Themaedition unseldRSS

Alle Kolumnen

  • Drucken
  • Senden
  • Feedback
17.04.2008
 

"edition unseld"-Essay

Wie die Wissensgesellschaft betrogen wird

Das Wissen der Welt wächst explosiv. Doch aus Profitgier und Angst wird der Zugang zu neuen Erkenntnissen immer stärker beschränkt. Physik-Nobelpreisträger Robert B. Laughlin warnt in einem Essay für SPIEGEL ONLINE vor einem neuen dunklen Zeitalter der Desinformation und Ignoranz.

Wir stehen am Beginn des Informationszeitalters, in dem der Zugang zu Wissen in vielerlei Hinsicht wichtiger ist als der Zugang zu materiellen Ressourcen. Tatsächlich wird aber in dieser sogenannten Wissensgesellschaft der Zugang zu Informationen versperrt, und frei erworbene Erkenntnisse werden aus wirtschaftlichen, politischen oder militärischen Gründen als illegal erklärt. Die zunehmenden Bemühungen von Staaten, Unternehmen und Individuen, Konkurrenten um jeden Preis davon abzuhalten, bestimmte Dinge in Erfahrung zu bringen, die sie selbst wissen, hat zu einer erstaunlichen Ausweitung des Schutzes geistigen Eigentums im Urheberrecht und zu einer beträchtlichen Ausweitung staatlicher Geheimhaltungsmöglichkeiten geführt.

"edition unseld"

REUTERS
Die Naturwissenschaft prägt das Weltbild in den westlichen Staaten. Hat Gott ausgedient? Kommt die Wissensgesellschaft vom Weg ab? Wie findet das Individuum seinen Platz in einer immer schnelleren und komplexeren Welt? In der "edition unseld" des Suhrkamp-Verlags definieren Forscher und Schriftsteller das Verhältnis zwischen Mensch und Forschung. Exklusiv für SPIEGEL ONLINE haben die Autoren ihre Bände, die im Buchhandel erhältlich sind, zu Essays verdichtet.

Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz
Nach dem amerikanischen Digital Millenium Copyright Act von 1998 und der Urheberrechtsrichtlinie der Europäischen Union aus dem Jahr 2001 ist es zum Beispiel strafbar, gegen Datenpiraterie gerichtete Maßnahmen zu umgehen (also verschlüsselte Informationen unbefugt zu entschlüsseln) und Vorrichtungen zur Umgehung solcher Schutzmaßnahmen in den Handel zu bringen (also verschlüsselte Informationen anderen Menschen unbefugt zugänglich zu machen). Nach dem Bayh-Dole- und dem Stevenson-Wydler-Act von 1980 soll staatliche Forschungsförderung in den USA der Entstehung privaten geistigen Eigentums dienen.

Das Antitrust-Urteil zu Microsoft institutionalisiert die Monopolisierung der Kommunikation durch private Unternehmen. Die Gerichte stützen heute Patentansprüche auf Personaleinstellungs-Strategien, Immobilienverkaufstechniken, das Auffinden chemischer Korrelationen im Körper und die Entdeckung von Genen. Weite Bereiche der Naturwissenschaften, vor allem der Physik und der Biologie, sind inzwischen für den öffentlichen Diskurs gesperrt, weil daraus angeblich Gefahren für die nationale Sicherheit erwachsen.

Robert B. Laughlin

Zur Großansicht
REUTERS
Robert B. Laughlin, 58, gilt als einer der bedeutendsten Quantenphysiker der Gegenwart. Für die Entdeckung einer neuen Art von Quantenflüssigkeit erhielt er 1998 gemeinsam mit zwei Kollegen den Physik-Nobelpreis.

In der Wissenschaftsgemeinde hat Laughlin nicht nur Freunde: Er ist ein scharfer Kritiker von Theorien, die nach seinem Geschmack nicht ausreichend experimentell belegt sind. Die derzeit hypothetische Weltformel, die alle physikalischen Phänomene erklären können soll, und die Urknall-Theorie bezeichnet Laughlin gern als spekulativ oder gar quasireligiös.
Das Prinzip, das hinter dem Patentrecht steht, ist einfach: Um einen Anreiz zum Erfinden zu geben, gesteht man Erfindern das alleinige Recht zu, ihre Erfindung wirtschaftlich zu nutzen. Tatsächlich führen Patente allerdings nicht selten zu einem gegenteiligen Effekt: Konzerne lassen in großem Umfang neue und auch zu erwartende Entwicklungen schützen und blockieren damit andere Erfindungen; ein Geistesblitz kann dann schnell eine Verletzung des Patentrechts bedeuten. Im Bereich der Unternehmen sind existenzbedrohende Prozesse bereits jetzt ein ernstes Problem.

