Auf den Unterwasserfotos ist zu sehen, dass die Geschütze der "Sydney" noch immer nach Backbord zeigen - wie zu dem Zeitpunkt, als sie die "Kormoran" im Visier hatten. Die Aufhängevorrichtungen für die Rettungsboote sind allesamt leer. Nach Angaben des Marinehistorikers David Stevens muss das aber nicht bedeuten, dass die Crew das Schiff verlassen hat. Die Rettungsboote waren auf dem Oberdeck befestigt und hätten sich bei dem Untergang wahrscheinlich gelöst. Tatsächlich tauchten auf den Wrackfotos fünf Rettungsboote auf.
"Sie gehören zu den Dingen, die stark beschädigt werden, wenn das Oberdeck in Stücke geschossen wird", sagte Stevens. Den "Kormoran"-Überlebenden zufolge war einer der Granateneinschläge derartig heftig, dass ein kompletter Geschützturm der "Sydney" über Bord geschleudert wurde.
Ebenfalls gut zu erkennen ist auf den Fotos, dass die Brückensektion der "Sydney" stark beschädigt wurde. Vom Bug fehlt ein Stück von 25 Metern Länge - in etwa an der Stelle, wo nach den Berichten der "Kormoran"-Besatzung der Torpedo eingeschlagen sein soll. "Nach allem, was man bisher erkennen kann, sind die Berichte der Deutschen sehr präzise", sagte Stevens nach der Begutachtung der Bilder und der Berichte des Such-Teams. Schon anhand der hochauflösenden Sonarbilder hatten die Experten vermutet, dass der Torpedotreffer den Rumpf der "Sydney" entscheidend geschwächt hat und letztlich dazu führte, dass der gesamte Bug abbrach.
"Sydney"-Katastrophe wurde nationales Trauma
Das Schicksal der "Sydney" beschäftigt Australien seit Jahrzehnten. Die Regierung hatte rund 2,5 Millionen Euro in die Suche investiert, der Fund der beiden Wracks war für die Medien des Landes tagelang ein Top-Thema. Ein pensionierter Richter wurde nun von der Regierung beauftragt, das neue Beweismaterial auszuwerten.
Um den Untergang ranken sich mehrere Verschwörungstheorien. So wurde am 6. Februar 1942 eine stark verweste Leiche mit einer Schrapnellwunde am Kopf an Bord eines Rettungsboots auf der Weihnachtsinsel angeschwemmt - rund 1800 Kilometer vom Ort der Schlacht entfernt. Die australischen Behörden äußerten sich nahezu sicher, dass es sich um ein Besatzungsmitglied der "Sydney" handelte. Doch obwohl das Erbgut aus dem 2006 wiederentdeckten Grab inzwischen mit dem von Nachkommen von 500 der 645 "Sydney"-Seemänner abgeglichen wurde, gab es bisher keine Übereinstimmung.
Weist die Kopfwunde darauf hin, dass die Deutschen auf die im Wasser treibenden Schiffbrüchigen geschossen haben? Im Bericht des "Kormoran"-Kommandanten Theodor Detmers, der gemeinsam mit 316 seiner 397 Besatzungsmitglieder gerettet wurde, ist davon nichts zu lesen. Wohl aber davon, dass er in Übereinstimmung mit dem Seekriegsrecht zuerst die Tarnung der "Kormoran" fallen und danach das Feuer eröffnen ließ.
Geheimcode verriet Lage der Wracks
Als Kriegsgefangener verfasste Detmers heimlich einen Bericht über die Seeschlacht: In einem Buch markierte er einzelne Buchstaben mit winzigen Punkten. Auf jeder Seite kamen so einige Wörter zustande. "Ohne diese Dokumente hätten wir die Wracks nie gefunden", sagte der US-Wrackforscher David Mearns, Leiter des Such-Teams. Detmers' Bericht sei "sehr, sehr genau".
Einige Rätsel um die "Sydney" werden aber für immer ungelöst bleiben. Unklar bleibt etwa, warum sich ein erfahrener Kommandant wie Captain Joseph Burnett dem deutschen Schiff bis auf 1500 Meter näherte und so den Reichweitenvorteil seiner Bewaffnung aufgab. Oder wie ein moderner Kreuzer überhaupt von einem umgebauten Handelsschiff versenkt werden konnte. Eine der Verschwörungstheorien besagt, dass die "Sydney" die "Kormoran" bei einem Treffen mit einem japanischen U-Boot überraschte, den deutschen Kreuzer versenkte und dann ihrerseits von dem U-Boot abgeschossen wurde. Um die Beteiligung Japans geheim zu halten, seien alle Überlebenden der "Sydney" ermordet worden.
Um das zu überprüfen, wurde gar ein heute in einem Museum ausgestelltes Rettungsfloß der "Sydney" geröntgt. Munitionsspuren wurden dabei nicht gefunden. 1997 kam ein Untersuchungsausschuss des australischen Parlaments zu dem Ergebnis, dass es keine Basis für die Verschwörungstheorien gibt.
mbe/AP/rtr
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