Von Katrin Blawat
Wie leichtsinnig das Wissen um verbesserte Sicherheit machen kann, zeigt sich auch im Umgang mit Krankheiten. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sieht heute nur noch ein Drittel der Bevölkerung Aids als eine der gefährlichsten Krankheiten an; vor zehn Jahren waren es noch fast zwei Drittel. Seit dem Jahr 2000 steigt die Zahl der jährlichen Neuinfektionen in Deutschland wieder. Im vergangenen Jahr registrierte das Robert-Koch-Institut etwa 2611 Erstdiagnosen, vor sechs Jahren waren es noch 1443. Für viele Menschen hat Aids seinen Schrecken als tödliche Krankheit verloren, nachdem immer häufiger über existierende und mögliche Therapien berichtet wird.
Eine solche Verhaltensänderung beschreibt Steven Pinkerton vom Medical College of Wisconsin in einer Studie. Demnach setzen heute viele homosexuelle Männer, die meistens Kondome benutzen, den so gewonnenen Schutz durch häufigere Partnerwechsel wieder aufs Spiel. Zudem unterscheiden viele gar nicht erst zwischen Therapie und Prävention. Wie die Los Angeles Times berichtet, ist es in einigen Tanzclubs der Stadt üblich, zu Beginn des Abends das Aids-Medikament Tenofovir zu schlucken – als vermeintlichen Schutz gegen die Infektion.
Warum fallen wir immer wieder auf unser trügerisches Gefühl von Sicherheit herein? "Menschen haben keinen guten Sensor für Risiken und Unfallwahrscheinlichkeiten", sagt der Psychologe Schlag. "Wir gewöhnen uns daran, dass hundert Mal nichts passiert ist und vergessen, dass das Risiko trotzdem noch so groß ist wie beim ersten Mal." Außerdem neigen Menschen dazu, die eigenen Fähigkeiten zu überschätzen und ihr Fehlerrisiko entsprechend zu unterschätzen. "Wenn Sie hundert Personen fragen, wie gut sie Auto fahren, werden 80 antworten: ‚überdurchschnittlich gut‘", sagt Trimpop.
Doch nicht jedes Wagnis geht der Mensch quasi aus Versehen und nur dank seiner Unfähigkeit ein, Gefahren richtig einzuschätzen. "Stellen Sie sich mal ein Leben ganz ohne Risiko vor, das wäre doch die Hölle", sagt Trimpop. Ein gewisses Maß an Unsicherheit und Gefahr gibt Menschen Antrieb, verleiht Schwung und bewahrt den Alltag davor, zu öder Routine zu verkommen. Deshalb haben Freizeitaktivitäten Hochkonjunktur, in denen sich die Gefahr niemals ganz ausschalten lässt.
"Wir leben in einer überversicherten Gesellschaft", sagt Dirk Steinbach vom Institut für Freizeitforschung der Sporthochschule Köln. Extremsportarten wie Drachenfliegen oder Fallschirmspringen sind die letzten Refugien, in denen die Gefahr noch aus der Tätigkeit selbst erwächst und nicht aus dem Versprechen vermeintlicher Sicherheit. Und so beurteilen Psychologen den Drang zum Risiko als durchaus normal. "Indem wir Risiken eingehen, lernen wir die Welt kennen", sagt die Risikoforscherin Kimberly Thompson von der Harvard-Universität. "Risiken sind Teil unseres Lebens." Ihr Kollege Trimpop geht noch weiter: "Es ist unmenschlich, das Risiko minimieren zu wollen."
Das haben inzwischen auch Verkehrsplaner erkannt und setzen statt auf die gefährliche Illusion von Sicherheit darauf, Autofahrern eine realistischere Gefahreneinschätzung zu vermitteln. Sie wollen die rück-sichtslosen, sich unverwundbar wähnenden Leute am Steuer zu mehr Menschlichkeit erziehen. "Ideal wäre es, die Straßen sicherer zu machen und gleichzeitig unsicherer wirken zu lassen", sagt der Verkehrspsychologe Schlag. Engere Fahrbahnbreiten beispielsweise bewirken mehr Vorsicht bei Autofahrern als Schilder und Ermahnungen. In einem Experiment in New South Wales in Australien fuhren die Probanden pro 30 Zentimeter, die die Straße enger wurde, freiwillig um 3,2 Kilometer/Stunde langsamer.
