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Psychologische Fallen Warum das Bauchgefühl an der Börse versagt

2. Teil: Kopfsache: Wie das Hirn Gewinne und Verluste verabeitet

Ist die Grundstimmung positiv und erwartet der Händler wegen positiver Botschaften aus den Aktienmärkten steigende Kurse, dann nimmt seine Risikobereitschaft ab – ein Verhalten, das zunächst einmal dem gesunden Menschenverstand zuwiderläuft. Doch Damasio besteht darauf: "Nach einer ganzen Serie harter Verluste am Aktienmarkt steigt die Risikobereitschaft weiter an.”

Das scheinbar paradoxe Verhalten erklärt sich mit der Art, wie der präfrontale Cortex verschaltet ist. Dort werden sicher erwartbare Belohnungen oder Bestrafungen, zum Beispiel ein unmittelbar erwarteter Börsencrash, in einem der eher hinten liegenden Teile der Entscheidungszentrale verarbeitet, von denen bekannt ist, dass sie stärkere somatische Signale auslösen. Ein Gewinn oder Verlust, der weniger sicher erscheint, wird in einem vorderen Bereich des präfrontalen Cortex verarbeitet, der allerdings schwächere emotionale Impulse auslöst. Liegt in diesem Intuitionsdefekt der Grund dafür, dass die Börsenkurse immer mal wieder zusammenrasseln?

Angeborener Optimismus

Fatal kann sich auch eine weitere Neigung des Menschen auswirken: Er überschätzt seine Fähigkeit, die Zukunft zu überblicken. Für die Volkswirtschaft, lehrt Kahneman, sei das ein ziemlich starker Motor. Achtzig Prozent aller Firmengründer glauben daran, dass sie sich am Markt behaupten werden – tatsächlich sind drei Viertel nach fünf Jahren wieder vom Markt verschwunden. "Ohne diesen angeborenen Optimismus gäbe es das Unternehmertum und die wirtschaftliche Dynamik wohl kaum in diesem Maße”, sagt Kahneman.

In diesem Verhalten unterscheidet sich der Mensch nicht sonderlich vom Affen. Es scheint ein evolutionärer Vorteil zu existieren, der darin besteht, Risiken einzugehen. Bei Primaten haben Forscher entdeckt, dass ihr Dopamin-Ausstoß wesentlich stärker ausfiel, wenn sie eine unerwartete Belohnung bekamen. Ohne diesen Mechanismus, der zu riskantem Verhalten motiviert, würde ein Tier wohl kaum nach neuen Nahrungsquellen suchen – und Anleger würden ihr Geld lieber unter das Kopfkissen legen.

Das Phänomen führt aber auch häufig dazu, dass Unternehmer wie Privatleute in ihren Planungen das Risiko des Scheiterns zu gering einschätzen. Folglich zahlen Konzerne zu viel Geld bei der Übernahme anderer Firmen. Und Privatleute geraten in die Schuldenfalle, weil sie ihre künftigen Einnahmen zu hoch veranschlagen. An der Börse bewirkt dieser Optimismus stete Geschäftigkeit. "Ständig glauben die Aktionäre, irgendeine großartige, hundertprozentige Idee zu haben, wie sie satte Gewinne einstreichen könnten”, sagt Kahneman. Die Analyse von mehreren zehntausend Transaktionen eines Discount-Brokers aber habe ergeben: Je mehr die Leute handeln, desto weniger Erfolg haben sie an der Börse.

Gehirn auf der Suche nach Mustern

Ein anderer Grund für den Aktionismus der Aktienanleger liegt in der regelrechten Sucht nach Prognosen. Die Ungewissheit, wohin sich die Kurse entwickeln, erzeugt in den Anlegern das negative emotionale Signal der Furcht, dem sie am liebsten entkommen wollen. Prognosen sind da so etwas wie Lösungen, die ein gutes Gefühl verursachen, und deshalb sind sie bereit, an diese Vorhersagen zu glauben.

Das will für das Geschehen an den Handelsplätzen heißen: Auch wenn ich weiß, dass Marktprognosen häufig nicht stimmen, folge ich ihnen dennoch. Denn sonst gibt es ja nichts, woran ich glauben kann. Und woher soll ich wissen, wohin die Kurse gehen? Handele ich nach einer Prognose, dann fühlt sich dieser Ausweg aus der Unwägbarkeit der Finanzmärkte einfach besser an. Das Gehirn sucht schließlich die ganze Zeit nach vermeintlichen Regelmäßigkeiten in der Umwelt. Selbst dann, wenn es keine Strukturen gibt.

Wenn ein Unternehmen drei Jahre hintereinander stets einen steigenden Gewinn und eine Dividende verkündet und im vierten Jahr auf einmal einen geringeren Gewinn und eine ausbleibende Dividende, dann heißt das nicht automatisch, dass es dem Unternehmen schlecht geht und die Aktien verkauft werden sollten. Und dennoch verhält sich der Mensch intuitiv so, weil er eine Regelmäßigkeit erkannt zu haben meint, die durch die ausbleibende Dividende jäh zerstört worden ist.

Wie geht's dem Depot?

Kahneman hat eine ganze Reihe Irrtümer aufgedeckt, denen der Mensch beharrlich aufsitzt, ohne sich dessen bewusst zu sein. Er sagt, dass vor allem "die Institutionen” davon profitieren würden, und meint damit Banken und Investmenthäuser. Vielleicht laden sie ihn wegen dieser Erkenntnis auch so gerne zu Lunchvorträgen ein? Die Unternehmen seien zwar auch nicht gegen die falsche Intuition ihrer Mitarbeiter gefeit. Sie können auch kollektiv einer dieser unbewussten Fußangeln zum Opfer fallen. Doch in der Regel sind sie besser gewappnet, weil sie klug genug organisiert sind, um menschliche Schwächen häufiger zu vermeiden. Die Bank gewinnt immer, will Kahneman sagen.

Wir sind an einem der Türme des World Finance Centers angekommen. Einen Steinwurf entfernt klafft die Wunde vom Ground Zero. Bevor wir uns verabschieden, bemerkt Kahneman noch: "Der private Anleger fällt ständig auf seine Intuition herein.” Dann bekennt der Nobelpreisträger: Auch er selbst sei ein lebendes Beispiel dieses Unverstandes. Nach einer Autofahrt mit Daniel Kahneman möchte man das Depot bei seiner Internetbank am liebsten gleich kündigen.

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