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Kunstfehler-Debatte Ärzte-Outing provoziert Kritik

2. Teil: Kontrollfragen im OP - 'Ist der Patient der richtige?'

Wenn ein Geschädigter durch Behandlungsunterlagen oder einen Gutachten Fehler nachweise, müsse er "sehr schnell zu seinem Recht" kommen, sagte Bartz. Der Selbsthilfe-Dachverband geht auch von deutlich höheren Betroffenen-Zahlen aus als das Aktionsbündnis Patientensicherheit - nämlich von bis zu 800.000 Schadensfällen im Jahr.

Wie schwierig das kollektive Schweigen in der Ärzteschaft zu durchbrechen ist, musste der Marburger Chirurg Matthias Rothmund erleben, der vor drei Jahren als erster öffentlich das Tabu brach. "Wir dürfen ärztliche Behandlungsfehler nicht mehr unter den Teppich kehren und so tun, als wenn nichts passieren würde", forderte er 2005 auf dem Chirurgenkongress in München. "Die Null-Fehler-Attitüde darf nicht mehr die Regel sein."

Offenheit als Nestbeschmutzung

Als Kongresspräsident appellierte er an seine Kollegen, eigene Fehler zu benennen, um in den Kliniken gemeinsam vorbeugende Maßnahmen zu ergreifen. Doch was im Luftverkehr mit dem Meldesystem der "near misses" (Beinahe-Unfälle) längst Routine ist, galt bei der Ärzteschaft als Nestbeschmutzung. Seine Anregung zur öffentlichen Fehlerdiskussion als Vermeidungsstrategie "stieß nicht überall auf begeisterte Zustimmung", sagte Rothmund SPIEGEL ONLINE.

Der Mediziner, der das Aktionsbündnis Patientensicherheit mitgegründet hat und bis Ende 2007 im Vorstand saß, rechnet mit einem "Prozess über Jahre", bis alle Kliniken systematische Diskussionen über Fehler- und Beinahefehler als Notwendigkeit ansehen. "Unser Gesundheitssystem gehört zu den besten der Welt. Damit es so bleibt, muss es eine permanente Baustelle sein."

Damit sich auch schamhafte Kollegen outen können, hängt in der Uniklinik Gießen und Marburg, in der Rothmund arbeitet, ein Briefkasten mit Formularen. Dort können Kollegen anonym eigene und klinikinterne Mängel melden - etwa dass die Dosierung in den Spritzenpumpen für Medikamente von Abteilung zu Abteilung unterschiedlich ist oder dass jüngst bei einer Notreanimation eines Patienten die Bettabdeckung nur mühsam herauszuziehen war, was wertvolle Sekunden kostete.

Das Grundproblem bleibt

"Latente Fehlerquellen müssen genau analysiert und als Konsequenz entsprechende redundante Sicherheitssysteme eingebaut werden", sagt Rothmund. In seiner Klinik wurde vieles realisiert, was anderswo noch fehlt. In jedem OP-Saal hängt eine Liste mit Kontrollfragen, die automatisch abgearbeitet wird. Dazu gehören: Ist der Patient der richtige? Oder hat man ihn in den falschen Saal geschoben? Welche Operation ist geplant? Passen die vorliegenden Röntgenbilder zum Patienten? Liegt das richtige Implantat bereit?

"Wir wissen, dass Fehler unvermeidbar sind", betont Rothmund. "Auch ein guter Arzt macht Fehler, aber wir dürfen sie nicht als schicksalhaft hinnehmen und rechtfertigen." Die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie hat inzwischen ein branchenübergreifendes Fehler-Melde-System im Internet eingerichtet. Auf der Website können Kollegen Fehler melden und die Pannen anderer nachlesen.

Das kennt man im ambulanten Heilgewerbe schon länger. Auf der Website 'Jeder Fehler zählt' gehen Hausärzte inzwischen so souverän mit den eigenen Missgeschicken um, dass es Rubriken "Fehler der Woche" und "Fehler des Monats" gibt. "Man muss ja nicht jeden Fehler selbst machen", meint der Initiator Ferdinand Gerlach vom Institut für Allgemeinmedizin der Universität Frankfurt. 300 typische Fehler sind mittlerweile in der Datenbank gespeichert, die monatlich von rund 6000 niedergelassenen Ärzten besucht wird.

