Stammzell-Debatte im Bundestag
Parlament streitet - Merkel schweigt
Von Christian Schwägerl
Es war eine hochemotionale Debatte und sie offenbarte die tiefe Spaltung des Bundestags: Vier Stunden stritten die Abgeordneten über neue Regeln für die Stammzellforschung. Extreme Positionen dominierten, Vertreter einer gemäßigten Linie hatten es schwer.
Berlin - Bundeskanzlerin Angela Merkel hat fast ihr gesamtes Kabinett im Bundestag um sich versammelt, doch sie schweigt. Ohne ihre Initiative fände diese Debatte nicht statt - darüber, ob die Auflagen für die deutsche Stammzellforschung gelockert werden sollen. Weil es um Heilungschancen für Schwerkranke geht und um das Lebensrecht von Embryonen, ist bei der Einbringung der Gesetzentwürfe in den Bundestag jedweder Fraktionszwang aufgehoben. Zu Wort melden will sich die Kanzlerin aber nicht, denn sie möchte das freie Spiel der Parlamentskräfte nicht mit einer direkten Ansage von oben beeinflussen.
DDP
Merkel, Kauder: Parteikollegen, aber Kontrahenten in der Stammzelldebatte
So beharrlich wie diskret hat die Kanzlerin in den vergangenen Monaten dafür gewirkt, deutschen Wissenschaftlern die Arbeit mit embryonalen Stammzellen zu erleichtern. Die Forscher sollen künftig mehrere Hundert neuere Zelllinien aus dem Ausland importieren dürfen, nicht nur die gut zwanzig älteren, die vor dem gesetzlichen Stichtag 1. Januar 2002 gewonnen worden sind.
Die Abgeordneten machen von der ungewöhnlichen Freiheit munter Gebrauch, völlig losgelöst vom Parteibuch ihr Gewissen zur Geltung zu bringen. Vier konkurrierende Gruppenanträge liegen ihnen vor, über die Mitte März abgestimmt werden soll. Je nachdem, wie sich der Bundestag entscheidet, wird der Stichtag verschärft, beibehalten, gelockert oder ganz abgeschafft - mit weitreichenden Folgen für die Forscher. Sie argumentieren, dass die Stammzellen, die ihnen heute zur Verfügung stehen, für eine wettbewerbsfähige Forschung nicht mehr taugen.
Kauder: "Wir dürfen nicht an Embryonen forschen"
Mit fester Stimme, offenbar ohne jede Sorge vor politischen Konsequenzen, tritt Unionsfraktionschef Volker Kauder den Wissenschaftlern entgegen, bezeichnet die Linie der Kanzlerin als falsch, als moralisch verwerflich, als Angriff auf den Menschen in seiner frühesten Erscheinungsform. "Wir dürfen nicht an Embryonen forschen", lautet Kauders Formel. Der Mensch dürfe nie als Objekt "verzweckt" werden. Immer neue Importe von embryonalen Stammzellen aus dem Ausland würden die "eigene Glaubwürdigkeit erschüttern". Mit bebender Stimme ruft der CDU-Abgeordnete Hubert Hüppe: "Es geht nicht um irgendeinen Müll der Reproduktionsmedizin, sondern um männliches oder weibliches menschliches Leben." "Volle Menschenwürde" komme den Embryonen, die bei der Gewinnung von Stammzellen für die Biomedizin "getötet" würden zu, selbst wenn sie "überzählig" seien und nicht mehr ausgetragen würden.
STAMMZELLDEBATTE - DIE VIER ANTRÄGE
Eine Gruppe von Unionspolitikern um Hubert Hüppe (CDU) hat einen von 52 der 613 Bundestagsabgeordneten unterzeichneten Gesetzentwurf eingebracht, der ein vollständiges Verbot der Forschung mit menschlichen embryonalen Stammzellen vorsieht. Die Tötung menschlicher Embryonen verstoße gegen die Menschenwürde, argumentieren sie.
Die größte Gruppe (185 Abgeordnete) setzt sich für eine einmalige Verschiebung des Stichtags auf den 1. Mai 2007 ein. Dadurch stünden statt bisher rund 40 etwa 500 Stammzellenlinien für die Forschung in Deutschland zur Verfügung, sagt Mitinitiator René Röspel (SPD). Unterstützt wird der Entwurf auch von Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) und anderen Bundesministern.
Für eine Abschaffung der Stichtagregelung sowie der Strafandrohung für deutsche Wissenschaftler, die im Ausland mit nach 2002 hergestellten Stammzellen forschen, setzen sich 94 Abgeordnete ein. Ihnen gehören insbesondere FDP-Politiker wie Parteichef Guido Westerwelle und Wolfgang Gerhardt, aber auch Linksfraktionschef Gregor Gysi und SPD-Parlamentsgeschäftsführer Thomas Oppermann an. Nur von den Grünen ist kein Politiker vertreten.
