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Pest in Venedig Das große Sterben

5. Teil: Die ganze Stadt liegt im Fieber

Die Leichenfeuer rauchen, und oft hängt eine stinkende Wolke über Venedig. Die ganze Stadt liegt im Fieber.

Einer solchen Anzahl von Toten und Kranken ist selbst die in Europa vorbildliche venezianische Gesundheitsbehörde nicht gewachsen. Auch weil die Verluste unter den Totengräbern und Leichenträgern, die sich nun anstecken, sehr hoch sind. Zunehmend muss sich die Behörde mit Kriminellen aus den Gefängnissen und mit Sklaven von den Galeeren behelfen.

Viele unter den Totenträgern stehlen und plündern. Sie, die Knechte der Pest, sind die Herrscher der Totenhäuser. Und gelegentlich zerren sie wohl auch einen Kranken, der gegen seine Beraubung protestiert, aus dem Bett und werfen ihn auf den Totenkarren. Die Preise für Lebensmittel erreichen schwindelerregende Höhen. Und die für Wein.

Denn es wird viel getrunken im Venedig der Leichen. Gegen die Angst. Und gegen den Ekel in einer Stadt, in der man immerfort von Tod und Verwesung umgeben ist.

Wer in diesen Zeiten weder Golddukaten noch wertvollen Schmuck besitzt, der hungert. Einfache Arbeiter verdienen 16 bis 20 Dukaten im Jahr, versierte Handwerker um die 50. Allein für Brot müssen jährlich sechs, sieben Dukaten aufgewendet werden. Doch nun sind viele ohne Beschäftigung, ohne Lohn. Nur Patrizier und reiche Kaufleute verfügen über genügend Rücklagen.

Andere verdienen dagegen an der Seuche. Apotheker und Leichenträger verkaufen Bahren, Decken, Laken und Kissen an die Meistbietenden. Auch Ausräucherer, Wunderheiler, Quarantänewächter, Priester profitieren vom Schwarzen Tod.

Gefangen in der Pest, fühlen sich viele Venezianer verlassen von Gott und tragen Amulette mit heidnischen Symbolen, fügen Zauberformeln in ihre Gebete ein. Und sie rebellieren, wenn Priester versuchen, ihre Rituale zu unterbinden.

Im Senat geht die Angst um, dass alle Ordnung aus den Fugen geraten könne, dass Scharen Hungernder die Nahrungsdepots stürmen und Verzweifelte Brände legen könnten. Oder dass die Armen jene Häuser, deren Besitzer geflohen oder gestorben sind, einfach plündern.

Dann endlich, gegen Ende des Jahres, halbiert sich die Zahl der Toten.

Am 14. Dezember 1630 erlässt der Senat ein Dekret über die Arbeiter im Arsenal. Alle dort Erkrankten müssen umgehend ins Lazzaretto Vecchio verbracht werden. Ein Teil der Gesunden aber soll im Arsenal verbleiben, der Großwerft, isoliert vom Rest der Bevölkerung: Der Senat will auf diese Weise seine hoch spezialisierten Handwerker schützen – "die geliebtesten Menschen in unserem Dienste", von denen bereits Hunderte erkrankt sind.

Im Januar 1631 sinkt die Zahl der Pesttoten weiter: nur noch 2048 Opfer. Der Höhepunkt der Pest ist überschritten. Am 7. Mai 1631 trägt man Giovanni Tiepolo zu Grabe, den Patriarchen von Venedig. Auch er ist der Seuche zum Opfer gefallen.

Im Oktober 1631 endet die Todesliste der Gesundheitsbehörde. Nach 18 qualvollen Monaten ist der Zorn Gottes verraucht. Die Bilanz der Seuche ist katastrophal. 46.536 der rund 140.000 Einwohner sind der Epidemie erlegen.

Auch die Armut ist größer geworden in den Mietskasernen am Rio Marin im Stadtteil Santa Croce. Viele, die zuvor ein bescheidenes Auskommen hatten, bleiben für lange Zeit erwerbslos.

Denn die Pest hat die Wirtschaft schwer geschädigt. Und die einst stolze Handelsmacht wird nie wieder zu alter Größe zurückfinden.

Dennoch: Gleich nach dem Ende der Pest beginnen die Planungen für Santa Maria della Salute. Für die große Votivkirche, die der Senat der Gottesmutter versprochen hat.

Er schreibt einen Wettbewerb aus, und schließlich wird der Architekt Baldassare Longhena mit dem Bau beauftragt. Eine Kommission aus drei Patriziern wählt das Grundstück aus. Es liegt ganz im Westen des Stadtteils Dorsoduro. Unmittelbar am Eingang des Canal Grande.

Mehr als eine Million Baumstämme müssen zur Stabilisierung des Baugrunds in den Boden der Lagune gerammt werden. Und schon dafür sind die 50.000 Dukaten, die der Senat für die Errichtung der Kirche versprochen hat, ausgegeben.

Über Jahrzehnte schleppt sich der Bau des Gotteshauses. Wieder und wieder stockt jede Tätigkeit. Weil das Geld fehlt. Und als die Arbeiten im Juni 1686 abgeschlossen sind, ist für Santa Maria della Salute die gewaltige Summe von 420.136 Dukaten ausgegeben worden.

Bekrönt wird das Hauptportal der Barockkirche von einem Dreiecksgiebel. Auf seiner Spitze steht die Skulptur der Jungfrau Maria. Es ist eine triumphierende Madonna.

Mit seiner monumentalen Kirche will Baldassare Longhena noch einmal die ungebrochene Macht Venedigs beweisen. Doch als Santa Maria della Salute am 9. November 1687 geweiht wird, ist Longhena bereits fünf Jahre tot. Und die Serenissima schon lange keine Großmacht mehr.

Ohnehin liegt die Wurzel dieser grandiosen Kirche ja in der Furcht vor dem Tod. Und in dem Wunsch der Venezianer, der Pest und dem Tod etwas Gewaltiges entgegenzustellen. Etwas, das von längerer Dauer ist als das zerbrechliche menschliche Leben.

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