Mittwoch, 10. Februar 2010

Wissenschaft



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21.12.2007
 

Underdog-Forschung

Warum David mehr Fans hat als Goliath

Von Christian Stöcker

David, Rocky Balboa, die Spartaner, den FC St. Pauli - die Menschheit liebt Außenseiter. Wenn zwei sich streiten, sind wir im Zweifel für den Kleineren. Sogar den Nahost-Konflikt nahmen Probanden in einer aktuellen Studie unterschiedlich wahr - je nachdem, wie groß die Beteiligten dargestellt wurden.

Von David lernen, heißt siegen lernen. Auch was die Öffentlichkeitsarbeit angeht. Selbst wenn die Geschichte anders gelaufen wäre, wenn David mit seiner Schleuder beispielsweise vorbeigeworfen hätte und Goliath ihn doch mit einem beherzten Fußtritt ins Jenseits befördert hätte - wir wären noch heute auf Davids Seite. Die Kleinen haben einfach mehr Fans. Wenn der FC Bayern Saloniki nicht mit 6:0 vom Platz gefegt hätte, sondern umgekehrt - es hätten sich vermutlich mehr Menschen gefreut weltweit.

Sumo-David gegen Goliath: Unterstützung für den Benachteiligen
AP

Sumo-David gegen Goliath: Unterstützung für den Benachteiligen

Warum das so ist, und was einen Außenseiter zum Underdog macht, haben Joseph Vandell und seine Kollegen von der University of South Florida untersucht. Die Psychologen führten vier Experimente durch, in denen sie zeigen konnten, dass sich die Sympathien für eine von zwei Parteien mit Leichtigkeit manipulieren lassen - selbst, wenn es um ein so ernstes und vielbesprochenes Thema wie den Nahostkonflikt geht. "Die Unterstützung nimmt zu, wenn jemand oder etwas als seinem Widersacher gegenüber benachteiligt dargestellt wird", fassen Vandell und seine Kollegen im "Personality and Social Psychology Bulletin" zusammen (Bd. 33, S. 1603).

Sind sie für Moskau oder Tel Aviv?

Mehrere der Experimente befassten sich mit Sportereignissen, realen oder fiktiven. Ein ziemlich ausgeglichen verlaufenes Basketballspiel zweier Mannschaften aus Tel Aviv und Moskau beispielsweise wurde unterschiedlich wahrgenommen, je nachdem, welche Vorinformationen die Betrachter über die Mannschaften bekamen. Wurde Moskau als der haushohe Favorit präsentiert, der 15 vorangegangene Spiele gewonnen habe, sahen die Versuchspersonen das Spiel anders, als wenn sie die gleiche Information über Tel Aviv bekommen hatten. Den vermeintlichen Favoriten wurden größere Fähigkeiten zugesprochen, den Außenseitern dafür mehr Anstrengung und "Herz" attestiert. "Menschen, die das gleiche Ereignis beobachten, können, je nach Motivation und Blickwinkel, sehr unterschiedliche Dinge sehen", schreiben Vandello und seine Kollegen.

In einem anderen Experiment bekamen die Teilnehmer Informationen über den Olympischen Allzeit-Medaillenspiegel mehrerer Länder, etwa Schweden (469 Medaillen), Belgien (140) und Slowenien (6). Wie vorhergesagt, entschieden sich die Versuchspersonen im Fall eines direkten Matches zwischen zweien der Länder mit großer Wahrscheinlichkeit für den Außenseiter: Wurde Belgien hypothetisch gegen Schweden ins Rennen geschickt, wollten die US-Studenten, die an der Studie teilnahmen, Belgien siegen sehen. Sollte Belgien aber gegen Slowenien antreten, wollten die Versuchspersonen, dass die Slowenen gewinnen. "Dasselbe Team kann von einer unterstützten Mannschaft in der Außenseiterrolle zu einer nicht unterstützten in der Favoritenrolle werden", so die Psychologen.

Nahost-Konflikt: Wie groß sieht Israel aus?

Dass nicht nur die Gewinnchance allein darüber bestimmt, für wen das Publikum sich im Zweifel entscheidet, zeigte ein drittes Experiment. Darin wurde über zwei Sportteams nicht nur mitgeteilt, wie ihre Gewinnchancen vermutlich aussahen (70:30), sondern auch, ob der jeweilige Verein mehr oder weniger Geld zur Verfügung hatte. Der prozentuale Außenseiter wurde nur bevorzugt, wenn er auch finanziell schlechter dastand - einem reichen Verein mit geringen Gewinnchancen wünschten nur wenige Versuchspersonen einen Sieg. Reiche Underdogs gibt es eben nicht.

Verblüffend ist das Resultat der Studie zum Nahost-Konflikt. Allein die Darstellung einer Karte des umkämpften Gebietes wirkte sich drastisch auf die Sympathien der Versuchsteilnehmer für die eine oder andere Seite aus. Eine Gruppe sah Israel in groß und fast ohne Darstellung der geografischen Umgebung - das Land sieht auf der Karte groß aus, die Palästinensergebiete im Westjordanland und im Gaza-Streifen dagegen klein. Bei einer zweiten Karte wurde der Ausschnitt vergrößert: Neben Israel waren nun auch noch die arabischen Staaten der Umgebung zu sehen: Ägypten, Jordanien, Syrien und auch Saudi-Arabien. Israel erscheint auf dieser Karte deutlich kleiner, umgeben von feindlich gesonnenen Flächenstaaten.

Die Versuchspersonen lasen zu Beginn des Experimentes einen kurzen Aufsatz über den Nahostkonflikt und wurden aufgefordert, sich die jeweilige Karte genau einzuprägen, mit der Begründung, sie sollten sie später nachzeichnen. Die Teilnehmer, die Israel in groß gesehen hatten bekundeten anschließend mehrheitlich, eher auf Seiten der Palästinenser zu stehen, weniger als die Hälfte war für Israel. Wurde Israel jedoch im Kontext des gesamten nahen Ostens gezeigt, wandelte sich das Bild: In dieser Gruppe waren fast 77 Prozent der Teilnehmer auf Seiten Israels.

"Die Reaktionen der Menschen auf den arabisch-israelischen Konflikt sind vermutlich stark davon beeinflusst, welche Seite als der Außenseiter (Underdog) wahrgenommen wird", schreiben Vandello und Kollegen. "Gerissene politische Führer könnten versuchen, mehr Unterstützung für ihre Sache zu bekommen, indem sie ihre Seite als benachteiligten Außenseiter darstellen."

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