Den derzeit geltenden Stichtag beibehalten wollen 149 Abgeordnete, darunter Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU), die frühere Bundesjustizministerin Herta Däubler-Gmelin (SPD) und die Führungsriege der Grünen. Dadurch soll sichergestellt werden, dass Deutschland keine Anreize für die Tötung von Embryonen bietet. Damit auch ihr Anliegen berücksichtigt wird, hat ein Teil der Unterstützer neben dem Antrag auf Beibehaltung der Stichtagsregelung eine Gesetzesvorlage eingereicht, die klarstellt, dass die Regelung nur Forscher im Inland betrifft.
Am anderen Ende des Meinungsspektrums wirbt Thomas Oppermann, der Parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, dafür, noch weit über Merkels Linie hinauszuschießen. Er will, wie auch die Unionspolitikerin Katherina Reiche und die FDP-Politikerin Ulrike Flach, den Stichtag ganz abgeschafft sehen. Das würde bedeuten, dass alle Stammzellkulturen, die es weltweit gibt, nach Deutschland importiert werden könnten. Eine "einmalige Verschiebung" des Stichtags auf den 1. Mai 2007, wie ihn eine große Gruppe um Merkel und Forschungsministerin Schavan (CDU) durchsetzen will, werde keinen Bestand haben: Weil die Wissenschaft voranschreite und immer neue, interessante Zelllinien produziere, "wird es auch nicht bei diesem Stichtag bleiben", prophezeit Oppermann.
Die Vertreter der mittleren Linie kommen von beiden Seiten des biopolitischen Spektrums unter starkes Feuer. Eine einmalige Verschiebung, das sei nicht mehr als ein frommer Wunsch, sagen viele Abgeordnete. Der beinharte Embryonenschützer Norbert Geis (CDU) und die vehemente Forschungsfreundin Flach sind sich nämlich nur in einem einig: Dass es in der Stammzellpolitik gar keine sinnvolle Kompromisslinie gibt, sondern nur ein biblisches "Ja oder Nein". Ein bisschen Lockerung, wie es die Kanzlerin will, lehnen die Vertreter der reinen Lehren strikt ab.
Bundestag ist tief gespalten
Deswegen hebt die Forschungspolitikerin Ilse Aigner (CSU) so deutlich hervor, dass die Stichtagslösung, die das Parlament 2002 beschlossen hat, doch ein Erfolg sei. Sie habe einerseits Grundlagenforschung an importierten embryonalen Stammzellen ermöglicht, ohne dass deutsche Forscher selbst die Zerstörung von Embryonen ausgelöst hätten. Doch andererseits habe der mittlere Weg alle Forderungen, den Embryonenschutz in Deutschland ganz abzuschaffen oder gar Embryonen gezielt für die Forschung zu erzeugen, zum Verstummen gebracht. Diese Vermittlung zwischen den beiden Extremen der biopolitischen Debatte sei ein großer Verdienst.
Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) äußert sich ähnlich: Ein "Ausgleich" verschiedener Interessen sei nötig. Das gebe die Verfassung her: "Der Embryo in der Petrischale ist menschliches Leben, aber die Verfassung gibt uns bei seinem Schutz Spielraum, um zum Beispiel auch der Forschungsfreiheit Geltung zu verschaffen oder der Pflicht zum Schutz der Bürger vor Krankheiten."
STAMMZELLEN - DIE ZELLULÄREN MULTITALENTE
Sie gelten als die zellulären Alleskönner: Reift eine befruchtete Eizelle zu einer Blastozyste, einem kleinen Zellklumpen, heran, entsteht in deren Inneren eine Masse aus embryonalen Stammzellen. Die noch nicht differenzierten Stammzellen können sich zu jeder Zellart des menschlichen Körpers entwickeln. Voraussetzung ist, dass sie mit den richtigen Wachstumsfaktoren behandelt werden.
MPI Münster / Jeong Beom Kim
Körperzellen einfach in Stammzellen umprogrammieren - das gelang Forschern durch das Einschleusen ganz bestimmter Steuerungsgene. Aus den dabei entstandenen maßgeschneiderten Stammzellen züchteten sie erfolgreich verschiedene Körperzellen. Diese Methode ist nicht nur elegant, sondern auch ethisch unbedenklich, da dabei kein Embryo hergestellt und zerstört wird. Allerdings birgt die Methode noch Risiken, weil für das Einschleusen der Gene Viren benötigt werden. Die Gene werden vom Virus verstreut im Genom eingebaut, wichtige Gene der Zelle können dabei beschädigt werden, die Zelle kann entarten. Es besteht Krebsgefahr. Zudem bauen auch die Viren ihr Erbgut ein. Forschern gelang jedoch mittlerweile die Reprogrammierung ohne Viren und mit anschließender Entfernung der Gene.
