• Drucken
  • Senden
  • Feedback
22.09.2007
 

Steinzeit-Ausstellung

Ermittler klären 7000 Jahre altes Massaker auf

Es ist ein echter Steinzeit-Krimi: 34 Menschen fielen vor 7000 Jahren einer Mörderbande zum Opfer. Jetzt haben Archäologen und Gerichtsmediziner den Tathergang für eine Ausstellung rekonstruiert. Seit heute sind die Ergebnisse zu sehen.

"Tatort Talheim - 7000 Jahre später - Archäologen und Gerichtsmediziner ermitteln". So haben die Städtischen Museen Heilbronn ihre aktuelle Ausstellung genannt, in der ab dem heutigen Samstag das "Massaker von Talheim", dem 34 Menschen zum Opfer fielen, aufgeklärt werden soll. Ein schwieriges Unterfangen, liegt doch die Tat mehr als sieben Jahrtausende zurück. Aber erst vor knapp 25 Jahren kamen die Überreste der Opfer ans Tageslicht. Heute bezeichnet Christina Jacob, Leiterin der Archäologie-Abteilung der Heilbronner Museen, den Fund als "weltweit einmalig".

Es begann mit einem Frühbeet, das tiefer gelegt werden sollte, damit die ersten Salatköpfe der Familie Schoch aus Talheim im Kreis Heilbronn nicht gleich von der Frühlingssonne verbrannt werden.

Dieses Beet lag unmittelbar neben dem Wohnhaus des bäuerlichen Anwesens am Ortsrand. Erhard Schoch griff zum Spaten, stieß aber bereits nach wenigen Stichen auf Knochen. Zuerst habe er an einen "vergrabenen Hund" gedacht, erinnert sich Schoch. Als es immer mehr Knochen wurden und er einen menschlichen Unterkiefer erkannte, war allerdings schnell klar, dass es sich um einen besonderen Fund handeln musste.

Offenkundige Anzeichen für einen gewaltsamen Tod

Wie einmalig dieser sein sollte, ahnte der Bauer aber nicht, als er die Behörden einschaltete. Erst nachdem Experten in der drei Quadratmeter großen Grube insgesamt 34 Skelette freigelegt hatten, wurde deutlich, dass es sich um einen der größten steinzeitlichen Knochenfunde weltweit handelt - Männer, Frauen und Kinder, ganz offenkundig allesamt eines gewaltsamen Todes gestorben und "einfach verscharrt", sagt Jacob. Das Fehlen jeglicher Hinweise auf einen Bestattungskult lasse nur einen Schluss zu: Hier muss ein Massaker stattgefunden haben.

Die Ausstellung "Tatort Talheim", die bis zum 27. Januar 2008 läuft, versucht mit den Mitteln der Archäologie und der Gerichtsmedizin, den Tätern auf die Spur zu kommen und den Opfern ein Gesicht zu geben. Dank der Radiokarbon-Datierung ist inzwischen bewiesen: Die Opfer von Talheim waren Menschen der Frühsteinzeit, aus der Epoche der späten Bandkeramik, datiert auf etwa 5000 vor Christus.

Modernste Methoden zur Aufklärung uralter Morde

Mit Hilfe neuester Forschungsmethoden und einiger genetischer Tüftelarbeit konnten neben Alter, Geschlecht, Krankheiten und Mangelerscheinungen sogar die verwandtschaftlichen Beziehungen der etwa vier Großfamilien nachvollzogen werden, unter ihnen auch Waisenkinder. Fundnummer 84/4 etwa ist eine Frau von 20 Jahren mit einem Hüftschaden und einem deformierten Arm, der darauf verweist, dass sie an einer Krücke ging. Sie wurde, wie auch ein etwa achtjähriger Knabe, für die Ausstellung in Lebensgröße rekonstruiert.

Während die Überreste der Knochen und Schädel in Vitrinen liegen, stellen 34 Holzschnitte alle Getöteten dar - mit ihrem persönlichen Steckbrief. Der Tathergang wird in der Ausstellung szenisch umgesetzt, wobei die Darstellung der Wirklichkeit sehr nahe komme, sagt Jacob. Denn die Verletzungen - auch eine Erkenntnis der modernen Gerichtsmedizin - könnten nur auf die gezeigte Art entstanden sein.

Impaktfrakturen deuteten darauf hin, dass die Steinzeitler mit querschaftigen Beilen erschlagen worden seien - mehrere Schädel hätten solche Brüche am Hinterkopf. Hinzu kamen Pfeileinschüsse von hinten.

Für die Forscher steht fest: Es muss ein Angriff aus dem Hinterhalt gewesen sein. "Von Seiten der Opfer gab es kaum Gegenwehr", sagt Jacob. Womöglich seien die Menschen im Morgengrauen im Schlaf überrascht worden, denn Pfeile schoss man nicht bei Dunkelheit ab. "Damit dürfte das Klischee einer friedlichen Jungsteinzeit, die Idylle von Ackerbau treibenden Großfamilien in fruchtbaren Auen, endgültig zerstört sein", stellt Jacob fest.

Von Brigitte Fritz-Kador, ddp

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Mensch

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP