Als wirklich wirkungsvoll hat sich nur die "freiwillige" Selbstzensur erwiesen, ergänzt durch die Gefahr, den Arbeitsplatz zu verlieren, keine Fördermittel mehr zu erhalten und öffentlich an den Pranger gestellt zu werden, wenn man in die "falsche" Richtung forscht oder öffentlich über Dinge spricht, die allseits als Tabu gelten. Genau das geschieht jetzt in der Biologie. Problematisch an dieser Praxis ist natürlich in erster Linie, dass dadurch zwar ihre Fortschritte und auch die von Möchtegernterroristen behindert werden, nicht aber die von Wettbewerbern mit ausreichenden finanziellen Ressourcen, die sich langsam an ihr Ziel heranarbeiten können.
Dabei geht die unmittelbarste Bedrohung auf dem Gebiet biologischen Wissens gar nicht von den Hightechbereichen aus, sondern vom Missbrauch bekannter (und sehr alter) Krankheiten. Mit vielen dieser Krankheiten sind die meisten Ärzte gar nicht mehr vertraut, weil sie so erfolgreich bekämpft worden sind. Aber es gibt sie immer noch, und sie können für bösartige Zwecke benutzt werden. Einschlägige Beispiele sind Pest, Cholera, Typhus, Nagerpest, Milzbrand, Siebentagefieber, Schützengrabenfieber, Gelbfieber, Denguefieber, Hirnhautentzündung, Marburg-Virus und Pocken.
Die Liste der potentiellen Bedrohungen für Kulturpflanzen und Nutztiere ist ebenso lang. Das einzige technische Problem, das gelöst werden muss, wenn man aus diesen Krankheiten eine Waffe machen will, betrifft die Frage, wie man eine große Zahl von Opfern gleichzeitig infiziert und damit eine Epidemie auslöst, die das Gesundheitssystem hoffnungslos überlastet.
Wie dies möglich sein könnte, lässt sich am besten durch ein konkretes Beispiel verdeutlichen. Wenn Sie in der Economy-Class einen Langstreckenflug unternehmen, werden Sie sich mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Erkältung holen. Sie können sich also leicht vorstellen, was geschähe, wenn ein skrupelloser Mensch mit Ihnen an Bord käme, der sich ganz bewusst vorgenommen hätte, Sie und andere mit etwas viel Schlimmerem als einer Erkältung zu infizieren, zum Beispiel mit Pocken. Er könnte sich in selbstmörderischer Absicht selbst mit dem Erreger infiziert haben, um die anderen Flugpassagiere anzustecken. Er könnte sich aber auch gegen die Krankheit geimpft haben und ein kleines Fläschchen mit infiziertem Material an Bord bringen, das er zum Beispiel in Form eines feinen Pulvers auf der Toilette, in den Gängen und an den Ansaugöffnungen der Klimaanlage verstreut. In beiden Fällen würden Hunderte von Menschen sehr schwer erkranken, die wiederum jeweils viele andere infizierten und so weiter, bevor man überhaupt das Problem erkennen und geeignete Gegenmaßnahmen einleiten könnte.

Am Ende der Simulation war eine weltweite Katastrophe daraus geworden. Tausend Menschen waren der Seuche erlegen, und die Zahl stieg weiter. Es gab 16.000 Neuinfektionen, davon 14.000 allein innerhalb von 48 Stunden. Die Seuche hatte sich über 25 Bundesstaaten und zehn Länder ausgebreitet. Die Krankenhäuser waren überfordert. Die Lebensmittelversorgung und das ganze Wirtschaftsleben gerieten ins Stocken. Die Autobahnen waren verstopft von Menschen, die vor der Gefahr zu fliehen versuchten. Man schätzte, dass einen Monat später eine Million Menschen gestorben und weitere drei Millionen infiziert seien, ohne dass ein Ende abzusehen wäre.
Angesichts der in diesem Planspiel sichtbar gewordenen Bedrohung kann es kaum überraschen, wenn viele Menschen meinen, das Grundlagenwissen über gefährliche Infektionskrankheiten und insbesondere wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse über deren Wirkungsweise dürften keinesfalls öffentlich zugänglich sein.
Besonders laut wurde der Protest, als in der Zeit nach den Anschlägen vom 11. September in rascher Folge umfangreiches und detailliertes Material über die Genome der Erreger der Pest, des Milzbrands, der Pocken und des Siebentagefiebers veröffentlicht wurde. Befürworter einer freien Zugänglichkeit entgegneten, eine Zensur schade der Wissenschaft, und gerade das genannte Wissen sei von großer Bedeutung für die moderne Pharmakologie, vor allem für die Entwicklung antiviraler Medikamente, ohne die es unmöglich gewesen wäre, die Aids-Epidemie unter Kontrolle zu bekommen.
Doch es war bereits zu spät. In Australien hatten Forscher gerade ihre Entdeckung bekanntgegeben, wonach die bei Mäusen anzutreffende Pockenvariante durch eine kleine genetische Veränderung eine hundertprozentige Lethalität erhielt. Selbst akademische Wissenschaftler hielten diese Information für äußerst gefährlich und waren der Ansicht, sie hätte nicht veröffentlicht werden dürfen. Damit kam die Maschinerie der Selbstzensur in Gang. Wir dürfen gespannt sein, wie viel Grundlagenwissen zu diesem und anderen Themenbereich in einem Jahrzehnt noch in der Öffentlichkeit zu finden sein wird.
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