung ein Universum: Ein Universum, in dem der junge Mann im Klassenzimmer die Antworten der mündlichen Abiturprüfung weiß, und eines, in dem er sie nicht weiß. Um besser abzuschneiden, bräuchte er dann schon ein Sprungbrett, um zwischen diesen Welten hin- und herzuspringen.
Doch noch sind weder solche Sprungbretter erfunden, noch Zeitmaschinen gebaut. Abiturienten werden sich also auch in Zukunft auf alle denkbaren Fragen vorbereiten müssen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH