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26.01.2008
 

Zahlenzauber

"Mathe stärkt die Persönlichkeit"

Rechnen ist für viele Menschen eine Qual, höhere Kunst, ein Rätsel. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt der Mathematik-Professor Beutelspacher, warum Geometrie und Mengenlehre ganz anders sind, als viele denken.

SPIEGEL ONLINE: 2008 ist das Jahr der Mathematik. Können wir am Ende des Jahres alle besser rechnen?

Albrecht Beutelspacher: Im Jahr der Mathematik geht es sicher nicht darum, traditionelle Kulturtechniken wie Rechnen zu verbessern. Vielmehr soll sich die Haltung vieler Menschen zur Mathematik ändern. Wir Mathematiker wollen zeigen, wie toll und wie nützlich Mathematik ist. Einerseits ist Mathematik eine Kulturwissenschaft, die den Menschen seit Jahrtausenden mit Themen wie Primzahlen, Unendlichkeit, Geometrie, Formen und Mustern fasziniert. Andererseits ist sie eine unglaublich anwendungsbezogene Wissenschaft. Die allermeisten technischen Produkte würden ohne Mathematik nicht existieren.

SPIEGEL ONLINE: Trotzdem stehen viele Menschen mit der Mathematik auf Kriegsfuß. Wer ist eigentlich schuld daran?

Beutelspacher: Mathematik wird zu 99 Prozent über die Schule vermittelt, also muss es an der Schule liegen. Das Problem ist: Häufig geht es im Unterricht nur um richtig und falsch. Auch wenn nur ein Prozent einer Rechnung falsch ist, ist das Ergebnis komplett falsch. Das birgt die Gefahr, dass der Lehrer der Herr über richtig und falsch wird. Das bedeutet wiederum, dass Macht ausgeübt wird. Und Machtausübung heißt dann auch, dass Angst erzeugt wird.

SPIEGEL ONLINE: Und was kann man dagegen tun?

Beutelspacher: Dieser Teufelskreis muss durchbrochen werden. Mathematik ist nämlich ganz anders. Nicht der Lehrer braucht zu sagen, was richtig oder falsch ist. Mathematik ist eine Wissenschaft, bei der der Schüler selbst erkennen kann: Ich habe es richtig gemacht. Übrigens im Gegensatz zu anderen Fächern wie Deutsch. Wenn da der Lehrer gut ist, hat er einen unendlichen Vorsprung. Er hat Hunderte Bücher gelesen, Dutzende Gedichte interpretiert, da bin ich als Schüler ein Anfänger. Aber in Mathe kann ich gleich mitreden. Mathematik soll, das ist meine These, das Rückgrat stärken und nicht das Rückgrat brechen. Sie stärkt die Persönlichkeit.

SPIEGEL ONLINE: Sie machen in erster Linie die Lehrer für die verbreitete Mathephobie verantwortlich. Aber tragen nicht auch die Mathematiker eine Mitschuld?

Beutelspacher: Sicher. Die Mathematiker verwenden traditionell ganz viel Energie darauf, Argumente und Lösungen so perfekt zu machen, dass völlig makellose Schönheit entsteht. Das ist Artistik auf dem Hochseil, die man bewundern kann. Viele Laien sagen dann auch: Damit habe ich nichts zu tun. Wenn ich hingegen selbst anfange zu argumentieren, dann ist das erst mal ganz grob, zum Teil sogar falsch. Es sind Umwege dabei, es ist überhaupt nicht schön. Verglichen mit dem Ideal der Mathematik ist wirkt das geradezu stümperhaft. Wir müssen aber damit anfangen, den Lernenden Freiräume zu geben, damit sie selber zur Mathematik kommen können.

SPIEGEL ONLINE: Sie meinen die Klarheit, die Perfektion, die viele mit Mathematik assoziieren, ist abschreckend?

Beutelspacher: Genau. Das ist, als wenn ich Klavierspielen lerne, aber nur perfekt gespielt Beethoven-Sonaten höre und keinen Flohwalzer mit Fehlern spielen darf.

SPIEGEL ONLINE: Aber steckt nicht die ganze Mathematik in einer Krise? Man hört wenig von spektakulären Durchbrüchen bei Mathematikern - im Unterschied zu Medizinern, Klimaforschern oder Physikern.

Beutelspacher: Mathematik ist ein unglaublich aktives Forschungsgebiet. Es ist aber so, dass die meisten mathematischen Ergebnisse auch für viele studierte Mathematiker kaum noch vermittelbar sind. Was die Fields-Medaillen-Preisträger machen, das ist schon fantastisch gute Mathematik. Aber das meiste davon verstehe auch ich nicht. Es gibt aber durchaus wichtige Durchbrüche: etwa der Beweis des Vierfarbensatzes vor 20, 30 Jahren oder der Beweis der Fermatschen Vermutung vor ein paar Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Manchmal finden Mathematiker auch den Beweis dafür, dass eine Aufgabe gar nicht lösbar ist. Das muss doch ziemlich frustrierend sein für einen Wissenschaftler, der ja eigentlich Probleme lösen will.

Beutelspacher: Aus psychologischer Sicht mag das wie ein negatives Ergebnis erscheinen. Rein philosophisch gesehen, ist das aber etwas Fantastisches. Man kann beweisen, dass irgendetwas nicht existiert. Ist das nicht toll?

Das Gespräch führte Holger Dambeck.

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Die neuesten Beiträge:
29.10.2011 von querulant_99:

Sie sollten da nicht so skeptisch sein. Immerhin haben uns die Historiker überliefert, dass man mit 73 Jahren noch Bundeskanzler werden kann, und beinahe hätten wir letztes Jahr einen nicht viel jüngeren Mann als [...] mehr...

29.10.2011 von lordax:

Das ist natürlich nur der Durchschnittswert (in etwa Alter / (Anzahl der Wechsel + 1)). Inzwischen habe ich zwei radikale Wechsel hinter mir. Der 3. kommt zu, 1.1.2012. Dann gebe ich mein Dasein als Entwicklungsingenieur auf und [...] mehr...

29.10.2011 von Zuul: kontraintuitiv

Ca. alle 15 Jahre. Darf ich frage, wie alt Sie sind? Oder, alternativ, wie viele radikale Wechsel sie schon hinter sich haben? Und sind es nicht die Lösungen, anstatt Probleme, die dem "gesunden Menschenverstand [...] mehr...

29.10.2011 von Sumerer:

Wenn es denn um Genauigkeit geht, dann ginge es um die Zeichenketten "2","3 7"," 8". Blöd ist nur, ich sehe gerade mal nix vor solutioners 8. mehr...

27.10.2011 von nordmatiker:

Sie könnte auch die Zeichenketten "2", "3 7" und "8" enthalten. mehr...

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