Von Johannes Strempel
Es ist Grimmelshausens ästhetisches Schlüsselerlebnis. Zum ersten Mal sieht er in einer künstlerischen Darstellung seine Ahnung bestätigt, dass seine Heimat aus den Fugen geraten ist. "Zuvor hatte ich die verkehrte Art der Welt wenig beobachtet und noch weniger, dass ich selbst mit interessirt wäre." Er nimmt sich vor, dem Beispiel des Autors zu folgen und die Torheiten der menschlichen Existenz genau zu studieren, "um meinen wenigen Verstand zu schärpffen" und darüber spotten, lachen oder weinen zu können.
Mit dem ironisch gebrochenen Blick des Satirikers verarbeitet Grimmelshausen fortan als Dichter seine Kriegserlebnisse - in "lustiger Manier", wie er in einer Ankündigung des "Simplicissimus" schreibt. Dieses Buch, einer der herausragenden Romane deutscher Sprache, hat nichts von dem gekünstelten Stil der höfischen Werke seiner Zeitgenossen, Grimmelshausens Worte sind bunt und roh und wild. Zwar geht es auch dem Schriftsteller letztlich um die christliche Läuterung des Menschen, aber er hat erkannt, dass man die "heilsamen Pillulen" überzuckern muss, damit sie geschluckt werden.
Die lebendigen, kraftvollen Episoden auch jenseits der Schlachtfelder - etwa wenn Grimmelshausen seinen Helden in Paris zum Opernstar und als "Beau Alman" zum Liebling der Damenwelt reüssieren lässt - sind dabei sein bevorzugtes Mittel, um den Leser für den düsteren Stoff zu interessieren: den Krieg, dieses "erschreckliche und grausame Monstrum".
Am 8. Juli 1639 lässt sich Grimmelshausen als Musketier der kaiserlichen Garnison Offenburg anwerben und erlernt die 143 Handgriffe, die zum Laden der elf Kilogramm schweren Schusswaffe nötig sind. Ein Offizier wird auf den jungen, klugen Mann aufmerksam, verschafft ihm eine Position in der Kanzlei. Grimmelshausen steigt auf zum Schreiber, holt an Bildung nach, was er kann, vergräbt sich in der Bibliothek. "Ich hab doch sonst kein Freud in der Welt als lesen", lässt er den Simplicissimus zur Mutter sagen.
Es ist ein ungewöhnlicher Aufstieg, der den meisten gemeinen Soldaten verwehrt bleibt. Auch Peter Hagendorf setzt nach der Schlacht um Breisach sein rastloses Leben fort. Völlerei und Hunger, Sieg und Niederlage, Krankheit und Genesung, Märsche und Belagerungen folgen ohne Pause aufeinander. Und der Ton im Tagebuch wird roher: "Acht Tage mit Kanonen brav zusammen gespielt", schreibt Hagendorf über ein Gefecht. Und über die Plünderungen seines Regiments: "Da haben wir wieder Kirchweih gehabt."
Nie führt eine der Schlachten zu einer endgültigen Entscheidung, oft genug ist schwer zu sagen, welche Partei eigentlich gewonnen hat. Das Siegen ist in diesem Krieg ebenso kräftezehrend wie das Verlieren.
Viele Söldner gehen betrunken auf die Schlachtfelder. Andere wollen sich "gefroren" machen - auf magische Weise unverwundbar. Sie stecken sich Musketenkugeln mit eingeritzten Kreuzen oder abgeschnittene Henkerstricke unter den Wams. Grimmelshausen schreibt von den Maulhelden im Heer, "die Schwerter und Degen, Dolche und Rappier, Pferd und Pistolen, Feuer und Dampf im Munde haben, und ist ihnen doch im Herzen recht scheißbang".
Während der Schlacht verteidigen Pikeniere die Musketiere mit etwa fünf Meter langen Spießen vor der feindlichen Reiterei - denn solange die Schützen ihre Waffen laden, sind sie wehrlos. Über der Schulter tragen sie ihr Bandelier mit den abgepackten Pulverportionen, der Pulverflasche und den Kugeln. Auch Grimmelshausen hat gelernt, wie man aus einem Bleiklumpen Kugeln herstellt. Er weiß, dass er im Lauf der Muskete erst eine Treibladung, dann eine Kugel versenken muss, wie viel Zündpulver auf das Luntenschloss gehört und wie man die Holzgabel als Widerlager für den Lauf in den Boden rammt, damit der Schuss auch gelingt.
