Von Thomas Häusler
Zwanzig Erkenntnismärsche liegen hinter Anil Gupta und seinen Helfern, mehr als 75.000 Einträge in die Honey-Bee-Datenbank haben sie mit ihren Füßen erlaufen. Aus wenigen Ideen wurden Produkte, die sich verkaufen lassen - es sind etwa 100. Neben pflanzlichen Präparaten etwa noch ein Klettergerät für Kokospalmen oder ein Knoblauchschälgerät, beides leider keine Verkaufsschlager. Es fehlt an Geld für die Förderung der Erfinder. Gupta spendet einen Teil seines Gehalts. Erst seit sieben Jahren gibt der Staat etwas dazu, nach langem Drängeln bei Staatssekretären, Ministern und dem Präsidenten persönlich. Unternehmer zu begeistern sei auch nicht einfacher, sagt Gupta. "Wer möchte hier draußen, wo es nichts gibt, ein Geschäft aufbauen?"
Aber ist der Shod Yatra überhaupt notwendig, jetzt, da Indien wirtschaftlich so zulegt? Schließlich hat das Land eine Software-Industrie, die im Silicon Valley gefürchtet wird, oder den Konzern Tata, der mit einem Billigauto Furore macht und sich Jaguar und Landrover einverleiben will. Gupta kann auf diese Frage nur verzweifelt lachen. "Sehen Sie sich hier um", sagt er, "was haben die Leute von Balakdih? - Nichts. Drei Tage sind wir durch die Dörfer gewandert. Wie viele Sanitätsstellen haben Sie gesehen? Trotz Malaria? Trotz Lepra? Keine einzige."
Der 55-jährige Professor schreitet auch nach acht Stunden Marsch und drei Dorfmeetings noch dozierend und gestikulierend voran, während seine Begleiter still hinter ihm hertrotten. "Viele Erfinder sind scheu", sagt er, "sie melden sich nur, wenn sie merken, dass wir zu ihnen gehören, dass wir wie sie marschieren, dass uns die Füße so weh tun wie ihnen." Immer wieder rettet sich der Tross vor hupenden Lkw in den Straßengraben. Da taucht im Schein der Taschenlampen endlich das Nachtlager auf, eine Betonbaracke mit nackten Fensterlöchern und leeren Räumen: Die Schule des Dorfes Kenda. In staubigen Wolldecken legen sich die Wanderer dicht an dicht auf den Beton, Anil Gupta mitten unter ihnen.
Jeder Shod Yatra wird vorbereitet. Bevor der Professor mit seinen Helfern durch die Gegend zieht, schwärmen Freiwillige aus und suchen Erfinder und Heiler. So wird die Marschroute festgelegt, auf der Gupta dann auf möglichst viele zusätzliche Spontanfunde hofft.
Sie konstruieren verblüffende Maschinen - ohne Schulbildung
Am frühen Morgen, die Sonne leuchtet träge durch den Dunst, ist der Professor schon wieder auf den Beinen. Zuerst der Gang ins Reisfeld - im Dorf gibt es kein Klo -, dann das Bad an der Wasserpumpe. Gupta kämmt sorgsam das Haar, zieht ein frisches Kadhi an, umringt von Dorfbewohnern, die ihn anstarren. Nach dem kurzen Frühstück ruft der Chef seine Leute zusammen und eilt davon. Als Erstes geht es zu einem Kräuterheiler im nächsten Dorf. Unterwegs ruft Gupta auf einem seiner drei Handys im Büro der Sristi an, einer Nichtregierungsorganisation, die er gegründet hat. Er informiert die Mitarbeiter darüber, dass er dem Bauern Mahato Geld zugesprochen hat, damit dieser drei weitere Dreschmaschinen bauen kann. Vielleicht ein Start ins Kleinunternehmertum. Zwar gibt es in vielen armen Gegenden der Welt heute Selbsthilfebanken, die an Bauern Mikrokredite für eine Kuh oder Saatgut vergeben, aber Erfinder unterstützen sie nicht.
