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Athen gegen Sparta Krieg der Brüder

3. Teil: Wie Athen sich erholte und dann doch noch verlor

Auf der anderen Seite jedoch, und das ist das Sonderbare an diesem Krieg, erblüht die Kunst. "Noch in den dunkelsten Jahren des Kriegs", schrieb der Tübinger Althistoriker Hermann Bengtson, "strahlte die unversiegbare Schöpferkraft des hellenischen Geistes." Während die Werften und Werkstätten in der Stadt und im Hafen von Piräus vom Arbeitslärm der Rüstungsindustrie widerhallen, vollbringt die attische Klassik kulturelle Höchstleistungen: Auf der Akropolis wird gebaut, Sophokles, Euripides und Aristophanes schreiben ihre großen Dramen, Thukydides und Xenophon ihre Geschichtswerke, Sokrates entwickelt seine Dialektik und Platon seine Philosophie. Johann Joachim Winckelmann (1717–1768), der Begründer der modernen Archäologie, sah daher im Peloponnesischen Krieg eine der großen Ausnahmen in der Menschheitsgeschichte: "Dieser Krieg ist vielleicht der einzige, der in der Welt geführt worden ist, in welchem die Kunst, welche sehr empfindlich ist, nicht allein nichts gelitten, sondern sich mehr als jemals hervorgetan hat."

Nach dem Siziliendebakel bröckelt der Seebund. Milet, Chios, Ephesos und Rhodos fallen ab, andere folgen. Das wiederum mindert den Zufluss an Geldern, auf die Athen angesichts der ungeheuren Rüstungsanstrengungen mehr denn je angewiesen ist. Im Frühjahr 411 v. Chr. bemächtigt sich die spartanische Flotte der Dardanellen und trifft damit den Lebensnerv Athens. Denn durch dieses Nadelöhr erhält es Getreide aus dem Schwarzmeergebiet. Im Mai reißt ein Regime, der "Rat der Vierhundert", die Macht an sich, versucht, Frieden mit Sparta oder ein Bündnis mit den Persern zu schließen. Doch vergeblich. So bleibt der Umsturz nur ein Intermezzo, bereits im September hält die Demokratie wieder Einzug und der neue Hoffnungsträger heißt – Alkibiades.

Athen sollte erhalten bleiben - als Gegengewicht zu Theben

Wie ein Phoenix aus der Asche taucht er aus dem Exil auf, lässt sich von der Flotte vor der Insel Samos zum Strategen wählen, siegt sogleich am Hellespont über die spartanische Armada und zieht umjubelt in Athen ein. Von allen Vorwürfen freigesprochen, wird er zum Oberbefehlshaber ernannt. Lässt sich das Ruder der Geschichte womöglich noch einmal herumreißen? Die Werften arbeiten mit Hochdruck und neue Kriegsschiffe werden vom Stapel gelassen. Und tatsächlich gelingt es im Jahr darauf, die Spartaner auch bei Kyzikos an der Nordküste Kleinasiens zu besiegen. "Fort die Schiffe; Feldherr Mindaros tot; die Männer hungern; wir wissen nicht, was tun", lautet knapp deren Meldung nach Hause. Wieder bietet Sparta Frieden an, doch warum sollten die Sieger darauf eingehen?

Vielleicht der hohen finanziellen Belastungen wegen? Eine Kriegssteuer für die oberen Schichten wird erlassen. Zusätzlich bittet Alkibiades die Vermögenden, durch Spenden die kriegsbedingte Not der Bevölkerung zu mildern. Doch das genügt nicht, jede verlorene Schlacht bedeutet eine Katastrophe, jeder Sieg ist teuer erkauft. Die Niederlage bei Notion im Jahr 407 v. Chr. kostet Alkibiades das Kommando, für die verlorene Seeschlacht bei den Arginusischen Inseln im Jahr darauf verurteilt die Volksversammlung sechs Strategen sogar zum Tod. Doch damit beraubt sich die Stadt erfahrener Befehlshaber.

Sparta hingegen geht es glänzend. Dank persischem Geld verfügt es über zweihundert Schiffe, die zum letzten Schlagabtausch bereit sind. Um dagegenzuhalten, schmelzen die Athener sogar die im Parthenon aufbewahrten Kultgegenstände ein, selbst die goldene Statue der Siegesgöttin. Doch es kommt nicht einmal zur Schlacht. Kampflos bemächtigt sich der spartanische Kommandant Lysander 405 v. Chr. des letzten Aufgebots des Gegners – welch eine Schmach!

Dem Düsseldorfer Althistoriker Bruno Bleckmann zufolge hatten die Athener bei Aigospotamoi am Hellespont geankert. Dort gab es zwar Wasser, doch zu wenig Nahrung. Die musste jeden Tag von weither besorgt werden. Nachdem Lysander an vier Tagen seine Schiffe zum Angriff formiert hatte, dann aber scheinbar wieder mutlos geworden war, gingen die Athener am fünften Tag auf Nahrungsbeschaffung, ohne eine starke Mannschaft bei den Trieren zu belassen. Die Spartaner nahmen die Flotte fast kampflos in Besitz. Bereits im November begann die Blockade Athens. Von aller Zufuhr abgeschnitten, brach dort bald eine Hungersnot aus, die Stadt kapitulierte.

Athen musste die Langen Mauern und die Befestigung von Piräus schleifen, bis auf zwölf Schiffe seine gesamte Flotte ausliefern, alle auswärtigen Besitzungen räumen, alle Verbannten wieder aufnehmen, sich von "Dreißig Tyrannen" als verlängertem Arm Spartas regieren lassen – und Mitglied des Peloponnesischen Bundes werden. Aus der Großmacht wurde ein Vasall. Wäre es allerdings nach Spartas Verbündeten, allen voran Korinth, gegangen, so wären die Athener versklavt und die Stadt in eine Viehweide verwandelt worden. Doch der Sieger wollte Athen nicht zerstören, sondern als Gegengewicht zu Theben erhalten, das Ambitionen zeigte, auf dem griechischen Festland die Vorherrschaft anzustreben. In den kommenden sechzig Jahren sollte es keine griechische Polis schaffen, die Führungsrolle Athens zu übernehmen. Dies gelang schließlich auswärtigen Mächten, von 338 bis 168 v. Chr. den Makedonen, später dann den Römern. Der deutsche Althistoriker Johann Gustav Droysen (1808–1884) konstatierte: "Der Peloponnesische Krieg kannte keine Gewinner, sondern nur Verlierer – die Griechen."

Theodor Kissel ist Althistoriker und Publizist in Mainz.

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