Auf den Flügeln links und rechts des Fußvolks schließlich greift die Kavallerie an - schwer gepanzerte Kürassiere, Arkebusierreiter und Dragoner. Jeder Gemeine wünscht sich, in die Reiterstandarte aufzusteigen: wegen des besseren Soldes und der geringeren Verluste.
Bei Grimmelshausen ist nachzulesen, wie es auf den Schlachtfeldern zugeht: "Da lagen abgeschossene Ärm, an welchen sich die Finger noch regten, gleichsam als ob sie wieder mit in das Gedräng wollten, hingegen rissen Kerle aus, die noch keinen Tropfen Blut vergossen hatten; dort lagen abgelöste Schenkel, welche ob sie wohl der Bürde ihres Körpers entladen, dennoch viel schwerer worden waren, als sie zuvor gewesen; da sah man zerstümmelte Soldaten um Beförderung ihres Tods, hingegen andere um Quartier und Verschonung ihres Lebens bitten."
Die Verluste sind gewaltig: Etwa 20.000 Menschen kommen bei der Zerstörung Magdeburgs 1631 ums Leben, mehr als 10.000 Tote gibt es im gleichen Jahr vor Breitenfeld. Die meisten Söldner aber sterben nicht auf dem Schlachtfeld, sondern verbluten in den improvisierten Lazaretten, verhungern auf den weiten Märschen, werden von Ruhr, Pocken und Skorbut hingerafft oder von der Kälte.
Tagein, tagaus müssen im Winterlager Wundärzte die erfrorenen Gliedmaßen amputieren. Simplicissimus wird von den Blattern entstellt, Geschwüre am ganzen Leib peinigen Peter Hagendorf. Dessen erste Frau sowie acht der zehn Kinder sterben an Erschöpfung, Krankheit oder den katastrophalen Hygienebedingungen im Tross, die Schwiegermutter erliegt der Pest. Mehr als eine Million Menschen kämpfen in diesem Krieg, am Ende ein Heer von Invaliden. Als endlich Frieden geschlossen wird, ist Europa von Krüppeln, Blinden und Lahmen bevölkert, die bettelnd vor den Klosterpforten stehen und sich, in Lumpen gehüllt, über die Straßen schleppen.
Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen beginnt nach dem Friedensschluss von 1648 ein neues Leben. Er heiratet, gründet eine Familie, verdient sich seinen Unterhalt als Verwalter, Gastwirt und Bürgermeister in Renchen, 20 Kilometer östlich von Straßburg. Erst jetzt beginnt er zu schreiben. Unter einer Vielzahl von Pseudonymen verfasst er ein Werk aufs andere. "Der abenteuerliche Simplicissimus Teutsch", sein zweiter Roman, wird gleich nach der Veröffentlichung 1668 zu einem großen Erfolg: In den folgenden vier Jahren erscheinen sechs Auflagen, eine davon ein Raubdruck. Kirchenmänner zitieren in ihren Predigten aus dem Buch, und der Name des Helden wird zum Titel eines ganzen Genres: der Simpliziaden, in denen andere Autoren den Stil Grimmelshausens kopieren.
Zum Ende seines Lebens wird Grimmelshausen erneut Soldat: Denn als Ludwig XIV. die östliche Grenze Frankreichs bis an den Schwarzwald ausdehnen will, wird die Region um Renchen zum Schlachtfeld. Auch der Bürgermeister Grimmelshausen muss noch einmal in den Krieg ziehen. Vielleicht an den Folgen einer Verwundung, vielleicht an einer Krankheit stirbt er am 17. August 1676 mit etwa 55 Jahren im Kreis seiner Familie.
Peter Hagendorf erlebt das Ende des Krieges als Garnisonsoldat in Memmingen. Seine zweite Frau, ein Sohn und eine Tochter sind bei ihm. Die Freudenfeste der Bürger über den Frieden vermag er nicht recht ernst zu nehmen - "als wenn es Ostern oder Pfingsten gewesen wäre", notiert er.
Zum Ende des Krieges kommt es bei ihm immer wieder zu merkwürdigen Unfällen: Er fällt während einer Wache vom Tor und renkt sich das Knie aus, er stürzt durch einen Boden und verletzt sich am Kopf. Das ruhige Leben abseits der Schlachtfelder scheint dem Überlebenden des größten aller Kriege Angst zu machen; möglicherweise wird er zum Trinker.
Am 26. September 1649 zieht er mit seiner kleinen Familie durch das Tor von Memmingen hinaus, wahrscheinlich haben ihn ausländische Werber verpflichtet. Das letzte von ihm erwähnte Ziel ist Straßburg. Dann bricht sein Tagebuch ab.
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