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Vorurteils-Forschung Test offenbart geheime Gedanken

4. Teil: Klischeedenken

Bis vor Kurzem wurde der IAT ausschließlich in der psychologischen Grundlagenforschung eingesetzt. Mittlerweile gibt es jedoch erste kommerzielle Anwendungen – etwa für Marktanalysen. Das Ziel der Werbetreibenden liegt auf der Hand: Mit impliziten Verfahren zu erfassen, welchen Marken bestimmte Berufsoder Altersgruppen besonders zuneigen. Auch Anwendungen im Personalwesen sind denkbar. "Zurzeit wird außerdem untersucht, inwiefern der IAT es erlaubt, implizite Aggressivität bei Verkehrssündern zu erfassen", erläutert Schnabel.

Für den IAT-Skeptiker Blanton ist es allerdings ethisch nicht vertretbar, den Test einzusetzen, um Aussagen über Einzelne zu fällen – weder, um potenzielle Verkehrsrowdys zu überführen, noch, um die demokratische Gesinnung zu ermitteln. Sein Haupteinwand: Beim impliziten Messen zerfalle die Welt in zwei Kategorien – in Schwarz und Weiß, Groß und Klein, Dick und Dünn. Dadurch zwängen die IAT-Forscher ihre Probanden, ausschließlich in Gegensätzen zu denken. Das wirkliche Leben aber kenne viele Schattierungen. Die Vorurteilsforscher, so der Psychologe, würden ihre Versuchspersonen geradezu zwingen, die Welt durch eine ideologische Brille zu betrachten – um sie anschließend des Schwarz-Weiß-Denkens zu bezichtigen.

Befürworter des Verfahrens verweisen wiederum auf Studien, die belegen, dass der IAT zumindest recht zuverlässig erfasst, welcher Gruppe sich eine Person zugehörig fühlt. So stellte der Pionier der IAT-Forschung, Anthony Greenwald, bereits 1998 fest, dass japanischstämmige Amerikaner japanische Vornamen schneller mit positiven Begriffen assoziierten als etwa koreanische. Koreanern fiel es wiederum leichter, koreanische Vornamen mit positiven Wörtern wie Freude oder Blume zu verbinden als japanische.

Die unbewusste Präferenz für die eigene Gruppe, die so genannte "In-Group-Love" wurde mit einem so genannten "Gefühlsthermometer" gemessen und spiegelt sich auch in den expliziten Angaben der Probanden wider.

Zahlreiche Studien bestätigten Greenwalds Ergebnisse: So ergab der IAT jeweils klare Identifikationsmuster zwischen Nord- und Süddeutschen, Christen und Juden oder Ex-DDR- und BRD-Bürgern.

Der Psychologe Aiden P. Gregg von der University of Southampton (England) wendete den IAT an, um angstbezogene Assoziationen bei Spinnen- und Schlangenphobikern zu messen. Das Ergebnis: Mittels impliziter Messungen ließen sich die beiden Phobiker-Gruppen klar voneinander trennen. Der Test kann also dabei helfen, Differenzialdiagnosen zu stellen. Und dem Sozialpsychologen Rainer Banse von der Universität Bonn gelang es im Jahr 2001, anhand von IAT-Werten die sexuelle Orientierung von Personen zu bestimmen.

Doch auch in puncto "Eigengruppen-Liebe" sind die Resultate nicht so einheitlich, wie es auf den ersten Blick scheint. So haben Raucher häufig eine implizite negative Haltung gegenüber dem Rauchen, wie Laurie A. Rudman von der Rutgers University in New Jersey feststellte. Ihre Kollegin Anne Roefs von der Universität Maastricht entdeckte, dass Fettleibige kritischer gegenüber kalorienhaltigen Speisen eingestellt sind als Normalgewichtige. Schokolade oder Eisbein stehen demnach bei Korpulenten weniger hoch im Kurs als bei Menschen mit der Kleidergröße S oder M!

Die mit dem IAT gemessenen Reaktionszeiten verraten letztlich zweierlei: Zum einen geben sie darüber Aufschluss, ob und wie stark jemand seine eigene Gruppe bevorzugt; zum andern lässt sich daran ablesen, welche gesellschaftlichen Werte zurzeit positiv oder negativ besetzt sind. So würden korpulente, alte und rauchende Menschen wohl lieber zur Gruppe der dünnen und jungen Nichtraucher gehören. Der IAT misst also Verborgenes, Uneingestandenes. Doch ob es sich dabei um Einstellungen, Schuldgefühle, momentane Stimmungen, Wünsche oder handfeste Vorurteile handelt, ist im Grunde noch unklar.


Nikolas Westerhoff ist promovierter Psychologe und lebt in Berlin.

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