Auf ähnliche Weise reguliert sich auch der Verkehr in Tunnels mehr oder weniger von selbst. "Die Fahrer haben Angst, im Notfall nicht fliehen zu können", sagt der Verkehrsforscher Reinhart Kühne vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt. Zumindest auf den ersten 700 Metern fahren die meisten Menschen vorsichtig und langsam. Das wirkt sich deutlich auf die Unfallwahrscheinlichkeit auswirkt, wie eine Studie des österreichischen Kuratoriums für Verkehrssicherheit im vergangenen Jahr ergeben hat. "Die Unfallraten in Tunnels liegen bis zu einem Viertel unter denen auf freier Strecke", sagt Reinhart Kühne.
Hinweisschilder und Regeln zählen dagegen zu den Faktoren, die ein trügerisches Sicherheitsgefühl und rücksichtsloses Verhalten begünstigen. "Verkehrsregeln erlauben dem Fahrer, seine Intelligenz auszuschalten", sagt der Verkehrsplaner Hans Monderman vom Keuning Institut in Groningen. "Wir müssen wieder mehr Unsicherheit auf die Straßen bringen, damit jeder stärker auf den anderen achtet." So ließen sich nur wenige Autofahrer von einem Schild beeindrucken, das auf spielende Kinder hinweise. Wer im Auto sitze, fühle sich als der Stärkere: Warum Rücksicht nehmen, wenn einem die Verkehrsregeln sowieso Recht geben?
Wenn jedoch Kinder auf einem Platz spielen, der Autos, Fahrrädern und Fußgängern gleichermaßen zusteht, lösen sich solche eingeübten Rollen auf, und jeder muss sich mit den anderen Verkehrsteilnehmern verständigen, wer wann wohin fahren oder gehen darf. Im nordniederländischen Städtchen Drachten hat Monderman den praktischen Erfolg dieser Idee vom "geteilten Raum" bewiesen. Vor drei Jahren wurden an einem großen Platz sämtliche Verkehrsregeln und -schilder abgeschafft. Größere Unfälle gab es an der umgestalteten Kreuzung bislang nicht. Im nächsten Jahr soll in der Gemeinde Bohmte in Niedersachsen ein ähnliches Projekt starten.
Ein weiterer Anreiz zu mehr gegenseitiger Rücksicht ließe sich auch durch Vergrößerung des Schadens setzen, den ein Autofahrer bei einem Unfall nimmt – nicht an Leib und Leben, sondern im Portemonnaie: "In wirtschaftlich schlechten Zeiten passen Menschen besser auf. Da ist schon jeder Blechschaden am Auto eine Katastrophe", erläutert Trimpop Statistiken, nach denen es weniger Verkehrstote gibt, je mehr Menschen arbeitslos sind und je niedriger die Produktivität eines Landes ist. "Bei guter Konjunktur ist ein Blechschaden dagegen nur der Preis, den man notgedrungen für Mobilität bezahlt", sagt Trimpop.
Die verkehrsberuhigende Wirkung monetärer Risiken ist inzwischen gut belegt. Die Psychologen Gerald Wilde und Sébastien Simonet etwa untersuchten den Zusammenhang zwischen Wirtschaftslage und Verkehrstoten in der Schweiz zwischen 1965 und 1994: "Eine Verdopplung der Todesrate ging mit einer Steigerung der Erwerbstätigenrate um neun Prozent einher", schreiben sie. Solche Korrelationen seien über die Jahrzehnte konstant geblieben und hätten sich erstaunlich genau vorhersehen lassen.
Ob auch der im letzten Jahr begonnene Aufschwung in Deutschland die Unfallzahlen in die Höhe schnellen lässt? Rüdiger Trimpop nimmt das an. "Ich habe seit vergangenem Oktober Wetten laufen."
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