"Man ist immer die Überlebende": Anke Müller plagen andere Krankheiten und das Leid von Aids-Kranken. Eine Genanalyse soll die Aids-Immunität enträtseln.
Insgesamt acht seiner rund 800 HIV-Patienten sind Langzeitüberlebende, sagt Rockstroh, der seit Juni Vorsitzender der Deutschen Aids-Gesellschaft ist.
"Es gibt genetisch fixierte Eigenschaften, die den individuellen Verlauf einer HIV-Infektion bestimmen", sagt der Mediziner. Bei Anke Müller treffen anscheinend zwei gute aufeinander: Sie hat einen sogenannten Chemokin-Rezeptor-Defekt und ist außerdem HLA-B27-positiv.
HLA steht für Humane Leukozyten-Antigene: Diese Moleküle befinden sich auf der Oberfläche von weißen Blutkörperchen, den Immunzellen. Die spezielle Variante, die bei Müller identifiziert wurde, ist bereits bekannt dafür, den Verlauf von "HIV-positiv" zu "aidskrank" zu verzögern. Damit die HI-Viren überhaupt in die Immunzellen eindringen können, müssen sie an die Zellen andocken – an bestimmte Stellen wie den sogenannten Chemokin-Rezeptoren. In dem Gen, das den Bauplan für diesen Rezeptor enthält, fehlen bei Müller jedoch Bausteine. Das bringt den Bauplan durcheinander und lässt die Viren nicht in die Zelle.
"Die Viren suchen und finden jedoch Auswege", sagt Rockstroh. "Ein günstiges Merkmal zu haben, heißt außerdem nicht, dass nach 30 Jahren immer noch alles gut ist." Welche Gen-Defekte machen also Menschen gegen Aids immun? Welche müssen zusammenkommen, damit bei einem HIV-Positiven die Krankheit nicht ausbricht?
Bruce Walker gilt als einer der besten Aids-Forscher der Welt. Er hat einen der ersten Langzeitüberlebenden entdeckt. Jetzt sucht Walker am Partners Aids Research Center in Boston nach den winzigen Fehlern im Erbgut, die Menschen gegen Aids immun machen.
Winzige Gen-Defekte sollen vor Aids schützen
1994 habe ihn ein Mann besucht und behauptet, sich Ende der siebziger Jahre mit HIV infiziert, aber seitdem keine Aids-Symptome zu haben. Walker testete ihn - und fand in seinem Blut keine HI-Viren. Der erste Gedanke des Immunologen: Der Mann ist nicht infiziert.
Doch weitere Tests belegten das Gegenteil. 1997 machte Walker den Fall im Wissenschaftsblatt "Science" publik. Es war eine der ersten Veröffentlichungen über diese seltene Immunantwort von HIV-Infizierten. Heute, zehn Jahre später, ist das Geheimnis der "Elite Controller" noch immer nicht gelüftet.
Deswegen drängte Walker bei der Internationalen Aids-Konferenz in Toronto im vergangenen Jahr die anwesenden Kollegen, ihm Blutproben HIV-positiver Langzeitüberlebender zu schicken. Jeweils 300 Proben von außergewöhnlichen HIV-Infizierten und Gesunden sind mittlerweile in Boston angekommen; Müllers Spende ist längst da. Die erste Zwischenanalyse hat gerade begonnen. In den nächsten Wochen sollen punktuelle Veränderungen in der Erbsubstanz gefunden werden, die typisch für die Langzeitüberlebenden sind.
Derweil plagen Müller nicht die wenigen Viren in ihrem Körper, sondern Diabetes, Bluthochdruck, Schilddrüsenunterfunktion. Und eine Hepatitis C, die sie sich wohl auch während ihrer Drogenzeit geholt hat. Vielleicht wird eine dieser Krankheiten ihren Tod bedeuten. Vielleicht bekommt sie aber auch irgendwann einen Herzinfarkt oder Lungenkrebs, denn Müller trinkt nonstop Kaffee und dreht sich eine Zigarette nach der anderen. Sie scherzt: "Mittlerweile ist es mir egal, woran ich sterbe."
Nach der HIV-Diagnose hielt sie sich an das Motto: Lebe jeden Tag, als wäre er dein letzter. "Bis ich nach ein paar Jahren einsehen musste: Ich werde nicht morgen sterben, zumindest nicht an Aids. Ich lebe gerne, das Leben ist klasse." Sie lacht. Müller hat den 18. Geburtstag ihrer Tochter miterlebt - und ausgelassener gefeiert als Sarah selbst.
Hundert Aids-Tote überlebt – "zu viele"
Schwieriger ist zuweilen der Umgang mit anderen HIV-Infizierten. "Man ist immer die Überlebende", sagt Müller. Vorwürfe habe ihr zwar nie jemand gemacht - aber sie meint, manchmal so etwas wie Neid von Aidskranken zu spüren. Rund 100 Bekannte und Freunde hat sie mittlerweile überlebt - "zu viele", findet sie. Die meisten kannte sie von der Aids-Hilfe, wo sie gearbeitet hat, bis sie vor drei Jahren die Aids-Initiative Bonn mitgründete.
"Stefan, umsonst gegangen, einfach so", steht auf einer Karte, die an der Wand in ihrem Büro hängt. Auf einer anderen heißt es: "Hallo Schatz, Danke für deine Liebe. Du warst das Beste, was mir passieren konnte. Ich hab's vermasselt. Vergessen werde ich dich nie." Die Wände in Müllers Büro reichten nicht für alle Abschiedskarten.
"Wieso kann ich nicht mal schlechte Werte haben?", fragt sie. Ins Café der Anti-Aids-Initiative - einen orange angestrichenen Raum mit roter Couch, einem großen Tisch und einem Computer - kommen immer wieder Menschen, die gerade ein positives Test-Ergebnis bekommen haben. Müller outet sich nicht immer sofort, manchmal auch gar nicht. Fotografieren lässt sie sich nie. "Ich bin nicht typisch", sagt sie, leise, doch vehement. "Ich will keine falsche Hoffnung wecken."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH