Eine neue Augenprothese könnte schon bald Blinde wieder sehend machen. Der etwa zwei Zentimeter lange Stift werde in drei Jahren marktreif sein, erklärten Wissenschaftler der Universitäten Aachen, Essen und Marburg. Nach ihren Angaben handelt es sich um die weltweit erste vollständig in ein Auge implantierbare Sehprothese. Drähte nach außen oder eine eigene Stromversorgung benötigt sie nicht.
Die neue Sehprothese soll Menschen mit der Netzhauterkrankung Retinitis pigmentosa einen Teil des Augenlichts zurückgeben. Ein Prototyp sei erfolgreich bei sechs Patienten erprobt worden, sagte der Direktor der Aachener Universitätsaugenklinik, Peter Walter. Die Entwicklung ermögliche eine schemenhafte Wahrnehmung der Umgebung. Mit den jetzt erstmals implantierten, drahtlosen Sehprothesen hätten die Patienten Lichtpunkte wahrnehmen können, erläuterte Walter. Verschiedene Gruppen weltweit arbeiten an Netzhautprothesen, auch andere Prototypen wurden bereits getestet.
Das System werde im nächsten Schritt mit einer Kamera gekoppelt, die per Funk Bildsignale an das Implantat sende. "Der Patient kann damit rechnen, ein minimales Sehvermögen zu bekommen", sagte Walter. Er werde nicht lesen, aber Hindernisse im Raum erkennen können. Diese Fähigkeit werde ihm das Leben erleichtern.
Drei Millionen Betroffene weltweit
Bei Retinitis pigmentosa sterben die lichtempfindlichen Zellen der Netzhaut langsam ab. Sie können keine visuellen Reize mehr aufnehmen und an die Sehnerven weiterleiten. Erste Anzeichen für eine Erkrankung sind der Verlust des Farb- und Kontrast-Sehens, Nachtblindheit und Tunnelblick. In Deutschland sind nach Angaben der Forscher 10.000 Menschen davon betroffen, weltweit drei Millionen.
Die Prothese benötigt keine Batterien - sie bezieht ihre Energie aus den Funkwellen, mit denen die Bildinformationen in das Auge übertragen werden. "Wir benötigen nur wenige Milliampere", sagte Thomas Wachtler von der Universität Marburg im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Die Signale werden mit 25 Elektroden übertragen, welche die Forscher mit kleinen Titanstiften auf der Netzhaut fixiert haben. Dadurch würden Nervenzellen stimuliert, die zum Sehnerv führen, sagte Projektleiter Wilfried Mokwa.
Sehen lernen im Labor
"Im Moment hat der Chip 25 Bildpunkte", erklärte Wachtler. Die nächste Version werde 64 haben, Ziel seien 200 bis 400. "Mehr ist nicht realistisch." Nach dem Einsetzen der Sehprothese mussten die Forscher diese auf jeden Patienten individuell anpassen. "Wir wissen nicht, welche Nervenzellen von welcher Elektrode gereizt werden", erklärte Wachtler. Deshalb habe man den Studienteilnehmern Muster gezeigt und diese gebeten, ihre Wahrnehmung zu schildern. So habe man die Software, die aus einem Bild Signale für die Sehprothese erzeugt, immer weiter verbessert (siehe Video).
Die wiedererlangte Sehfähigkeit hängt nach Angaben der Forscher stark davon ab, wie viele Netzhautzellen noch intakt sind. Patienten müssten zudem das Sehen wieder lernen. Dies helfe aber sogar, die Qualität der Wahrnehmung im Laufe der Zeit zu verbessern, sagte Wachtler. "Das Gehirn lernt, mit den Signalen umzugehen und kann sogar Korrekturen erzeugen."
Die Signale kamen bei der jetzigen Studie noch von einem normalen Computer - das muss sich bis zur Serienreife noch ändern. Dann soll der sogenannte Encoder in einer Brille stecken, gemeinsam mit der Kamera, welche die Umgebung filmt. Der Encoder rechnet die Bildinformationen in Signale um, die die Nerven verstehen.
Ein drahtloses Implantat hat nach Meinung der Forscher einen entscheidenden Vorteil: Es senkt das Infektionsrisiko deutlich. Zudem sei die Benutzung für Patienten angenehmer. Nachdem sich die Methode bei den ersten Patienten als wirksam und sicher erwiesen hat, wollen mehrere Medizintechnikfirmen jetzt ein marktfähiges Retina-Implantat entwickeln.
hda/dpa
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