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"edition unseld"-Essay Wie die Wissensgesellschaft betrogen wird

2. Teil: Freiwillige Selbstzensur statt Patentrecht? Wie Angst und Tabus die Forschung blockieren

Als wirklich wirkungsvoll hat sich nur die "freiwillige" Selbstzensur erwiesen, ergänzt durch die Gefahr, den Arbeitsplatz zu verlieren, keine Fördermittel mehr zu erhalten und öffentlich an den Pranger gestellt zu werden, wenn man in die "falsche" Richtung forscht oder öffentlich über Dinge spricht, die allseits als Tabu gelten. Genau das geschieht jetzt in der Biologie. Problematisch an dieser Praxis ist natürlich in erster Linie, dass dadurch zwar ihre Fortschritte und auch die von Möchtegernterroristen behindert werden, nicht aber die von Wettbewerbern mit ausreichenden finanziellen Ressourcen, die sich langsam an ihr Ziel heranarbeiten können.

Dabei geht die unmittelbarste Bedrohung auf dem Gebiet biologischen Wissens gar nicht von den Hightechbereichen aus, sondern vom Missbrauch bekannter (und sehr alter) Krankheiten. Mit vielen dieser Krankheiten sind die meisten Ärzte gar nicht mehr vertraut, weil sie so erfolgreich bekämpft worden sind. Aber es gibt sie immer noch, und sie können für bösartige Zwecke benutzt werden. Einschlägige Beispiele sind Pest, Cholera, Typhus, Nagerpest, Milzbrand, Siebentagefieber, Schützengrabenfieber, Gelbfieber, Denguefieber, Hirnhautentzündung, Marburg-Virus und Pocken.

Die Liste der potentiellen Bedrohungen für Kulturpflanzen und Nutztiere ist ebenso lang. Das einzige technische Problem, das gelöst werden muss, wenn man aus diesen Krankheiten eine Waffe machen will, betrifft die Frage, wie man eine große Zahl von Opfern gleichzeitig infiziert und damit eine Epidemie auslöst, die das Gesundheitssystem hoffnungslos überlastet.

Wie dies möglich sein könnte, lässt sich am besten durch ein konkretes Beispiel verdeutlichen. Wenn Sie in der Economy-Class einen Langstreckenflug unternehmen, werden Sie sich mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Erkältung holen. Sie können sich also leicht vorstellen, was geschähe, wenn ein skrupelloser Mensch mit Ihnen an Bord käme, der sich ganz bewusst vorgenommen hätte, Sie und andere mit etwas viel Schlimmerem als einer Erkältung zu infizieren, zum Beispiel mit Pocken. Er könnte sich in selbstmörderischer Absicht selbst mit dem Erreger infiziert haben, um die anderen Flugpassagiere anzustecken. Er könnte sich aber auch gegen die Krankheit geimpft haben und ein kleines Fläschchen mit infiziertem Material an Bord bringen, das er zum Beispiel in Form eines feinen Pulvers auf der Toilette, in den Gängen und an den Ansaugöffnungen der Klimaanlage verstreut. In beiden Fällen würden Hunderte von Menschen sehr schwer erkranken, die wiederum jeweils viele andere infizierten und so weiter, bevor man überhaupt das Problem erkennen und geeignete Gegenmaßnahmen einleiten könnte.

REUTERS
Die Naturwissenschaft prägt das Weltbild in den westlichen Staaten. Hat Gott ausgedient? Kommt die Wissensgesellschaft vom Weg ab? Wie findet das Individuum seinen Platz in einer immer schnelleren und komplexeren Welt? In der "edition unseld" des Suhrkamp-Verlags definieren Forscher und Schriftsteller das Verhältnis zwischen Mensch und Forschung. Exklusiv für SPIEGEL ONLINE haben die Autoren ihre Bände, die im Buchhandel erhältlich sind, zu Essays verdichtet.

Editorial von Ulla Unseld-Berkéwicz
Ein Szenario genau dieser Art war Gegenstand des beunruhigenden Planspiels "Dark Winter", das im Sommer 2001 in Washington durchgeführt wurde - gerade einmal drei Monate vor den Anschlägen vom 11. September. Nach den Vorgaben des Planspiels hatten Terroristen waffenfähige Pockenerreger in drei großen Einkaufszentren in Oklahoma City, Philadelphia und Atlanta freigesetzt und damit zunächst 3000 Menschen infiziert. Etwa 30 Gramm des entsprechend aufbereiteten Materials hätten dafür ausgereicht.

Am Ende der Simulation war eine weltweite Katastrophe daraus geworden. Tausend Menschen waren der Seuche erlegen, und die Zahl stieg weiter. Es gab 16.000 Neuinfektionen, davon 14.000 allein innerhalb von 48 Stunden. Die Seuche hatte sich über 25 Bundesstaaten und zehn Länder ausgebreitet. Die Krankenhäuser waren überfordert. Die Lebensmittelversorgung und das ganze Wirtschaftsleben gerieten ins Stocken. Die Autobahnen waren verstopft von Menschen, die vor der Gefahr zu fliehen versuchten. Man schätzte, dass einen Monat später eine Million Menschen gestorben und weitere drei Millionen infiziert seien, ohne dass ein Ende abzusehen wäre.

