Samstag, 21. November 2009

Wissenschaft



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11.11.2007
 

Sterblichkeit

Todesangst als Wahlkampfhilfe

Von Christoph Uhlhaas

2. Teil

Und ob! Der im Kontrollexperiment chancenlose Charismatiker übertrumpfte den Netzwerker, sobald die Frage zur Sterblichkeit im Versuchsbogen aufgeworfen wurde. In den Laborwahlen bescherte ihm das ein Drittel der Stimmen, beim Vortest waren es nur fünf Prozent gewesen. Die Stimmen für den Netzwerker halbierten sich dagegen von 45 auf 22 Prozent. Fazit: "Todesgewisse" Wähler mögen Visionen. Dennoch behielt der problemorientierte Politiker in beiden Durchgängen die Mehrheit – er lag jeweils bei etwa 50 Prozent.

Die Ergebnisse sollten sich in der Realität bewähren, also fragten die Forscher auch konkret nach den 2004 angetretenen Präsidentschaftskandidaten: Die Zustimmung für George W. Bush und seine Antiterror-Politik wuchs unter dem Einfluss existenzieller Sorgen rasant. Auf einer fünfstufigen Skala erhielt der amtierende Präsident der USA bei "todesgewissen" Studierenden passable Werte jenseits der 3,5. Fehlte der Wahlhelfer Sterblichkeit, beurteilte man Bush viel kritischer, und er erhielt im Schnitt eine magere 2,2 an Zustimmung.

Wenige Tage vor dem tatsächlichen Urnengang legten die Forscher nach und hielten im Versuchslabor Präsidentschaftswahlen ab: George W. Bush gegen John Kerry und Ralph Nader. Wieder beeinflusste das Wissen um die Sterblichkeit das Ergebnis massiv. Kerry fiel von satten 57 im Kontrollexperiment auf nicht mal 20 Prozent, Bush heimste dagegen über 45 Prozent der Probandenstimmen ein. Ohne existenzielle Sorgen bei den Laborwählern kassiert er mit 13 Prozent eine herbe Schlappe.

GEFUNDEN IN...

In der Diskussion ihrer Ergebnisse betonen die Forscher den entscheidenden Einfluss der Todesgewissheit – und das nicht nur im Labor, sondern auch bei der wirklichen Wahl am 2. November 2004: Vier Tage zuvor war ein Bin-Laden-Video im Fernsehen gezeigt worden. Aus Sicht der Psychologen verdankte der amtierende US-Präsident Bush seine zweite Regierungsperiode den impliziten Terror-Management-Reaktionen seiner Wähler auf die Botschaft des Al-Kaida-Terroristen.

Die Anhänger der Terror-Management-Theorie geben sich deshalb als unermüdliche Warner vor dem Einfluss subtiler Todesangst. Laut einer Studie von 2006 verstärke diese die Zustimmung für gewaltsame, radikale Lösungen – und das sowohl in den USA als auch im Iran: Studenten bewerteten im Labor zweier iranischer Universitäten Statements pro und kontra Selbstmordattentate, ihre amerikanischen Kommilitonen beurteilten Argumente für und wider Antiterror-Kriegsführung.

Hier wie dort wuchs die Toleranz gegenüber Gewalt. Im iranischen Labor steigerte die künstlich induzierte Todesgewissheit wie erwartet die Sympathiewerte für Attentate. Die amerikanischen Kollegen werteten ihre Resultate differenzierter aus. Sie fanden heraus: Politisch konservative US-amerikanische Studenten reagierten stärker auf die Einflüsterung von Todesangst als liberale. Die Zustimmung zu Antiterror-Kriegen stieg vor allem im konservativen Lager. Existenzielle Sorgen schüren offenbar kulturelle Konflikte, und die produzieren wiederum tief sitzende Ängste – ein Teufelskreis.

Was tun? Greenberg und Pyszczynski appellieren an die Rationalität: "Wählt nicht mit dem Herzen, sondern mit dem Kopf." Der Rat erscheint recht dünn angesichts des immensen Einflusses existenzieller Sorgen auf das Denken, den die Psychologen unterstellen. Auch wenn sie die Relevanz von so genannten Letztfragen meist nur anhand kleiner Probandengruppen belegen konnten – das Wissen um die individuelle Endlichkeit scheint starken Einfluss auf unsere Vorlieben und Entscheidungen zu haben. Tipps für einen adäquaten Umgang mit dem Wissen um unsere Sterblichkeit bleiben die Forscher jedoch schuldig.

Die versprechen eher die Philosophen. Schließlich heißt Philosophieren doch sterben lernen! So formulierte der französische Aufklärer Michel de Montaigne (1533 – 1592). Damit meinte er natürlich nicht die Einübung des Selbstmords, sondern eine Haltung, die auf das Leben als Ganzes blickt – quasi aus der Perspektive des eigenen Endes.

Einer der wenigen zeitgenössischen Denker, die sich mit dem Phänomen der Endlichkeit auseinandersetzen, ist Ernst Tugendhat. Wir empfinden den Tod als eine Bedrohung, konstatiert der Tübinger Philosoph, weil er uns die Chance raubt, dem Leben Sinn zu geben. "Nur nicht jetzt, nur nicht in dieser Sinnlosigkeit sterben!" Das Bewusstsein der Sterblichkeit löst Angst aus – stimmt Tugendhat mit den existenziellen Psychologen überein. Doch die Todesfurcht hat für ihn auch etwas Positives. Sie beweise, dass wir zu einem "voluntativen Bezug auf das Leben" fähig seien – sie beinhalte schließlich eine Herausforderung zu handeln und gewähre die Freiheit, selbst die Initiative zu ergreifen.

Carpe diem! – in Maßen

Doch der Tübinger Philosoph predigt nicht das pralle Leben. Im Gegenteil: Nur wer den Gedanken an den Tod zum Anlass nehme, sich selbst aus dem Zentrum der Welt herauszunehmen, könne die Todesangst überwinden. Loslassen mache gelassen.

Wer nun den gestrengen Analytiker Tugendhat am Rand des buddhistischen Nirwana wähnt, liegt damit gar nicht so falsch. Er rät nämlich, im Bewusstsein der eigenen Hinfälligkeit von der eigenen Selbstzentriertheit zurückzutreten, wie es auch Buddhisten praktizieren. Doch das habe Grenzen. Den endgültigen Abschied von einer Illusion "Ich" hält er für unmöglich. Denn wer vollzieht ihn denn sonst außer – "Ich"?

Allerdings: Die Auseinandersetzung mit der Vergänglichkeit sei nicht selbstverständlich. Der Mensch von heute weiche der Frage nach dem Tod lieber aus. So auch die Einschätzung eines anderen Gegenwartsphilosophen – Konrad Paul Liessmann. Der "Wissenschaftler des Jahres" 2006 in Österreich sagt: Wer reflektiert, dass das eigene Leben ein Ende hat, kann mit der natürlichen Todesangst besser umgehen: Und nur wer weiß, dass sein eigenes Leben eines Tages zu Ende geht, kann würdigen, was es zu bieten hat.

Von "Gehirn & Geist"-Autor Christoph Uhlhaas

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