Von Jens Lubbadeh
Doch wann ist die Grenze normaler kognitiver Alterserscheinungen überschritten, und welche Signale deuten auf beginnenden Alzheimer? Eine Frage, die viele Ältere mit wiederkehrenden Gedächtnisproblemen umtreibt. Alzheimer lässt Neuronen sterben, die Zellen verschwinden mitsamt den Verbindungen, die ihre Nachbarzellen benötigen. Und anders als die normale Alterung, greift Alzheimer zuerst am Hippocampus an, einem Hirnzentrum, das für das Gedächtnis eine maßgebliche Rolle spielt.
Doch nicht alle Hirne sind der Krankheit gleich ausgeliefert: Manche scheinen eine Art kognitiver Reserve zu besitzen. Sie widerstehen lange Zeit dem Alzheimer-Zellenabbau im Gehirn, ohne Symptome zu zeigen. Autopsien ergaben, dass die Hirne von 20 bis 40 Prozent älterer Menschen schon durchlöchert waren mit den typischen Alzheimer-Plaques, Ablagerungen, die die Zellen absterben lassen. Doch Alzheimer-Symptome zeigten sie nicht. Die Forscher vermuten, dass die Gehirne der Betroffenen einen so starken Vernetzungsgrad besaßen, dass der Tod einiger Nervenzellen von den Netzwerken anderer aufgefangen wurde.
Das Gehirn ist plastisch, auch noch im hohen Alter. Es passt sich an, wenn alte Nervenbahnen ihre Funktion einstellen, und sucht sich alternative Routen. Hirnscans zeigen, dass beim Lösen der gleichen Aufgabe junge Menschen andere neurale Netzwerke verwenden als ältere.
Wie baut man nun diese "kognitive Reserve" auf? Noch ist nicht erwiesen, dass Kreuzworträtsel lösen und Computertrainer-Programme absolvieren gegen Alterserscheinungen im Kopf wirken. Doch eine simple Weisheit, die schon die alten Römer predigten, können die Forscher nun wissenschaftlich untermauern: mens sana in corpore sano. Gesunder Geist in einem gesunden Körper. Simple sportliche Betätigung hält nicht nur Körper, sondern auch den Geist fit. Es ist die Top-Empfehlung, die die Neurowissenschaftler mittlerweile aussprechen, um Alterungsprozesse im Hirn aufzuhalten. Körperliche Betätigung, da sind sich alle Wissenschaftler einig, ist das bislang bestuntersuchte und belegte Rezept gegen das Altern im Kopf. Eine Studie ergab, dass sich das Gedächtnis 72-Jähriger verbesserte, die ein Laufprogramm begannen. Dreimal die Woche Laufen ergab bereits eine Annäherung ihrer Hirnaktivitätsmuster an jüngere Leute.
Gibt es einmal die Pille gegen das Altern?
Und wie steht es um geistige Betätigung? Wer rastet, der rostet - ein alter Spruch, zugleich eine wissenschaftliche Theorie. Man vermutet, dass Leute mit höherem Bildungsgrad, fordernden Berufen und einem ausgefüllten Sozialleben höhere kognitive Reserven haben als Couch-Potatoes.
Die Theorie scheint zuzutreffen, geistige Betätigung ist aber in ihrer altersvorbeugenden Wirkung noch nicht bewiesen. Die Johns Hopkins University hat eine staatlich geförderte Studie begonnen, in der ältere Menschen junge Studenten 15 Stunden die Woche unterrichten sollen. Um zu sehen, ob die Langzeit-Stimulation die älteren Gehirne auf Trab hält.
Wird es vielleicht auch einmal eine Pille geben gegen das Altern im Kopf? Östrogen niedrig dosiert hat sich in Tierstudien als vielversprechend herausgestellt. Ein altes Bluthochdruck-Präparat namens Guanfacin verbessert das Gedächtnis in alten Ratten und Affen - an älteren Menschen mit Gedächtnisschwierigkeiten wurde es aber noch nicht getestet. Es wird gerade als mögliche Medikation für Kinder mit Aufmerksamkeitsstörungen untersucht. Es wirkt im präfrontalen Cortex, dem Bereich, in dem auch ältere Gehirne neue Netzwerke ausbilden.
"Wenn es in einem Sechsjährigen wirkt, hoffen wir, dass es auch Älteren hilft", sagt Amy Arnsten, Neurobiologin an der Yale University.
Mit Material von AP
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