Emden - Bernsteinsammeln an der Nordseeküste kann gefährlich sein. "Bernsteine lassen sich auf den ersten Blick kaum von Phosphorklumpen unterscheiden", sagt der Koblenzer Meeresbiologe Stefan Nehring. Weil sich das aus Brandmunition stammende Phosphor entzünde, sobald es getrocknet sei, könne es schwere Verletzungen verursachen, warnt der Umweltgutachter, der Munitionsaltlasten in der deutschen Nord- und Ostsee untersucht hat. Seine Erkenntnis: Auf dem Meeresgrund lauern tödliche Gefahren, über die bisher wenig bekannt ist.
Allein im Bereich der Nordsee zwischen Emden und der Insel Sylt seien seit 1945 mindestens 115 Menschen bei Munitionsunfällen ums Leben gekommen, sagt Nehring. Mindestens 35 Menschen hätten teilweise schwere Verletzungen erlitten. In einer Gesamtbilanz der Munitionsunfälle in der deutschen Nord- und Ostsee kommt der Meeresbiologe auf mindestens 581 Opfer nach dem Zweiten Weltkrieg, davon 283 Todesfälle. Zudem geht er von einer hohen Dunkelziffer aus, weil munitionsbedingte Verletzungen von Sporttauchern oder Phosphorunfälle in der Fischerei nicht ausreichend dokumentiert würden. Nehring kritisiert, dass kaum öffentliches Datenmaterial vorhanden ist.
Bei der Munition handelt es sich nach seinen Angaben nicht nur um eine Altlast vergangener Weltkriege. Der Forscher verweist auf große Übungsgebiete der Bundeswehr sowohl an der Nord- als auch an der Ostseeküste. Die versenkte Munition stamme vielfach aus Beständen der Bundeswehr, der Nationalen Volksarmee der DDR, der Sowjetarmee und der Nato. Auf dem Grund der deutschen Nordsee liegen nach Nehrings Einschätzung rund 400.000 Tonnen Munition.
Allein innerhalb der Zwölf-Seemeilen-Zone vor der niedersächsischen Küste vermutet Nehring mindestens 300.000 Tonnen. Für den schleswig-holsteinischen Teil der Nordsee geht er von mindestens 100.000 Tonnen aus. Die Mengen seien deutlich größer als in der Ostsee. Eine abschließende Bewertung sei allerdings nicht möglich. "Über neue Munition weiß man wenig, die Behörden halten sich bedeckt", sagt Nehring.
"Die Bundeswehr ist nicht der Alleinherrscher der Meere"
Im Rahmen der Planungen für die Erdgas-Pipeline in der Ostsee habe die Bundeswehr erstmals eingestanden, dass es kaum möglich sei, die Übungsmunition komplett zu entsorgen. Angesichts der Gefahrenlage müssten alle bekannten Zahlen veröffentlicht werden. Nehring: "Die Bundeswehr ist nicht der Alleinherrscher der Meere. Es gibt viele Nutzer, die gewarnt werden müssen."
Dieser Auffassung ist auch der Sprecher des Kampfmittelbeseitigungsdienstes des Landes Niedersachsen. "Ich plädiere für absolute Offenheit und eine aktive Information der Bevölkerung", sagt Karsten Wolff. Egal wie alt die Munition sei, sie stelle grundsätzlich eine Gefahr dar und könne jederzeit angeschwemmt werden.
Wie wichtig die Arbeit von Wolff und seinen Kollegen ist, verdeutlicht Nehring anhand des bisher letzten dokumentierten Todesfalls. 1985 sei ein sogenannter Sprenggreifer, der von den Nato-Staaten bis heute in der Minenräumung verwendet werde, aufgefischt worden und an Deck explodiert. Allein 1984 und 1985 seien mindestens 36 solcher Sprengkörper von der Bundesmarine auf nicht genau bekannten Positionen in Nord- und Ostsee verloren gegangen.
"Bis heute haben die Behörden keine Konzepte für den Umgang mit diesem Problem", sagt Nehring. Vielfach würden die Gefahren verschwiegen oder geleugnet. Gemeinsam mit der Aktionskonferenz Nordsee (AKN) fordert Nehring deshalb eine umfassende öffentliche Meldepflicht für alle Funde und Unfälle mit Kampfmitteln sowie für Munitionsverluste. Auch die Eintragung aller potenziell belasteten Flächen in die amtlichen Seekarten sei notwendig.
Zum Schutz der Touristen müsse zudem das Bernsteinsammeln in bekannten Phosphor-Problemgebieten verboten werden. Beispielhaft nennt Nehring drei Orte: Tossens an der niedersächsischen Nordsee, Laboe an der Kieler Förde und die Insel Usedom in der Ostsee.
Holger Szyska, ddp
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