Dass aber auch arme Leute ohne Schulbildung verblüffende Maschinen konstruieren können, zeigt etwa Shri Prem Singh aus dem nördlichen Bundesstaat Haryana. Mehr als 150 Erfindungen hat er gemacht, darunter eine Fernsteuerung der Bewässerungspumpen auf dem Feld per Handy. Handys sind in Indien so billig, dass selbst viele der Armen eines besitzen. Mit der Fernsteuerung können die Bauern nun gleich reagieren, wenn der knappe Strom wieder für ein paar Stunden fließt - und müssen nachts nicht mehr das Bett dafür verlassen. "Keine Handyfirma hat daran gedacht, ein so nützliches Produkt wie die Handyfernsteuerung zu entwickeln. Keine!", schimpft Gupta. Eine Marktchance für die Armen.
Jeder Erfinder, der von Gupta entdeckt wird, entscheidet selbst, ob er sein geistiges Eigentum zur freien Verfügung stellt oder ob er mit Guptas Hilfe ein Patent beantragt. Seit Kurzem vertreibt Guptas Organisation Sristi einige Tiermedikamente und Herbizide aus Pflanzenextrakten, die auf den Shod Yatras entdeckt wurden. Den Gewinn teilen sich die Erfinder mit ihrer Dorfgemeinschaft und mit dem Innovationsfonds der Sristi.
Gupta fürchtet, die Menschen auf dem Land könnten das überlieferte Wissen vergessen. Viele Bauern verlassen sich längst auf die Saat der Agroindustrie, und wenn die wegen Trockenheit versagt, kennen sie die einheimische Reissorte nicht mehr, die auch in Dürreperioden wächst. Um gegen das Vergessen zu kämpfen, veranstalten die Shodyatris in den Dörfern Wettbewerbe, bei denen die Bauern einheimische Pflanzen benennen können, oder sie zeigen mit dem mitgebrachten Videobeamer kurze Filme von besonders schlauen Methoden, die sie anderswo angetroffen haben. Zum Beispiel im Ri-Bhoi-Distrikt, wo Bauern aufgeknackte Krabbenkadaver als Insektenfallen in die Felder hängen: Der gefürchtete Reiskäfer wird vom Gestank angelockt und fällt in den Panzer.
Solches Wissen wird oft nicht einmal über kurze Entfernungen weitergegeben. Auf dem nächsten Treffen im Dorf Hariharpur schart Gupta die Bewohner unter einem ausladenden Baum um sich wie ein Wanderprediger. Fünfzig Augenpaare folgen den Gesten des bärtigen Mannes, der so seltsame Fragen stellt: "Wisst ihr von dem Reisdrescher, den Dharnidhar Mahato keine zehn Kilometer entfernt erfunden hat?" Niemand hat davon gehört. "Wir achten die Erfinder nicht", ruft er. "Geht zu ihnen hin, und lernt von ihnen."
Dann fragt Gupta, ob das Dorf denn eine Erfindung zu bieten habe. Schweigen. Über fünf Minuten lässt er nicht locker, drängelt, ruft "Bolo, bolo!" - Sagt schon! Nichts. Bis ein junger Mann nach vorn tritt. Vijay Pramanik hat von einem Experiment zu berichten, das Gupta noch tagelang schwärmen lässt: "Ich habe die Triebe zweier verschiedener Kürbisarten eingeritzt und sie so zusammengebunden, dass sie Säfte austauschen können." Die beiden Gewächse blühen im Abstand von einem Monat, so wie zuvor, berichtet Pramanik; nach der Behandlung trugen beide Pflanzen aber mehr Früchte als sonst. Vielleicht tauschen sie zur jeweiligen Blütezeit wachstumsfördernde Hormone über die Schnitte aus, mutmaßt Gupta. "Das ist eine großartige Entdeckung, eine völlig neue Methode in der Pflanzenzucht", lobt er Pramanik. Gupta überredet ihn, ein Stück mitzuwandern und den Bauern im nächsten Dorf von seinem Experiment zu berichten.
