Von Andrea Peus
Vor vier Jahren wurde Erwin Jung, 65, mit einem akuten Nierenversagen ins Krankenhaus eingeliefert. Von da an war er einer von rund 60.000 Dialysepatienten in Deutschland. Dreimal die Woche musste der kleine Mann mit den getönten Brillengläsern zur Dialyse nach München fahren. Viereinhalb Stunden dauerte die Prozedur im Krankenhaus jedes Mal, anschließend fuhr er mit seinem Auto wieder zurück nach Dachau. "Viele sind danach erst mal fix und fertig. Bei mir ging’s", sagt Jung tapfer. Zu Hause wartete eine Menge Arbeit auf ihn: Eine kleine Gaststätte. Sein Lebenstraum. "Das wollten meine Frau und ich immer machen, wenn ich mal nicht mehr arbeite", erzählt Jung.
Alles war nach Plan gelaufen. Er hatte seinen Spenglerei-Betrieb aufgelöst, die Gaststätte lief und dem Ehepaar Jung blieb sogar noch Zeit zum Reisen. Nichts sollte ihn davon abhalten, das zu genießen. Auch nicht die kaputten Nieren. Er war in Madrid, Ungarn und Österreich, und machte sogar eine Kreuzfahrt - trotz Dialyse. Für den Fall der Fälle hatte Jung vorgesorgt: "Ich hatte mir ein Handbuch besorgt, in dem weltweit alle Dialysegeräte verzeichnet sind", erzählt er.
Das Handbuch braucht er nun nicht mehr, denn Jung hat heute eine neue Niere. Gerade mal zwei Jahre musste der Senior nur auf ein Spenderorgan warten. Dass es so schnell ging, hat er dem bisher noch wenig bekannten Senioren-Programm "Eurotransplant Senior Programm" (ESP), auch "Old-for-Old" genannt, zu verdanken. In dieses Programm rutscht seit 1999 automatisch jeder, der bei Eurotransplant - einer Organisation, die Spenderorgane innerhalb europäischer Länder vermittelt – als dialysepflichtiger Empfänger gemeldet ist und das 65. Lebensjahr erreicht hat. Dabei erhalten die Senioren bevorzugt Nieren aus ihrer eigenen Generation. Für ältere Menschen hat sich die durchschnittliche Wartezeit auf eine Niere seitdem von sechs bis sieben Jahren auf anderthalb bis zwei Jahre verkürzt.
Als Ulrich Frei, Ärztlicher Direktor der Berliner Charité, das Programm vor knapp zehn Jahren für Eurotransplant entwickelte, stieß er zunächst auf viel Skepsis. "Meine Kollegen hielten das damals für eine Schnapsidee", erinnert sich der Professor. "Die Nieren älterer Spender landeten häufig in der Tonne, anstatt sie nutzbringend einzusetzen", so Frei. Man nahm lieber jüngere Organe. Doch dafür gab es nur wenige Spender. Entsprechend lang waren die Wartezeiten. "Ältere Menschen hatten quasi kaum eine Chance, an ein Spenderorgan zu kommen", sagt Frei. Dabei arbeitet eine gesunde Niere aktuellen Studien zufolge etwa 80 bis 110 Jahre und fast so gut wie ein junges Organ. Altersbedingte Gefäßveränderungen sind zwar nicht auszuschließen, können aber mit Medikamenten eingedämmt werden.
Einen gleich alten Empfänger braucht das also nicht zu stören. "Am Anfang haben wir ein bisschen Lehrgeld bezahlt, weil wir uns mit der Immunsuppression nicht so gut auskannten", räumt Frei ein. Doch habe man bei der Behandlung von Abstoßreaktionen inzwischen deutliche Fortschritte gemacht. In der aktuellen Januar-Ausgabe des Fachmagazins "American Journal of Transplantation" hat Frei anhand einer Fünf-Jahres-Analyse sogar belegen können, dass die Lebenserwartung der transplantierten Senioren im Vergleich zu den Dialysepatienten im selben Alter mehr als doppelt so hoch ist.
Zehn bis 15 Jahre Lebenserwartung mit alter Spenderniere
Doch die Transplantation muss schnell erfolgen, denn bei älteren Organe kann es außerhalb des Körpers, ohne Durchblutung, zu Gefäßschäden kommen. Um die sogenannte "kalte Ischämiezeit" möglichst gering zu halten, werden die Spenderorgane überwiegend aus den nahe liegenden Regionen angeboten. Viel Zeit zum Nachdenken bleibt den Betroffenen nicht. "Ich saß gerade mit meiner Frau bei unserem Griechen, als das Telefon klingelte", erzählt Jung. "Es war die Klinik. Ich sollte schnell meine Sachen packen und kommen. Das war um 19.45 Uhr." Am nächsten Morgen hatte er bereits die neue Niere. "Das Organ stammte von einer 82-jährigen Spenderin, die kurz zuvor am Hirntod verstorben war", verrät Karl-Walter Jauch, Direktor der Chirurgie des Klinikums Großhadern. "Mit dem Organ kann der Patient die nächsten zehn bis 15 Jahre noch recht komfortabel leben", prognostiziert der Mediziner.
Deutschland ist kein besonders spendefreudiges Land. Dabei ist der Bedarf groß: Nach Zahlen der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) warten etwa 9.000 Menschen warten auf eine neue Niere. Im Jahr 2006 spendeten nach ihrem Tod aber gerade einmal 1259 Menschen ihre Organe. Täglich sterben drei Dialysepatienten auf der Warteliste, weil für sie kein rettendes Spenderorgan gefunden werden kann. Die steigende Anzahl von Patienten wird die Schere zwischen Organbedarf und -angebot künftig sogar noch größer werden lassen. Zwar werden auch die Spender immer älter - jeder dritte Spender ist bereits über 65 Jahre alt. Doch noch ist das "Old-for-Old"-Programm noch lange nicht allen Medizinern bekannt.
"In vielen Kliniken herrscht immer noch Unkenntnis", sagt Nicolas Richter, Transplantationsmediziner von der Medizinischen Hochschule in Hannover. "Viele wissen einfach nicht, dass es prinzipiell keine Altersobergrenze gibt für die Meldung eines Organspenders." Was die Spendebereitschaft in der Bevölkerung betrifft, kann Günter Kirste, Vorstand der DSO, künftig nur auf eine bessere Akzeptanz hoffen. "Man muss sich immer vor Augen führen, dass ein Organspender bis zu sieben Menschenleben retten kann. Ein älterer Organspender kann zumindest zwei bis drei Leben retten", so Kirste.
Erwin Jung wird sich vermutlich schnell wieder an ein Leben ohne Dialyse gewöhnen. Auf die Frage, wie es sich anfühle mit einer neuen Niere aufzuwachen, antwortet er nur: "Schon Wahnsinn". Dann dreht er sich weg. Er hat Tränen in den Augen.
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