Rostock - Das Segel ist gehisst, die Leinen sind gespannt. Der Assistent startet den Anlasser, dann setzt sich in der Testhalle der Rostocker Universität das riesige 225-Kilowatt-Gebläse lärmend in Bewegung. Mit Stärke sechs bläst der Wind aus einer Düse in die Messstrecke des Windkanals. Auf dem Testtisch bläht sich das Rahsegel des 75 Zentimeter langen Modells eines mehr als 900 Jahre alten Seglers.
Im Kontrollstand verfolgt Schiffshistoriker Maik-Jens Springmann das Geschehen auf Monitoren. Hier werden die auf den Bootwinzling einwirkenden Kräfte dokumentiert, die über einen Waagetisch gemessen werden. Später wird das Schiff in den Wind drehen. Denn die Experten wollen auch sehen, wie sehr sich der Minisegler zur windabgewandten Lee-Seite neigt.
"Wir wollen wissen, ob man seinerzeit mit dem Boot nicht nur vor dem Wind, sondern auch am Wind steuern konnte", erklärt Mathias Paschen, Professor für Meerestechnik in Rostock. "Das würde Aufschluss darüber geben, ob unsere Altvorderen seinerzeit in der Ostsee kreuzten oder weitgehend der Gnade des jahreszeitlich vorherrschenden Windes ausgesetzt waren."
Das Experiment ist Teil eines Forschungsprojektes, an dem deutsche und polnische Historiker und Meerestechniker seit langem arbeiten. Seit vor 22 Jahren bei Baggerarbeiten an einem Damm im polnischen Wolin die Reste eines bis dahin unbekannten Haffkahns entdeckt wurden, rätseln Forscher, wie das 13 Meter lange mittelalterliche Holzboot genau aussah und zu manövrieren war.
Modell auf Basis von Scanner-Daten
Zu Jahresbeginn wurde das weitgehend verfallene Wrack in Stettin mit einem Scanner vermessen. "Nach den so erhaltenen Messwerten haben wir inzwischen am Computer eine ziemlich detaillierte Schiffszeichnung erstellt", sagt Projektleiter Springmann. Die digitalen Daten wiederum nutzten Rostocker Konstruktionstechniker, um für weitere Versuche mit einer computergesteuerten Fräse ein Modell aus Kunstholz im Maßstab 1:16 zu erstellen.
"Wir wissen inzwischen sehr genau, wie das holzbeplankte Haffboot aussah", sagt Springmann. "Aber uns fehlen Hinweise über das laufende Gut wie Segel und Seile, die natürlich im Laufe der Zeit verrottet sind." Und Abbildungen etwa auf Gemälden oder Teppichen gäben lediglich künstlerisch interpretierte Details über die seinerzeit verwendete Takelage wieder.
Die Tests im Rostocker Windkanal haben auch einen ganz praktischen Grund. Denn im Rahmen des EU-Forschungsprojekts "Lagomar" haben Bootsbauer im Torgelower "Ukranenland" inzwischen damit begonnen, das historische Fischerboot im Original nachzubauen. Schon im kommenden Jahr soll es im Woliner Wikingermuseum seinen Heimathafen finden und über ein internationales Reederkonsortium mit Jugendlichen an Bord durch das Stettiner Haff kreuzen. Welche Segelmanöver die Crew dann durchführen kann, entscheiden maßgeblich die Tests im Rostocker Windkanal.
Ralph Sommer, ddp
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