Viele von Guptas Professorenkollegen, die das feine Institut in Ahmedabad nie verlassen, halten den Shod Yatra für Zeitverschwendung - zu wenig Ertrag, zu viel Aufwand. Auch Nishant, ein Journalist, der schon mehrere Shod Yatras begleitet hat, fragt sich, "wie viel von dem gesammelten Wissen tatsächlich wieder bei den Menschen ankommt". Gupta gesteht ein, dass er das auch nicht genau wisse. "Aber in Kaschmir, wo wir unseren letzten Shod Yatra durchführten, suchen die Einheimischen jetzt selbst nach weiteren Erfindungen. "Er erzählt von der besonders ertragreichen Reisvariante eines Bauern aus dem Bundesstaat Maharashtra, die ihren Weg zu einer Million Bauern gefunden habe. Um die Vernetzung zu fördern, holt Gupta während jeder Versammlung den Dorflehrer nach vorn und fordert ihn auf, künftig ein lokales Wissensregister zu führen.
"ggg" steht auf ihren T-Shirts:"grassroots go global"
Nicht zuletzt macht der Shod Yatra nun auch jenseits von Indien Schule. Liyan Zhang, eine Ökonomin von der chinesischen Tianjin-Universität, begleitet den Erkundungsmarsch in Purulia. "Ich organisiere im nächsten Sommer bei uns in China den ersten Shod Yatra und möchte hier lernen", sagt sie. Einige Helfer tragen T-Shirts mit dem Logo "ggg" für "grassroots go global". Gupta träumt von einem weltumspannenden Wissensnetz der Armen, das selbst die Reichen bekehrt. "Die westliche Lebensweise mit dem vielen Abfall ist doch nicht nachhaltig", sagt er. "Da können die reichen Staaten viel von den Armen und ihren Recyclingmethoden lernen."
Der Tross hält zwischen zwei Lehmhütten. In ihre Wände sind Muster geritzt. Es ist das Haus des Heilers Govind Chand Mahto, der im Hof Wurzeln und Kräuter ausgebreitet hat. Dazwischen liegt ein zerfleddertes Papierbündel, das Rezeptbuch seines Großvaters. Guptas Helfer kauern auf dem Boden und notieren die Rezepturen, mit denen der bärtige Alte Typhus, Schmerzen und Gelbsucht behandelt.
Im Sristi-Büro wird später geprüft, ob Mahtos Pflanzen wissenschaftlich beschrieben sind. Seit einigen Monaten verkauft das Unternehmen Matrix Biosciences in Hyderabad immerhin neun pflanzliche Pestizide und Herbizide, die von Sristi bestätigt wurden. Auf jeder Flasche prangen das Bild und der Name des Erfinders, um den Käufern zu zeigen, was man mit Kreativität erreichen kann. Eines der Matrix-Produkte stammt von einer 70-jährigen Witwe aus Nordwestindien. Sie musste bisher mit 150 Euro im Jahr durchkommen. Nun kann sie mit ein paar Tausend rechnen.
Auch an diesem Tag kommt die erschöpfte Truppe erst nach 21 Uhr am Ziel an. Während sich die meisten Wanderer schleunigst ihren Schlafplatz sichern, hält Gupta auf dem sandigen Schulhof die letzte Versammlung ab. Als er den Beamer ausgeschaltet hat und die Dorfbewohner mit vielen neuen Ideen im Kopf in ihre Hütten verschwunden sind, liegen die meisten Shodyatris bereits in ihren dünnen Decken. Gupta setzt sich auf eine Bank vor dem Schulhaus und betrachtet seine Füße. Wie lange sie wohl noch halten werden? "Hoffentlich noch lange", sagt er, "es gibt so viel zu tun."
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