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Heilung durch Aktivität Das Wundermittel namens Bewegung

2. Teil: Aktiv ins hohe Alter - wie sich die Lebenserwartung durch Bewegung systematisch steigern lässt

Zugleich ist aber völlig unstrittig, dass sich die Aussicht auf viele gesunde Jahrzehnte durch ein aktives Leben systematisch erhöhen lässt. Viele epidemiologische Studien verweisen auf immer einen Faktor: Tägliche körperliche Aktivität ist verbunden mit einem verringerten Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Schlaganfall, Gedächtnisschwund, Depression, Typ-2-Diabetes, Fettleibigkeit - und sie verlängert das Leben. Das Risiko für Brust- und Darmkrebs wird ebenfalls gesenkt.

Kürzlich haben kanadische Ärzte gemeldet, Bewegung sei noch stärker und wirkmächtiger als bisher angenommen. Aktuelle Untersuchungen haben eine "sogar noch größere Risikoverringerung für die allgemeine Sterblichkeit sowie für Tod durch Herz- und Gefäßkrankheiten ergeben. Fit oder aktiv zu sein war beispielsweise mit einer Risikoverminderung von mehr als 50 Prozent verknüpft".

Die Formel bezieht sich nicht nur auf Sport, bei dem es um Höchstleistungen, um Gewinnen und Verlieren geht. Vielmehr gilt sie für jede Bewegung, die wir durch die Arbeit unserer Muskeln hervorbringen. Dazu zählt schon moderates Tun wie Wandern und Aktivitäten des Alltags wie Treppensteigen, Gehen, Radfahren, Unkraut jäten oder der Hausputz. Gerade diese Art von Gesundheitssport hält jung und verlängert das Leben: Wer jeden Tag 1,6 Kilometer weniger zu Fuß geht als der fidele Nachbar, der wird, statistisch gesehen, sieben Jahre früher sterben.

Während ein Teil der Ärzteschaft nun eine Ära der "schonungslosen Medizin" für geboten hält, begegnen etliche Mediziner der Bewegung noch mit Skepsis, wie die Ärztin Annette Becker mit Befremden zur Kenntnis nimmt. Inzwischen gebe es doch "höchste Evidenz für die Effektivität von Bewegung in der Prävention und Behandlung chronischer Krankheiten beziehungsweise für die Unwirksamkeit oder sogar negativen Folgen von Bettruhe", sagt die Allgemeinmedizinerin von der Universität Marburg. "Trotzdem raten viele Ärzte ihren Patienten vielfach noch zur Einhaltung von längerer Bettruhe, was – wie in der Behandlung chronischer Schmerzen – die Prognose der Patienten verschlechtern kann."

Viele Mediziner tun sich schwer mit neuen Erkenntnissen

Patienten in den Krankenhäusern würden viel zu oft ins Bett gelegt und "erleiden so durch Inaktivität iatrogene (ärztlich verursachte) Nachteile oder auch Schäden", sagt der Remscheider Medizinprofessor und Sportärztepräsident Herbert Löllgen jetzt anlässlich des Kölner Sportärztekongresses. Kaum besser sehe es beim Hausarzt aus, fährt Löllgen fort: "Auch im niedergelassenen Bereich wird noch zu oft Ruhe und Schonung verordnet, wo Bewegung und Aktivität vonnöten wäre."

Viele Ärzte, die heute große Praxen betreiben oder Abteilungen in Krankenhäusern leiten, haben die Lehrbücher zu einer Zeit gepaukt, in der ein Herzinfarktpatient noch vier bis sechs Wochen absolute Bettruhe verordnet bekam. Damit die kranken Menschen stillhielten, wurden manche von ihnen an Armen und Beinen festgewickelt. Einige Mediziner vertraten die Ansicht, unsere Herzen verfügten nur über eine begrenzte Zahl von Schlägen, nach dem Motto: Verbrauche diese Schläge, indem du dein Herz durch Bewegung hetzt, und du verkürzt deine Lebensdauer.

Der US-Historiker Thomas Kuhn hat dargelegt, warum es neue Erkenntnisse in der Wissenschaft immer so schwer haben, die alten Vorstellungen zu verdrängen. Fundamentale Neuerungen werden zunächst unterdrückt, da sie das bisherige Tun der Forscher untergraben und als falsch oder gar töricht entlarven. Während die einen Gelehrten zu der neuen Lehrmeinung überlaufen, halten die meisten trotzig an der überkommenen Sicht fest.

Erste Generation mit zu wenig statt zu viel Betätigung

Bezogen auf Training und Bewegung ist dieser Wendepunkt noch nicht überschritten, urteilt der Hamburger Arzt Rüdiger Reer: Der "Paradigmenwechsel ist im Fluss, konnte jedoch innerhalb dieser kurzen Zeitspanne noch nicht realisiert werden". Und es gibt Anzeichen dafür, dass der Umbruch noch dauern könnte. Ein Medizinstudium dauert viele Jahre, doch nur wenige Stunden davon sind für die Lehre darüber reserviert, wie regelmäßige Aktivität, Fitness und Krankheit eigentlich zusammenhängen.

Aber es sind nicht nur medizinische Profis, denen die Heilkraft der Bewegung verborgen bleibt. Es sind auch wir medizinischen Laien, die ihren Segen verkennen. Noch zu den Kindertagen unserer Großeltern war es in den Industriestaaten so, dass die meisten Menschen ihr Lebenspotential niemals ausschöpfen konnten, weil die körperliche Arbeit in Haushalt und Fabrik so hart war.

Ihre Enkelkinder bilden in den Industrieländern nun Gesellschaften, die durchweg als sesshaft zu bezeichnen sind. Ihre Mitglieder gehören zur ersten Menschengeneration, die einer gegenläufigen Herausforderung gegenübersteht: Der Mensch kann auch früh vergreisen und vor der Zeit sterben, wenn er zu wenig Bewegung bekommt.

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