Zellen reprogrammieren - nur durch Zugabe von Molekülen und ohne Veränderung des Erbgutes. Dies gelang Forschern erstmals im April 2009. Damit räumten sie potentielle Risiken aus, die das Einschleusen der Reprogrammiergene barg.
Keimbahn-Stammzellen können normalerweise nur Spermien erzeugen. Aber man kann sie auch in pluripotente Stammzellen verwandeln. Diese germline derived pluripotent stem cells (gPS) bieten ein großes Potential, denn ihr Erbgut ist noch relativ unbeschädigt. Forschern gelang die Verwandlung an Hodenzellen von Mäusen - nur durch ganz bestimmte Zuchtbedingungen.
Nicht nur Embryonen sind eine Quelle der Zellen, aus denen sich verschiedene Arten menschlichen Gewebes entwickeln können. In etwa 20 Organen inklusive der Muskeln, der Knochen, der Haut, der Plazenta und des Nervensystems haben Forscher adulte Stammzellen aufgespürt. Sie besitzen zwar nicht die volle Wandlungsfähigkeit der embryonalen Stammzellen, bereiten aber auch keine ethischen Probleme: Einem Erwachsenen werden die adulten Stammzellen einfach entnommen und in Zellkulturen durch Zugabe entsprechender Wachstumsfaktoren so umprogrammiert, dass sie zu den gewünschten Gewebearten heranreifen.
Die Stammzellforschung birgt ethische Konflikte. Embryonale Stammzellen werden aus Embryonen gewonnen, die entweder eigens hergestellt werden oder bei künstlichen Befruchtungen übriggeblieben sind. Dabei wird der Embryo zerstört. Die Argumentation der Befürworter: Die Embryonen würden ohnehin vernichtet. Kritiker sprechen dagegen von der Tötung ungeborenen Lebens.
In Deutschland ist das Herstellen menschlicher Embryonen zur Gewinnung von Stammzellen verboten. In Ausnahmefällen erlaubt das Gesetz aber den Import von Stammzellen, die vor dem 1. Mai 2007 hergestellt wurden. In Großbritannien und Südkorea ist das therapeutische Klonen ausdrücklich erlaubt, ebenso in den USA.
Die Debatte offenbart einmal mehr, wie tief gespalten der Bundestag bei der Bewertung der Stammzellforschung ist. Bei vielen sitzt das Misstrauen tief, die Angst vor einer "Büchse der Pandora", einer "ethischen Wanderdüne" oder gar einer "Relativierung der Basis unseres Zusammenlebens" geht um. Wissenschaftler würden völlig überzogene Hoffnungen wecken, nur um an Embryonen forschen zu können. Medizinische Erfolge könnten sie noch keine vorweisen, das ganze sei "eine Sackgasse", sagt der SPD-Abgeordnete Wolfgang Wodarg. Bei 1700 klinischen Versuchen mit Stammzellen, die in Amerika registriert seien, würden bei keinem einzigen embryonale Stammzellen benutzt, sagt der CDU-Politiker Hüppe.
Vertreter der Mittellinie haben es schwer
Dagegen malen die Befürworter der Forschung an embryonalen Stammzellen eine strahlende Zukunft aus, in der schwere Krankheiten endlich behandelbar werden. "Diese Medizin ist in sich menschenfreundlich" und werde Millionen Menschen helfen, sagt Peter Hintze (CDU), Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium.
Zwischen den bioethischen Extrempolen haben es die Vertreter des mittleren Wegs schwer. Als letzte ergreift Forschungsministerin Schavan das Wort und rechnet vor, dass doch 97 Prozent der 49 Millionen Euro, die seit 2000 in die deutsche Stammzellforschung geflossen seien, für Studien mit ethisch unstrittigen adulten Stammzellen aufgewendet worden seien. Diese Fördermittel würden nun stark angehoben, "auf bis zu zehn Millionen Euro jährlich." Nur übergangsweise müsse noch an embryonalen Stammzellen geforscht werden, sagt Schavan.
Die Ministerin ist überzeugt, dass sich ihre Mittellinie am Ende durchsetzen wird. Schon 2002 bedurfte es mehrerer Abstimmungsdurchgänge, dann schlossen sich die Verfechter einer vollständigen Liberalisierung der Stichtagslösung an. Ähnlich könnte es laufen, wenn die vier Gruppenanträge nach einer Experten-Anhörung und Ausschussberatungen Mitte März wieder in den Bundestag gelangen.
Sollte es für ihre Position knapp werden, kann Angela Merkel dann immer noch das Wort ergreifen.