Von Jens Lubbadeh
Dem Gehirn bei der Arbeit zuschauen, mit Hirnscannern ist das kein Problem. Aber was genau arbeitet es? Was denkt es? Was fühlt es? Das Ziel der Neurowissenschaftler ist die Entschlüsselung des Gehirncodes. Kennt man ihn, ist es auch möglich, die Gedanken eines Menschen zu lesen. "In der Neurowissenschaft versuchen wir, die Beziehung zwischen Gehirnaktivität und Wahrnehmungsinhalten zu verstehen", sagt Nikolaus Kriegeskorte SPIEGEL ONLINE. Er forscht am National Institute of Mental Health im US-Bundesstaat Maryland an der Repräsentation von Objekten im Gehirn.
Dem Traum vom Gedankenlesen ist Jack Gallant von der University of Berkeley in Kalifornien kürzlich ein ganzes Stück näher gekommen. Er zeigte Menschen Fotos, maß mit einem Scanner ihre Hirnaktivität und konnte anschließend sagen, was die Leute gesehen hatten - nur anhand ihrer Hirnaktivität.
Das ging aber nicht ohne Training: 1750 verschiedene Bilder mit unterschiedlichen Motiven - darunter Gebäude, Tiere, Menschen und Pflanzen - mussten sich die Probanden zunächst anschauen. Der Hirnscanner zeichnete währenddessen die Aktivität auf, die in der visuellen Hirnrinde der Probanden entstand. Im Anschluss zeigte er ihnen 120 neue Bilder. Anhand der höchsten Übereinstimmung in den Aktivitätsmustern wählte der Computer die Bilder aus. Trefferquote: bis zu 92 Prozent, berichtet Gallant.
Bilder rekonstruieren, Gedankenlesen, Lügen enttarnen - droht uns Big Brother im Kopf? "Das Thema wird ziemlich übertrieben", meint Kriegeskorte. "Wenn wir die Beziehung zwischen Gehirnaktivität und Wahrnehmungsinhalten verstehen, können wir die Gehirnaktivität aufgrund der Wahrnehmungsinhalte vorhersagen." Oder umgekehrt Wahrnehmungsinhalte aus Gehirnaktivität auslesen - "sozusagen Gedankenlesen", meint Kriegeskorte. Bislang sei das aber nur als Auswahl aus einer begrenzten Liste möglicher Inhalte möglich - zum Beispiel Fotos. "Aber freie Gedanken eines Menschen vorherzusagen - das ist was ganz anderes", meint Kriegeskorte.
In der Gallant-Studie wählte der Computer aus bereits vorhandenen Fotos aus. Kann man Bilder aber auch schon völlig frei aus den Hirndaten rekonstruieren?
Man kann. Der japanische Hirnforscher Yukiyasu Kamitani von den ATR Computational Neuroscience Laboratories in Kyoto zeichnete die Bilder ganz neu nach - nur auf Basis gemessener Hirnaktivität. Allerdings waren die Bilder von geringer Auflösung - zehn mal zehn Pixel. Sie zeigten Buchstaben oder einfache geometrische Formen. "Zunächst trainierten wir mit 400 zufällig ausgewählten Testbildern", sagte Kamitani SPIEGEL ONLINE. "Dann haben wir einen Algorithmus entwickelt, den man im Prinzip auf jedes Bild anwenden kann." Seine Resultate sind gut: Mit 80- bis 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit kann der Forscher die Bilder anhand der gemessenen Hirnaktivität frei rekonstruieren. Seine Ergebnisse wird Kamitani bald publizieren.
Rainer Goebel von der Universität Maastricht verfolgt einen anderen Ansatz: Er will nicht Bilder nachzeichnen, sondern deren Inhalte entschlüsseln. Semantische Rekonstruktion nennt er das. Leute stellen sich Buchstaben oder Worte vor, und Goebel versucht diese anhand der gemessenen Hirnaktivität zu ermitteln. Direkt funktioniert das noch nicht so gut, berichtet Goebel SPIEGEL ONLINE. Daher hat er sich einen Umweg überlegt: "Wir bitten die Leute, sich für einen Buchstaben eine bestimmte Tätigkeit zu vorzustellen - also zum Beispiel Tennisspielen für ein T", sagt Goebel. "So kodiert, können wir die Buchstaben gut rekonstruieren - in Echtzeit." Goebel will seine Forschungsergebnisse nutzen, um gelähmten Menschen oder Wachkoma-Patienten zu helfen. Sie sollen so wieder mit anderen Menschen kommunizieren können.
Gefördert wurde der Wettbewerb von der Forschungsabteilung des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums. Ist Gedankenlesen nicht vor allem für das Militär interessant? Goebel ist skeptisch: "Man muss sich der Grenzen der Methode bewusst sein. Ein Proband muss dem Experiment aufgeschlossen sein und mitarbeiten, sonst funktioniert es nicht."
Auf anderen Social Networks posten:
Der freie Wille ist meiner Meinung nach "keine Illusion" sondern eben ein Prozess der länger dauert und seinen Ursprung im Unbewussten hat. Diese Prozess läuft nicht chaotisch und zufällig ab sondern individuell und das [...] mehr...
Auch wenn es viele Schizophrene nicht so sehen, aber vom Gedankenlesen sind wir noch weit weg... Aber wenn man sich dagegenschützen will braucht man nur einen Fahrradhelm und den mit Alu Folie auskleiden. dann kann man nicht [...] mehr...
Zu glauben, durch immer feinere Messungen der Hirnströme irgendwann mal "Gedanken" lesen zu können, entspricht fast 1 zu 1 der Fehlannahme man könnte durch Messungen innerhalb eines Radios dem Wesen eines Beatle-Songs [...] mehr...
@tabui: Danke, für dieses Posting. Ich habe mich köstlich dabei amüsiert. mehr...
Dann ist es ja nur noch eine Frage der Zeit, bis man von der Filmindustrie verklagt, bzw. erst mal abgwemahnt wird, wenn man nach schlechten Filmen entsprechende Alpträume bekommt. Raubträume, sozusagen. mehr...
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
| alles zum Thema Hirnforschung | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH