Von Christoph Uhlhaas
So einfach kann Existenzpsychologie sein: Versteckt im Dickicht einer Testbatterie lauert die Frage: "Was, glauben Sie, passiert mit Ihnen, wenn Sie physisch tot sind? Bitte beschreiben Sie genau die Emotionen, die der Gedanke an den Tod bei Ihnen auslöst." Wer darüber sinniert, hat die "Induktion von Todesgewissheit" schon hinter sich.
So bezeichnen die Versuchsleiter Jeff Greenberg und Tom Pyszczynski von der University of Arizona in Tucson ihre verbale Spritze schwach dosierter Todesangst, deren Wirkung sie bei Versuchspersonen beobachten wollen. Die beiden Psychologen und ihre Kollegen erforschen existenzielle Sorgen. Sie betreten mit ihren Experimenten ein Terrain, das bislang meist der philosophischen Spekulation und den Religionen überlassen blieb.
Hinter den Versuchen steckt eine Theorie des Anthropologen Ernest Becker, der mit seinem Buch "The Denial of Death" 1974 den Pulitzer-Preis gewann. Seine Argumentation: Menschen haben ebenso wie Tiere einen unbedingten Überlebenswillen. Doch die Fähigkeit zu symbolischem Denken verleiht Homo sapiens eine Vorstellung der Zukunft. Deshalb leben Menschen mit der Gewissheit, dass sie sterben werden. Irgendwann. Dieses einzigartige Wissen erzeugt eine unterschwellige Angst, die jederzeit akut werden kann. Ein Gang zum Friedhof, Bilder von einem Unfall, der Anblick eines alternden Menschen – ganz alltägliche Dinge können ausreichen, um die Angst vorm Sterben an die Oberfläche zu spülen, ganz so wie die tückische Frage aus dem Greenberg-Experiment.
Die Reaktionen auf die bewusste Erinnerung an den Tod folgen einem Muster. Erst werden die düsteren Gedanken verdrängt: "Ich bin jung und kerngesund – der Tod ist weit weg." Doch auch nachdem der Aufmerksamkeitsfokus derart verlagert wurde, arbeitet die Angst weiter. "Terror-Management" nennen Psychologen diese automatisch einsetzenden Schutzreaktionen.
Damit das alles nicht graue Theorie bleibt, haben sich die Forscher um Jeff Greenberg ein experimentelles Design ausgedacht, mit dem sie prüfen wollen, wie sich die Konfrontation mit morbiden Gedanken auf das Verhalten der Probanden auswirkt. Beispielsweise 2006 in einem Versuch, der einem Zusammenhang zwischen Todesgewissheit und Kunstgeschmack nachging. Die Psychologen aus Arizona erwarteten, dass die ästhetischen Vorlieben bei Erinnerung an den Tod konservativer ausfallen würden. Denn das erhöhte Bedürfnis nach Sinn und Struktur werde von leicht fassbaren gegenständlichen Werken besser erfüllt als von verwirrender, abstrakter Kunst. So jedenfalls die Theorie.
Angst vor der Vergänglichkeit trübt den Sinn für abstrakte Kunst
Nach einigen Aufgaben, die das eigentliche Interesse der Sterblichkeitsforscher kaschierten, stellten die Versuchsleiter ihre Standardfrage über den Tod. Die Kontrollgruppe dagegen wurde nicht mit dem Thema Sterben konfrontiert, sondern nur an eine Examensarbeit erinnert, die in ihrer Ausbildung wichtig war. Es folgten ein Stimmungstest, der bei beiden Versuchsgruppen ähnlich ausfiel, und ein paar Seiten Literatur zum Schmökern. Vergangene Experimente hatten nämlich gezeigt, dass die Terror-Management-Strategien ihre Wirkung am stärksten nach einer Verzögerung entfalten.
Derselbe Mechanismus beeinflusst eine Vielzahl anderer Verhaltensweisen – vom Kaufverhalten bis zum sportlichen Ehrgeiz. Das zeigten Greenberg und seine Mitarbeiter in über 250 Experimenten, die allesamt nach demselben Schema abliefen wie die Versuche zum Kunstgeschmack. Laut einer Studie von 2003 mindert Todesangst sogar die Kritikfähigkeit: US-Amerikaner bewerteten fiktive Aussagen, die das eigene Land in ein schlechtes Licht rückten, viel negativer, wenn sie zuvor an die eigene Sterblichkeit erinnert worden waren.
Die Terror-Management-Psychologen sehen hier ein bedrohliches Potenzial. Denn die terroristischen Attacken in den USA kommen ihrer Meinung nach einer gigantischen Induktion von Todesgewissheit gleich – mit fatalen Folgen für das politische Geschehen. 2004 sorgte eine Reihe von Greenberg-Experimenten für besonderes Aufsehen: Im Jahr der Präsidentschaftswahlen in den USA untersuchte der Psychologe den Einfluss der Todesgewissheit auf das Wählerverhalten. Nach dem üblichen Prozedere bewerteten 190 Studenten zunächst fiktive Wahlkampfparolen. Zu Wort kamen drei Politikertypen: ein charismatischer Demagoge, ein problemorientierter Realpolitiker und ein auf Verbindungen setzender Netzwerker.
Der Charismatiker setzte in seinen fingierten Statements auf "Visionen für eine große Nation", deren Bürger "etwas ganz Besonderes sind". Der problemorientierte Politiker dagegen gab sich realistisch und versprach "nur das, was auch erreichbar ist". Der Netzwerker wiederum appellierte an "Respekt", "Bürgerengagement" und "Transparenz". Die Redebausteine waren aus politikwissenschaftlichen Studien entliehen worden. Konnte der Faktor Todesgewissheit die Popularität der verschiedenen Kandidaten beeinflussen?
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