Von Angelika Franz
Einige der Kinderknochen wurden auch geröstet, besonders an Schädelfragmenten beobachtete de Anda öfter Brandspuren. "Sie sind sowohl innen als auch außen weißlich verfärbt, sodass sie wie Kalkstein aussehen. Und schwärzlich sind sie in den angrenzenden Bereichen, dort wo der Knochen porös ist", beschreibt er seine Funde. Auch einige Langknochen, Wirbel und Rippen scheinen für kurze oder längere Zeit den Flammen ausgesetzt gewesen zu sein. Die Knochen der Erwachsenen sind dagegen zumindest vom Feuer unversehrt. Doch nicht nur die Kinder waren besonderen Riten vorbehalten, auch die Knochen der Frauen erzählen eine eigene Geschichte. Sie sind die einzige Gruppe, an denen de Anda Spuren von Gewalt an den Armen fand. Drei rechte Oberarmknochen haben Kratzspuren, ebenso zwei rechte Speichen.
Den Knochen zu Folge praktizierten die Maya von Chichén Itzá also eine ganze Reihe verschiedener Opferriten, bei denen die Opfer entweder gehäutet, das Fleisch von den Knochen geschabt, das Herz aus dem Leib gerissen, geköpft, verbrannt oder doch in der Cenote ertränkt wurden. Dabei war jede Todesart einer bestimmten durch Alter und Geschlecht charakterisierten Gruppe vorbehalten. "In der Maya-Mythologie ging es aber vornehmlich um Männer", sagt de Anda, "deshalb macht es nur Sinn, wenn auch die Opfer in den meisten Fällen Männer waren und nicht, wie bislang geglaubt, Frauen." Zu diesem Trugschluss waren frühere Forscher gekommen, weil die Geopferten oft reich mit Jadeschmuck behängt waren. Die Möglichkeit, dass auch Männer Schmuck trugen, passte nicht in das Weltbild früherer Generationen von Akademikern.
Der Regengott Chaac hauste in der Tiefe
Empfänger der Opfer war der Regengott Chaac, der in der Tiefe des Wasserloches hauste. Chaac stellten sich die Maya als einen Gott mit menschenähnlichem Körper vor, dessen Haut allerdings mit Reptilien- oder Amphibienschuppen bedeckt war. Anstelle einer Nase baumelte ein langer Rüssel, aus dem Mund ragten die gekrümmten Fangzähne. "Die Maya glaubten, dass die Götter kleine Dinge mögen, und besonders der Regengott hat vier Helfer, die Bacabs, die als winzige Menschen dargestellt werden", erklärt de Anda die Leidenschaft des Chaac für Kinderopfer. Die Aufgabe der Bacabs besteht darin, auf Anweisung Chaacs den Regen über der Erde auszugießen. Noch heute feiern die modernen Maya eine Regenzeremonie, bei der vier Kinder die Bacabs spielen, die sich während der Feierlichkeiten in den vier Ecken des Festplatzes aufstellen müssen.
Die verbrannten Knochen erzählen hingegen von einem anderen Mythos der Maya. Das heilige Buch Popol Vuh kennt die Legende der Zwillinge Hunahpu und Xbalanque. Die müssen nach einer verlorenen Schlacht auf dem Scheiterhaufen sterben, und ihre brennenden Knochen werfen die Feinde auf dem Höhepunkt der Siegesfeier in den Fluss Xibalba. Als sie jedoch auf den Boden sinken, verwandeln die Knochen sich wieder in Hunahpu und Xbalanque. Im Wasser der Cenote von Chichén Itzá könnten die Maya die Legende mit lebendigen Opfern nachgespielt haben.
"Letztendlich wissen wir nicht genau, was wirklich geschah", räumt de Anda ein. "Schließlich stammt das in dieser Studie untersuchte Material nur aus einem bestimmten Quadranten des Höhlenbodens und ist damit noch nicht einmal repräsentativ." Um nach Antworten zu suchen, taucht er weiter in den Cenoten der Halbinsel von Yucatán. Weit über 2500 dieser Wasserlöcher gibt es dort. "Und wir haben gerade einmal 25 davon wissenschaftlich untersucht", beschreibt er lachend die noch zu bewältigende Forschungsarbeit. So hofft er, nicht nur noch mehr Material zu bergen, sondern auch Fragen der Wasserversorgung klären zu können.
Eines der großen Rätsel bleibt zum Beispiel nach wie vor, warum die Maya ihr Trinkwasserreservoir mit Leichen kontaminierten. "Vielleicht wussten sie um die unterirdische Strömungsrichtung, und entnahmen ihr Trinkwasser nur oberhalb der Opferplätze", mutmaßt de Anda. Damit er nicht alles allein machen muss, bildet der Unterwasserarchäologe seine Studenten im Höhlentauchen aus. De Andas Lehrstuhl ist der einzige weltweit mit diesem Schwerpunkt. Wer als Schüler zu ihm kommt, braucht also vor allem zwei Dinge: starke Nerven und einen langen Atem.
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