Von Markus Becker und Brigitte Zander
Normalerweise sind nur Politiker oder Filmstars in der Lage, mit einem Outing solche Schlagzeilen zu produzieren. Diesmal aber waren es 17 Ärzte, Pfleger und Therapeuten, fast alle in leitenden Positionen - und alle Verursacher sogenannter Kunstfehler. In einer in Deutschland beispiellosen Aktion haben sich öffentlich zu ihren Behandlungsfehlern bekannt und ihre Kollegen aufgefordert, ähnlich offen mit ihren Missgriffen umzugehen.
Das Medienecho auf die Broschüre des Aktionsbündnisses Patientensicherheit war gewaltig. Denn wenn den sprichwörtlichen Halbgöttern in Weiß Missgriffe unterlaufen, ist das lange totgeschwiegen worden. Pannen im OP, Fehldiagnosen, falsche Medikamente - über solche lebensgefährlichen Kunstfehler wurde und wird kollegial geschwiegen.
In den Krankenakten kommen die Fehltritte des medizinischen Personals nur selten vor, mit oft tragischen Folgen für die Betroffenen. Nur hin und wieder gelangen Geschichten von versehentlich amputierten Beinen, in Bäuchen vergessenem Operationsbesteck und zu Tode gespritzten Patienten an die Öffentlichkeit.
Das Aktionsbündnis Patientensicherheit will die Mauer des Mediziner-Schweigens nun durchbrechen - mit tatkräftiger Unterstützung der AOK, für die Kunstfehler nicht nur ein medizinisches, sondern auch ein finanzielles Problem sind. Die Kasse wird ihren Angaben zufolge jährlich mit rund 40.000 Behandlungsfehlervorwürfen konfrontiert, von denen sich 2000 als berechtigt herausstellen. Jedes Jahr würden rund zwölf Millionen Euro an Folgekosten geltend gemacht.
Widerstände aus der Ärzteschaft
Volle zwei Jahre Arbeit waren nach Angaben der AOK zur Fertigstellung der Broschüre notwendig - nicht zuletzt aufgrund von Widerständen der Ärzteschaft. "Manche Mediziner haben eine Teilnahme rundheraus abgelehnt", sagte AOK-Sprecherin Gabriele Hauser-Allgaier. Ähnlich äußerte sich Matthias Schrappe, Vorsitzender des Aktionsbündnisses Patientensicherheit. "Es war nicht einfach. Es gab durchaus gewisse Befürchtungen und das Verlangen nach einer juristischen Prüfung." Dennoch seien die Reaktionen überwiegend positiv ausgefallen - "von den Patienten sowieso, aber auch von Ärzten." Die große Resonanz auf die Broschüre spreche für sich. "Es scheint an der Zeit gewesen zu sein", sagte Schrappe SPIEGEL ONLINE.
Schrappe selbst räumt in der Broschüre ein, als junger Assistenzarzt einer älteren Patientin mit Herzrasen ein Beruhigungsmittel verabreicht zu haben. Wie sich später herausstellt habe, hatte die Patientin aber eine Lungenembolie, also ein Blutgerinsel in der Lunge. Sein Vorgesetzter habe den gefährlichen Vorfall jedoch nicht weiter beachtet, geschweige denn aufgearbeitet.
Heute verlangt der Internist und Generalbevollmächtigte der Uniklinik in Frankfurt am Main einen offenen Umgang mit Kunstfehlern. "Wir können nur aus Fehlern lernen, wenn wir über sie sprechen", sagt Schrappe. "Tabus verhindern das." Zwar werde man die althergebrachte Kunstfehler-Tabuisierung innerhalb der Ärzteschaft nicht mit einem Schlag beseitigen können. "Aber was wir definitiv nicht brauchen, sind Sanktionen gegen Ärzte." Denn das würde nur wieder zur Tabuisierung und Vertuschung von Kunstfehlern führen.
Patienten-Schutzbund glaubt nicht an Effekt der Aktion
Andere Patientenvertreter wollen Ärzten gegenüber weniger nachsichtig sein. Gisela Bartz, Vorsitzende des Deutschen Patienten Schutzbundes (DPSB), verlangt bessere Möglichkeiten für ein juristisches Vorgehen gegen pfuschende Mediziner. Ein Hauptproblem sei die "Falschgutachterei" durch andere Ärzte, sagte Bartz. Die Outing-Broschüre ändere nichts daran, dass die Ärzteschaft weithin nach dem Motto verfahre: Eine Krähe hackt der anderen kein Auge aus.
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