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02.10.2007
 

Psychologische Fallen

Warum das Bauchgefühl an der Börse versagt

Kämpfen oder fliehen? Für unsere Vorfahren im Dschungel war dieses uralte Verhaltensmuster lebenswichtig - an der Börse kann es kapitale Fehlentscheidungen auslösen. In Geldfragen ist unser Gefühl ein schlechter Ratgeber, schreibt SPIEGEL-Autor Gerald Traufetter.

Auf seiner Webseite fragte Daniel Kahneman: "Kann ich meinen Intuitionen trauen?” Der Psychologe an der University of Princeton, der für seine Arbeit im Jahr 2002 den Nobelpreis für Wirtschaft erhalten hat, antwortet abwägend: "In manchen Situationen ja, in manchen nein. Vor allem, wenn es um Geld geht.”

Händler auf dem Parkett der Börse in Frankfurt am Main: Kaufen oder Verkaufen? Hoffentlich keine Gefühlsfrage
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DPA

Händler auf dem Parkett der Börse in Frankfurt am Main: Kaufen oder Verkaufen? Hoffentlich keine Gefühlsfrage

Kahneman sitzt in einer schwarzen Limousine und ist gerade auf dem Weg dorthin, wo sich alles ums Geld dreht. Er ist ein vielbeschäftigter Mann und gefragter Redner, weswegen er ein- oder zweimal die Woche seine Idylle in der Parklandschaft von Princeton verlässt. In der Ferne zieht die Skyline von Manhattan am Autofenster vorbei. Hinter den Stahlfassaden der Wolkenkratzer sitzt eine seltsame Spezies Mensch. Sie scheint sich von Zahlen zu ernähren. Statistiken, Analysen, Charts und Portfolios sind der Nährstoff ihres hektischen Treibens.

Der dünne Strich der Kursverläufe, das ewige Auf und Ab, bestimmt den Pulsschlag ihres Lebens. Nirgendwo sonst auf der Welt, denkt man, regiert eine rigorosere Rationalität. Jede noch so kleine Gefühlsregung wird von der kalten Luft der Klimaanlagen sofort durch die Abluftrohre nach draußen geblasen. Wie kaum ein anderer hat er die chaotischen Verhältnisse studiert, in denen die hochbezahlten Geldjongleure der Wallstreet jeden Tag operieren. Vor allem aber kennt er die psychologischen Gründe für dieses Durcheinander, das sich Marktgeschehen nennt und einen fatalen Hang zum Totalabsturz hat.

Eine Bank hat ihn zum Lunchvortrag eingeladen. Dort soll er seine gerade für Banker oft wenig schmeichelhaften Thesen vortragen. "Ein ganz charakteristisches Verhalten des Menschen”, so doziert der Psychologe, "ist seine Scheu vor Risiken.” Ein Test mache das deutlich. Man stellt Probanden vor die Alternative, entweder einen sicheren Gewinn von 900 Euro einzustreichen oder aber einen Gewinn von 1000 Euro, den sie allerdings nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 90 Prozent erhalten würden. Obwohl der Gewinn beim zweiten Angebot in den meisten Fällen höher ausfällt, entscheidet sich die Mehrzahl der Teilnehmer für die risikofreie Alternative.

Der Mensch fürchtet sich

Die Angst vor einem Verlust sei ungefähr doppelt so stark wie die Freude über einen Gewinn. Beim Spekulieren mit Aktien führe das zu einem Problem: Bei steigenden Wertpapierkursen neigt der Anleger dazu, zu früh den Gewinn mitzunehmen. Bei fallenden Kursen dagegen erliegt der Mensch einem anderen Intuitionsdefekt.

Sollen sich Probanden zwischen einem sicheren Verlust von 900 Euro und einer 90-prozentigen Wahrscheinlichkeit entscheiden, 1000 Euro zu verlieren, dann wählen sie die zweite Alternative. Sie klammern sich an die Hoffnung, mit zehn Prozent Wahrscheinlichkeit einen Verlust abzuwenden. "Plötzlich sind sie aus Angst vor Verlusten bereit, alles zu riskieren”, urteilt Kahneman, der zusammen mit seinem Kollegen Amos Tversky die sogenannte "Prospect Theory” als Gegenentwurf zum Rationalismus der Ökonomenzunft entwickelt hat.

Ein großer Anhänger dieser Theorie ist der Psychologieprofessor Antonio Damasio aus Los Angeles. Er lobt Kahneman und Tversky für ihre "genialen Ideen”, weil sie "Aspekte ökonomischer Entscheidungen des Menschen eingefangen haben, die den konventionellen Weisheiten zuwiderlaufen”. Die große Angst vor einem Verlust erklärt Damasio mit den emotionalen Steuerimpulsen im Gehirn. Bei einem starken negativen Reiz, etwa einem Kurssturz an der Börse, löst die Amygdala ohne große Reaktionszeit eine kurze, heftige Antwort aus: Kämpf oder flieh. Dieser Reflex existiert noch aus den evolutionären Frühtagen des Menschen und war damals, vor Erfindung der Börsen, eine sinnvolle Sache. Beim Anblick eines Schlangenkörpers schaltete das Gehirn sofort in den emotionalen Ausnahmezustand. Selbst wenn sich die vermeintliche Schlange nur als krummer Stock herausstellte, waren die Folgen des falschen Alarms gering. "Die Amygdala wurde zum Zwecke des Überlebens geschaffen und nicht für die Börsen”, verteidigt Damasio die Evolution.

Eine Panikreaktion im Angesicht fallender Aktienkurse kann sich als ein falsches Verhalten entpuppen. Ganz verteufeln sollte man die Amygdala, jenes mandelförmige Areal im Temporallappen und Hauptbestandteil des limbischen Systems, dennoch nicht. Patienten mit einer Schädigung jenes Warninstruments, das hat Damasio in seiner medizinischen Praxis häufig beobachten können, landen über kurz oder lang meist im wirtschaftlichen Ruin.

Schwankende Risikobereitschaft

Der Neurologe pflichtet Kahneman bei in seiner Beobachtung, dass der Aktionär gerade in Zeiten sinkender Kurse bereit ist, enorme Risiken einzugehen, um dem drohenden Verlust zu entgehen. Schuld daran ist jener Impuls, der sich immer dann einstellt, wenn der Mensch ein bekanntes Muster wahrnimmt. Verarbeitet wird es im ventromedialen präfrontalen Cortex.

Ein solches Muster könnte für einen Börsenbroker etwa eine besondere Konstellation aus Konsumdaten, Konjunktur und bestimmten Vorgängen an den internationalen Währungsmärkten sein, bei der er in der Vergangenheit ein Sinken der Aktienkurse beobachtet hat. Solche Muster lösen bei Bankern ein negatives Gefühl aus, das im präfrontalen Cortex in seine Entscheidungen einfließt.

Aus neuropsychologischen Studien ist bekannt: Macht sich so ein negativer somatischer Marker bemerkbar, während sich der Mensch in einer negativen Grundstimmung befindet, dann verstärkt eines das andere. Damasio spricht von einem "starken somatischen Zustand im Hintergrund”. Aus Angst vor Verlusten ist der Mensch in dieser schlechten Grundstimmung bereit, ein großes Risiko einzugehen. Das Äquivalent im wahren Börsenleben wäre ein allgemein negatives Klima auf dem Handelsparkett, das sich mit dem bestimmten Muster einer ganz konkreten negativen Beobachtung paart – der Broker entscheidet sich für ein risikoreiches und potentiell verhängnisvolles Verhalten.

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