Von Markus Becker
Das Verschwinden des Neandertalers ist noch immer rätselhaft: Wissenschaftler kennen nicht einmal den Zeitpunkt seines Aussterbens, geschweige denn die genauen Umstände. Bisher scheint nur eines festzustehen: Irgendwann vor 32.000 bis 24.000 Jahren verschwand Homo neandertalensis von der Bildfläche. Die Gründe sind allerdings offen. Manche Forscher vermuten, dass der nach Europa drängende Homo sapiens seine grobschlächtigeren Vettern verdrängt hat. Andere wiederum glauben, dass in erster Linie eine katastrophale Eiszeit dem Neandertaler den Garaus gemacht hat, wie etwa ein 30-köpfiges Team aus unterschiedlichen Forschungsdisziplinen im September 2004 behauptet hat.
Die Rekonstruktion der Vorgänge während des Neandertaler-Sterbens wird erschwert durch die Ungenauigkeit der Radiokarbonmethode, auf der die Datierung fossiler Funde meist beruht. Alle Lebewesen benötigen Kohlenstoff, der in ihnen vor allem in Form des Isotops C-12 vorkommt. In geringen Mengen existiert auch das radioaktive Kohlenstoff-14 in der Natur, das über zwei Neutronen mehr im Atomkern verfügt. Wenn ein Organismus stirbt, wird der Anteil an C-14 eingefroren. Da das Isotop mit einer bestimmten Rate zerfällt, können Forscher den C-14-Anteil eines Fossils mit jenem Anteil vergleichen, den das Lebewesen zu seinen Lebzeiten besessen haben muss. Aus dem Unterschied kann man auf sein Alter schließen.
Das Problem: Der Anteil von Kohlenstoff-14 in der Umwelt ist ebenfalls Veränderungen unterworfen, und die waren zur Zeit des Neandertaler-Aussterbens leider besonders groß. Datierungen von Fundstücken aus dieser Zeit können deshalb ungenau sein. Da auch über den Zeitpunkt des Neandertaler-Aussterbens Unsicherheit herrscht, war es bisher nahezu unmöglich, das Verschwinden des Homo-sapiens-Verwandten eindeutig mit einer Eiszeit in Verbindung zu bringen.
Eiszeit höchstens indirekter Auslöser
Ein internationales Team um Chronis Tzedakis von der University of Leeds hat nun nach eigenen Angaben einen eleganten Ausweg gefunden. Die Forscher haben sich einfach nicht darum gekümmert, ob der Neandertaler nun vor 32.000, vor 28.000 oder - so die umstrittenste Theorie - erst vor 24.000 Jahren verschwunden ist. Stattdessen haben sie die C-14-Messdaten direkt mit der Klimavergangenheit verglichen - anhand eines Bohrkerns aus der Tiefsee. Der absolute Zeitpunkt des Aussterbens ließ sich so zwar nicht festlegen - dafür konnten die Forscher aber den Zusammenhang mit Klimaereignissen untersuchen.
Das Ergebnis: Eine Eiszeit kann nicht der alleinige Grund für das Aussterben des Neandertalers gewesen sein, schreiben die Wissenschaftler im Fachblatt "Nature" (Bd. 449, S. 206). In den letzten Jahrtausenden der Neandertaler-Geschichte habe zwar ein sehr instabiles Klima geherrscht. Doch solche Bedingungen hätten die Frühmenschen bereits viele Jahrtausende ausgehalten, ohne daran zugrunde zu gehen. Selbst vor etwa 24.000 Jahren, als es zu einer Abkühlung und einem massiven Vorstoß der Gletscher in Europa gekommen sei, müssten die Neandertaler im heutigen Gibraltar - wo auch die jüngsten Knochenfunde herstammen - noch gute Lebensbedingungen vorgefunden haben.
Vielversprechende Methode
Der Tiefsee-Bohrkern, den das Team für seine Vergleiche benutzt hat, stammt aus dem Cariaco-Becken im südamerikanischen Venezuela und nicht aus Europa, dem Lebensraum der Neandertaler. Darin aber sieht Katerina Harvati, Forscherin am vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie und Mitautorin der Studie, keinen Nachteil. Man habe den Bohrkern mit solchen aus Grönlands Eis verglichen und exakt die gleichen Temperatursignale gefunden. "Das macht uns zuversichtlich, vom Cariaco-Bohrkern auch auf Europa schließen zu können", sagte Harvati im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Was nun die Gründe für das Aussterben der Neandertaler betrifft, ist die Wissenschaft kaum schlauer als zuvor: Es war wohl eine Kombination aus mehreren Faktoren wie Klimaschwankungen und der Konkurrenz durch den modernen Menschen, vermutet das Team um Tzedakis. Möglicherweise habe die herannahende Eiszeit auch den Wettbewerb mit Homo sapiens verschärft und den Neandertaler so indirekt aussterben lassen.
"Wirklich neu ist aber unser Ansatz", meint Harvati. "Er hat ein enormes Potential, um herauszufinden, welche Rolle das Klima bei einschneidenden Ereignissen gespielt hat, die bereits aus Fossilienfunden bekannt sind."
Mit Material von ddp
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