Die University of California und eine Firma namens Eolas erstritten gerade ein Urteil über 521 Millionen Dollar gegen Microsoft wegen der angeblichen Verletzung von Patentrechten im Zusammenhang mit Internetbrowser-Protokollen. Die Firma Research In Motion, Eigentümer der beliebten Blackberry Wireless Services, zahlte gerade im Rahmen eines Vergleichs 450 Millionen Dollar wegen der Verletzung von Patentrechten im Zusammenhang mit Protokollen für die drahtlose Datenübertragung. Das City of Hope Medical Center erstritt ein Urteil über 500 Millionen Dollar gegen die Firma Genentech wegen der Missachtung von Lizenzverpflichtungen aus der Nutzung eines für die DNA-Rekombinierung wesentlichen Patents. Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren.

Inzwischen werden auch einzelne Personen in gezielter Weise wegen solcher Patentverletzungen verfolgt: Der Genetiker Wayne Grody von der University of California in Los Angeles musste seine Forschung zu erblicher Taubheit im Zusammenhang mit dem Gen Connexin 26 abbrechen, weil der Besitzer des für dieses Gen gewährten Patents, die Firma Athena Diagnostics, dafür Lizenzgebühren verlangte, die der Forscher nicht aufbringen konnte. Der Modelleisenbahner Bob Jacobsen erhielt Drohbriefe und eine Rechnung über 203.000 Dollar von KAM Industries, weil er angeblich deren Patentrechte verletzt hatte, als er ein Computerprogramm schrieb und veröffentlichte, mit dem man Modelleisenbahnen steuern konnte. Avery Lee musste den Vertrieb seines Open-Source-Code VirtualDub einstellen, weil Microsoft behauptete, dessen Kompatibilität zu den eigenen Packaging-Protokollen stelle eine Verletzung von Microsoft-Patenten dar.

Die Abschottung und Privatisierung von Wissen führt hier also dazu, dass weniger Erfindungen und damit neues Wissen entstehen können. Auch auf anderen Gebieten ist es nicht immer sinnvoll, Wissen geheimzuhalten. So soll etwa in den Vereinigten Staaten der Atomic Energy Act dafür sorgen, dass nicht jeder Zugang zu Informationen über Kerntechnologie hat, wegen der Gefahr des Missbrauchs. Aber die Erfahrungen, die wir in den vergangenen Jahrzehnten mit diesem Gesetz gemacht haben, zeigen deutlich, dass die dort bestimmten Straftatbestände und Strafandrohungen die Ausbreitung kerntechnischen Wissens nicht verhindert haben.

Diesen Artikel...

Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live

Forum

insgesamt 26 Beiträge zum Forum...
Die neuesten Beiträge:
10.07.2008 von jenstannert: Betrug!?

Mal im Ernst, wie kann Wissen denn überhaupt noch aufgehalten werden? Na sicher, es gibt einen Haufen Patente, die womöglich auch noch in Schubladen in Ministerien verchwinden und nie wieder auftauchen. Aber allen, die jetzt [...] mehr...

24.04.2008 von ...ergo sum: Ich gehe zuerst einmal

auf die "Begründung" der Nichtveröffentlichungen = des Informationsverbotes ein. Demnach soll es also gefährlich sein wenn jeder Mensch, der es möchte, Zugang zu allen Wissensinformationen erhält ? Ein Bäcker wird [...] mehr...

24.04.2008 von thomfen: Terror und andere Gründe

Das ist alles relativ, diese welche Überwachungstechniken nutzen, öffnen sich dadurch auch nach aussen. Und es ermöglicht auch den Gegenspielern an diese Informationen zu kommen, da alle Informationskanäle selten Einbahnstrassen [...] mehr...

17.04.2008 von kosi: Hatten wir schon mal

nannte sich Iquisition! Es waren keine Patente sondern einfach nur der Ausruf "Teufel" und schon stand alles Still. Forscher Tod, Macht gesichert. Forscher müssen heute wohl nicht mehr sterben,...jedenfalls nicht so [...] mehr...

Und Ihre Meinung? Diskutieren Sie mit! zum Forum...

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Mensch
alles zum Thema edition unseld

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP