Von Jens Lubbadeh
Alle träumen von einer Stammzelltherapie der Zukunft - doch wie realistisch sind die Hoffnungen, die in diese Zellen gesetzt werden?
Adulte Stammzellen, Zellen mit eingeschränkter Differenzierungsfähigkeit, werden heute schon in der Behandlung von Leukämie und Herzinfarkt eingesetzt - mit Erfolg. Und embryonale? "Eine US-amerikanische Forschergruppe hat angekündigt, nächstes Jahr Rückenmarksgeschädigte mit embryonalen Stammzellen behandeln zu wollen", sagt Stojkovich.
"Es muss noch sehr viel Grundlagenforschung gemacht werden"
Wann allerdings embryonale Stammzellen in der Medizin routinemäßig zur Anwendung kommen werden, kann Stojkovich nicht sagen. Er glaubt, dass sie zuallererst bei Querschnittsgelähmten, Parkinson-Kranken und Herzinfarktpatienten eingesetzt werden. "Man hat bei der Ausdifferenzierung embryonaler Stammzellen in Nerven- und Herzzellen mittlerweile die meiste Erfahrung und kann gute Resultate vorweisen", so Stojkovich.
Jürgen Hescheler ist fest davon überzeugt, dass einmal die großen Volkskrankheiten - Diabetes, Herzinfarkt, Hirnschlag, Parkinson - mit Stammzellen geheilt werden könnten. "Die Sache ist jedoch viel komplexer als herkömmliche Therapien mit Medikamenten", sagt Hescheler. "Und es wird zu wenig Geld in die Stammzellforschung investiert. Daher kann man auch nicht erwarten, dass die Dinge schnell vorangehen."
Hans Schöler vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin in Münster glaubt, dass am ehesten eine Zelltherapie für Parkinson-Patienten kommen wird - jedenfalls eher als das Züchten ganzer Organe. Der Wissenschaftler vermutet, dass man Krankheiten vielleicht erst einmal nur wird lindern können. Man brauche einfach Geduld. Eine Ansicht, die Hescheler teilt: "Es liegt noch sehr viel Grundlagenforschung vor uns." Da die Forschung an menschlichen embryonalen Stammzellen in Deutschland rechtlich eingeschränkt ist, werde es bis zur Anwendung hierzulande noch zehn bis zwanzig Jahre dauern. "Für die USA könnte ich mir vorstellen, dass in drei bis fünf Jahren der Durchbruch kommen könnte - dort wird massiv Geld investiert", sagt Hescheler.
Aus Stamm- mach Körperzelle
Die zweite Hürde, die für eine routinemäßige Therapie zu nehmen ist: Stammzellen in Körperzellen zu verwandeln. Aus einer Stammzelle entwickelt sich eine bestimmte Körperzelle, indem in ihr in einem komplizierten Zusammenspiel verschiedene Gene zu einem bestimmten Zeitpunkt aktiv werden. Wachstumsfaktoren beeinflussen die Genaktivität und lenken die Entwicklung der Zelle. Um eine Stammzelle beispielsweise in eine Herzmuskelzelle zu verwandeln, müssen die richtigen Wachstumsfaktoren zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Konzentration zu der Zelle gegeben werden. Hat man das richtige Wachstumsfaktoren-Rezept einmal herausgefunden, besitzt man die Blaupause für die Herstellung einer bestimmten Zellart.
Eine sehr wertvolle Blaupause übrigens, so wertvoll, dass manche Pharmakonzerne bereits in die Stammzellforschung eingestiegen sind. Nach Ansicht von Stojkovich wird es für sie das Geschäft der Zukunft sein. Dann werden sie sich nicht mehr Medikamente für eine Krankheit patentieren lassen, sondern gleich das Rezept für die Züchtung von Zellen oder ganzen Organen.
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