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18.01.2008
 

Krebsforschung

Forscher finden Ursachen für Leukämie

Von Jens Lubbadeh

Leukämie ist die häufigste Krebsart bei Kindern. An Zwillingsmädchen haben englische Wissenschaftler nun einige der Ursachen dieses Blutkrebses erforscht. Zwei konnten sie ausfindig machen: eine Genmutation und Krebsstammzellen. Aber sie alleine machen noch keinen Krebs.

Die Gründe für Leukämie sind noch weitgehend unbekannt. Eine Erforschung der Krankheit wäre ein Segen, denn es ist der häufigste Krebs bei Kindern, vor allem bei sehr jungen. Forscher um Tariq Enver von der University of Oxford haben die Ursachen des Blutkrebses an einem Zwillingspärchen untersucht, den genetisch identischen Mädchen Olivia und Isabella, ihre Ergebnisse haben die Wissenschaftler im Fachmagazin "Science" veröffentlicht.

Leukämie: Mehrere Mutationen lösen sie aus und auch Krebsstammzellen spielen eine Rolle
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Leukämie: Mehrere Mutationen lösen sie aus und auch Krebsstammzellen spielen eine Rolle

Eines der Mädchen erkrankte mit zwei Jahren an akuter lymphoblastischer Leukämie - einer speziellen Form, die Lymphozyten, eine Form weißer Blutkörperchen, befällt. Die Symptome sind unter anderem Blutarmut, Blutgerinnungsstörungen sowie Fieber und schwere Infekte. Ursache des Blutkrebses ist eine Chromosomentranslokation, eine fehlerhafte Umlagerung eines DNA-Abschittes in dessen Folge zwei Gene - TEL und AML1 - zu einem neuen abnormalen Gen. Diese Translokation, so schreiben die Wissenschaftler, geschehe meistens schon im Uterus, wie man aus früheren Untersuchungen wisse.

Eine Analyse des Erbguts von Olivia und Isabella zeigte: Zwar besaßen beide Mädchen Zellen mit dem TEL-AML1-Fusionsgen, aber nur eine - Olivia - war an Leukämie erkrankt. Aber warum hatten beide Mädchen überhaupt Zellen mit dem Fusionsgen in ihrem Blut, wenn die Mutation nur in einem Mädchen stattgefunden hatte? Enver und seine Kollegen sind sich sicher: Die mutierten Zellen waren über den während der Schwangerschaft gemeinsam von beiden Embryonen genutzten Plazenta-Blutkreislauf von einem Mädchen auf das andere übergegangen.

TEL-AML1 alleine reicht nicht

Statistisch gesehen hat etwa jedes hundertste Kind das TEL-AML1-Fusionsgen. Aber nur ein Prozent dieser Kinder erkrankt tatsächlich an Leukämie. In den TEL-AML1-Zellen Olivias hatte eine weitere Mutation stattgefunden, möglicherweise aufgrund einer Infektion. Erst diese war dann der Auslöser für die Leukämie gewesen. Die Forscher schließen daraus: Das Fusionsgen ist zwar Voraussetzung für die Entstehung der Krankheit. Bis es aber zum Ausbruch kommt, sind noch weitere Mutationen erforderlich.

Enver und seine Kollegen waren außerdem auf der Suche nach Krebsstammzellen, die ebenfalls in Verdacht stehen, den Krebs auszulösen. Eigentlich sind Stammzellen bei Medizinern begehrte Alleskönner, weil sie sich in jede Körperzelle entwickeln können. Einer neuen Theorie nach besitzt aber auch Tumorgewebe eine Art Stammzellen. Diese lassen den Krebs wahrscheinlich ständig nachwachsen und streuen ihn auch im Körper - die gefürchteten Metastasen entstehen. Sowohl bei Haut- als auch bei Dickdarmkrebs haben Wissenschaftler diese potentiell unsterblichen Krebsstammzellen, die auch Chemotherapie und Bestrahlung widerstehen, nachgewiesen.

In Isabellas Blut fand Enver Krebsstammzellen für die Leukämie. In früheren Untersuchungen an Leukämie-Kranken hatte man diese in kleiner Zahl auftretenden Zellen beobachtet. Als man sie in Mäuse verpflanzt hatte, löste das Leukämie in den Tieren aus - und das obwohl sie das Fusionsgen nicht besaßen. Die Krebsstammzellen tragen bestimmte Proteine auf ihrer Zelloberfläche, anhand derer Enver sie aufspüren konnte. 0,002 Prozent aller Zellen mit einem Zellkern in Isabellas Blut waren solche Krebsstammzellen. 18 Monate lang beobachten Enver und seine Kollegen die Zellen in Isabellas Blut - aber sie entwickelten keinen Blutkrebs. In gesunden Kindern fanden sie sie nicht.

Schließlich schleusten die Forscher in die Krebsstammzellen das TEL-AML1-Fusionsgen ein und injizierten diese künstlich hergestellten Zellen Mäusen. Trotzdem entwickelte sich in den Tieren keine Leukämie."Was braucht es, dass eine Leukämie entsteht?", fragt sich Enver. Die Antwort können die Wissenschaftler nicht geben. Noch nicht.

Isabella ist noch immer gesund, aber jede weitere genetische Mutation in diesen Zellen birgt für sie eine enorme Gefahr. Derzeit schätzen die Mediziner ihr Erkrankungsrisiko auf 1:10. Enver ist zuversichtlich, dass seine Erkenntnisse hilfreich sind, um sie und andere Kinder mit genetischer Belastung vor der Krankheit zu bewahren. Isabella wird nicht immer in Angst leben müssen: Ihre TEL-AML1-Zellen werden nach und nach von selbst sterben, glauben die Wissenschaftler. Spätestens, wenn sie 14 Jahre alt ist, sollten keine mehr da sein.

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