"Nicht sicher, ob die Arbeit in Kliniken beeinflusst wird"

Ob solche Systeme aber letztlich zu einer spürbaren Senkung der Kunstfehlerquote führen, ist offen - denn das zugrunde liegende Problem, der immer größer werdende Arbeitsdruck in den Kliniken, bleibt bestehen.

Entsprechend skeptisch ist Martin Hansis, Geschäftsführer des Klinikums Karlsruhe und Experte für medizinische Behandlungsfehler. "Wenn die Quote gleich bleibt, können wir froh sein", sagte der Medizin-Professor der "Berliner Zeitung". "Eine Senkung ist unrealistisch, denn die Behandlungen werden immer komplizierter, die Zahl der Patienten nimmt zu und die Arbeit verdichtet sich." Es sei zwar richtig, das Thema für die Öffentlichkeit aufzubereiten. "Ich bin mir aber nicht sicher, ob so die Arbeit in Kliniken und Praxen beeinflusst wird."

Doch das habe man auch gar nicht vor, beteuert AOK-Sprecherin Hauser-Allgaier. Das langfristige Ziel sei die Einführung einer systematischen Qualitätskontrolle in den Kliniken und eine Schärfung des Bewusstseins bei Nachwuchs-Medizinern. "Die Broschüre ist ein spektakulärer, aber nur ein erster Schritt."

Mit Material von ddp

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insgesamt 307 Beiträge
juergw. 29.02.2008
Ärzte sind ebend doch keine Halbgötter in Weiß sondern auch leider nur sterbliche "Wesen".Wo gearbeitet wird werden Fehler gemacht,bei Ärzten können die schon tragisch sein.Fehldiagnosen und Schlampereien gehören auch [...]
Ärzte sind ebend doch keine Halbgötter in Weiß sondern auch leider nur sterbliche "Wesen".Wo gearbeitet wird werden Fehler gemacht,bei Ärzten können die schon tragisch sein.Fehldiagnosen und Schlampereien gehören auch dazu.Es gehört auch eine Portion Glück dazu im Notfall den ausgeruhten fachlich kompetenten Arzt zu finden.Kunstfehler ist auch ein schönes Wort dafür wenn man Sch....e gebaut hat.
joaka 29.02.2008
Nein!Ist Augenwischerei. Die Situation in den Krankenhäusern in allen Punkten muss sich ändern. Die Personaleinsparungen sollten eingestellt werden. Die Krankenhäuser müssen mehr Gelder bekommen. Das Personal muss besser bezahlt [...]
Nein!Ist Augenwischerei. Die Situation in den Krankenhäusern in allen Punkten muss sich ändern. Die Personaleinsparungen sollten eingestellt werden. Die Krankenhäuser müssen mehr Gelder bekommen. Das Personal muss besser bezahlt werden. Vor allem die Sauberkeit sprich Hygiene sollte vom Personal eingehalten, werden wenn es zum anderen Patienten geht. Für mich ein Zeichen die ganzen Reformen im Gesundheitswesen werden stümperhaft auf den Rücken der Krankenhäuser und zum Nachteil der Patienten ausgeführt. Es ist ein Unding in ein Krankenhaus zu gehen, bei der Leistungsschwäche, die nur die Regierung zu verantworten hat. Das Personal mag sich redlich um den Patienten kümmern, aber die Unterbesetzung des Personal bleibt, die dann nur noch Stress ausgesetzt sind, durch Fehler in der Gesundheitspolitik. Den schwarzen Peter hat der Gesetzgeber, sprich Unfähigkeit der Regierung eine solide Reform durchzuführen. Die Ursache der Behandlungsfehler liegen natürlich daran, dass zu wenig Personal da ist. Weil weniger Personal mehr Patienten betreuen muss. Bedingt durch diese Lage entsteht viel Stress und Hektik. Dann die überlangen Arbeitszeiten für die Ärzte. Ich gebe ja nicht den Ärzten die Schuld an die Situation in den Krankenhäusern - was auch für die Altenpflege gilt- die verantwortlichen in der Regierung und der Politik. Weil diese unfähig sind eine richtige Reform im Gesundheitswesen zu leisten. Durch finanzielle Einsparungen in den Krankenhäusern sind diese nicht mehr in der Lage ihre Aufgaben solide zum Wohle des PATIENTEN zu stemmen. Die Bekenntnisse alleinstehend bringen uns nicht weiter, sondern können nur aufrütteln. Mehr auch nicht! Dass heißt noch lange nicht Bekenntnisse zu verurteilen. Aber solange die Verantwortlichen in Politik und Regierung auf Kosten der Krankenhäuser finanzielle Einsparungen jeglicher Art vornimmt wird sich nichts ändern! Deswegen ist es Augenwischerei. Solange es bei einem Bekenntnis von 17 Ärzten und Pflegern bleibt wird sich nichts ändern. Diese haben nur die Spitze des Eisberges aufgezeigt. Alle in allen Krankenhäusern müssen diesen Schritt gehen um die schlechte Lage aufzuzeigen. Meine Zweifel bestehen darin ob es wirklich alle Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger tun. Ich sage nein, sie tun es nicht wegen eventueller Regressansprüche von Patienten und deren Angehörigen wegen diese Behandlungsfehler. So blauäugig sollte man nicht sein!
a-mole 29.02.2008
Ärzte sind Menschen Menschen machen Fehler Jeh höher die (andauernde)Belastung, desto mehr veringert sich die Konzentration und die wahrscheinlichkeit von Fehlern steigt. Bei einem so wichtigen Beruf, in dem es um Menschenleben [...]
Ärzte sind Menschen Menschen machen Fehler Jeh höher die (andauernde)Belastung, desto mehr veringert sich die Konzentration und die wahrscheinlichkeit von Fehlern steigt. Bei einem so wichtigen Beruf, in dem es um Menschenleben geht muss es gewährleistet sein das der Auszuführende ausgeruht und konzentriert ist. Bei dem deutschen Gesundheitsystem eine utopie - gerade in Krankenhäusern wo es oft um noch mehr geht als in normalen Arztpraxen. Ein gewisser Fehlerquotient wird immer bleiben, da der Menschliche Körper und Medizin so komplex sind, das es immer wieder zu Fehldiagnosen kommen kann. Der körper ist nun mal kein computer der immer gleich auf bestimmt Sachen reagiert. Es gewisses restrisiko bleibt immer, egal wie gut ausgebildet der Arzt ist.
lupenrein 29.02.2008
Ich glaube, dass man die Häufigkeit von Kunstfehlern oder Kunstfehler überhaupt n i c h t von 'Überarbeitung' abhängig machen kann. Das wesentliche Kriterium für die Beantwortung der Frage ist nach meiner Meinung die Tatsache, [...]
Zitat von sysop17 Ärzte und Pfleger haben sich öffentlich zu Kunstfehlern bekannt - und enorme Reaktionen ausgelöst. Doch ob die spektakuläre Aktion die Zahl der Behandlungsfehler senken und deren Tabuisierung beenden wird, ist fraglich: Immer weniger Ärzte müssen immer mehr Arbeit erledigen.
Ich glaube, dass man die Häufigkeit von Kunstfehlern oder Kunstfehler überhaupt n i c h t von 'Überarbeitung' abhängig machen kann. Das wesentliche Kriterium für die Beantwortung der Frage ist nach meiner Meinung die Tatsache, dass wie in jedem anderen Beruf auch nicht alle Ärzte gleich qualifiziert sind. Je besser die Qualifikation desto weniger Kunstfehler sollten passieren. Dabei ist die tatsächliche Qualifikation keineswegs vom Titel abhängig. Nicht unbedingt muss der Professor auf einem bestimmten Gebiet all seinen seinen anderen Kollegen überlegen sein. Auch nicht jeder Chefarzt in der Klinik muss 'besser' sein als sein Oberarzt. Jedem Arzt kann durchaus einmal ein Kunstfehler unterlaufen, sicher ist aber, dass die Häufigkeit von Kunstfehlern in erster Linie eine Frage der Qualifikation sein dürfte. Wenn einem Arzt immer wieder Kunstfehler unterlaufen, sollte er sich langsam fragen, warum das so ist. Der bessere Arzt ist wohl immer der, der sich seiner Grenzen bewusst ist. Vor 'Alleskönnern' wurd gewarnt.
a-mole 29.02.2008
wer das ernsthaft glaubt hat auch irgendwie nen schaden. Ich kenne keinen Arzt der sich so bezeichnen würde, aber dieser begriff wird sehr gerne verwendet und unterstreicht damit eine Anspruchshaltung an Leute die Sie gar [...]
Zitat von juergw.Ärzte sind ebend doch keine Halbgötter in Weiß
wer das ernsthaft glaubt hat auch irgendwie nen schaden. Ich kenne keinen Arzt der sich so bezeichnen würde, aber dieser begriff wird sehr gerne verwendet und unterstreicht damit eine Anspruchshaltung an Leute die Sie gar nicht erfüllen können.
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