Angesichts der in diesem Planspiel sichtbar gewordenen Bedrohung kann es kaum überraschen, wenn viele Menschen meinen, das Grundlagenwissen über gefährliche Infektionskrankheiten und insbesondere wissenschaftlich gesicherte Erkenntnisse über deren Wirkungsweise dürften keinesfalls öffentlich zugänglich sein.

Besonders laut wurde der Protest, als in der Zeit nach den Anschlägen vom 11. September in rascher Folge umfangreiches und detailliertes Material über die Genome der Erreger der Pest, des Milzbrands, der Pocken und des Siebentagefiebers veröffentlicht wurde. Befürworter einer freien Zugänglichkeit entgegneten, eine Zensur schade der Wissenschaft, und gerade das genannte Wissen sei von großer Bedeutung für die moderne Pharmakologie, vor allem für die Entwicklung antiviraler Medikamente, ohne die es unmöglich gewesen wäre, die Aids-Epidemie unter Kontrolle zu bekommen.

Doch es war bereits zu spät. In Australien hatten Forscher gerade ihre Entdeckung bekanntgegeben, wonach die bei Mäusen anzutreffende Pockenvariante durch eine kleine genetische Veränderung eine hundertprozentige Lethalität erhielt. Selbst akademische Wissenschaftler hielten diese Information für äußerst gefährlich und waren der Ansicht, sie hätte nicht veröffentlicht werden dürfen. Damit kam die Maschinerie der Selbstzensur in Gang. Wir dürfen gespannt sein, wie viel Grundlagenwissen zu diesem und anderen Themenbereich in einem Jahrzehnt noch in der Öffentlichkeit zu finden sein wird.

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insgesamt 26 Beiträge
derweise 17.04.2008
Herr Unseld und alle Verlage sollten eine Offensive "Bücher lesen!" machen! Das Fernsehen hat die letzten Jahrzehnte eine Verdummung breiter Gesellschaftsschichten herbeigeführt. Ich persönlich habe meinen Fernseher [...]
Herr Unseld und alle Verlage sollten eine Offensive "Bücher lesen!" machen! Das Fernsehen hat die letzten Jahrzehnte eine Verdummung breiter Gesellschaftsschichten herbeigeführt. Ich persönlich habe meinen Fernseher abgemeldet und lese jetzt Bücher. Der Genuß ist kaum beschreibbar!
yato 17.04.2008
die grundsätzliche idee von anerkennung und respektierung eigener leistung für wissenschaftler und künstler ist sicher richtig. die perversen auswüchse des heute immer absurder werdenden patent- und copyrights dagegen führen [...]
die grundsätzliche idee von anerkennung und respektierung eigener leistung für wissenschaftler und künstler ist sicher richtig. die perversen auswüchse des heute immer absurder werdenden patent- und copyrights dagegen führen zunehmend zu einem schaden für die ganze gesellschaft. man kann das durchaus mit den zollschranken vergleichen, die es früher an fast jedem stadttor gab freies reisen war damals schwer möglich (ausser man hat ein heer soldaten dabei). in kürze wird es dieser gesellschaft in bezug auf geistiger beweglichkeit genauso gehen wie damals mit der geografischen bewegung (ausser jemand hat ein heer von anwälten dabei). es steht zu befürchten, dass einige zeit vergeht und einige kriege stattfinden werden, bis die menschen begreifen, dass offene grenzen für alle mehr nutzen bringen. jeder forscher und künstler hat kopiert von den leuten, die vorher da waren. nie jedoch war das, was vorher da war (kultur nennt man das) so restriktiv besetzt und letztlich in der fülle nur den reichen erreichbar, wie in der zeit, die gerade auf uns zukommt. wissen, kultur und kunst und das gegenseitige nehmen und geben ist der kit, der eine gesellschaft zusammenhält. wer dies verhindert dem fliegt früher oder später die gesellschaft um die ohren. je verbotener oder teurer kultur und wissensaustausch für den einzelnen wird, desto assozialer wird diese ganze gesellschaft. in einer zeit, wo durch einen internetzugang oder einen einfachen kopiervorgang praktisch die ganze kultur der welt jedem menschen verfügbar wäre (und sein sollte), tritt eine lobby auf, die politiker besticht um die technik und möglichkeit des kommunikationszeitalters zu "kastrieren". würde ein taliban den sprengstoffgürtel in eine welt tragen, wenn er vorher die kunst und das wissen dieser welt in ihrer ganzen fülle hätte hören können(mit seinem one-laptop-per-child) ? ich bin ein anhänger der kulturflatrate - die kultur und das wissen der welt soll für alle auf dieser welt erreichbar sein! erfinder und künstler die begabt und genial sind und von ihrer kunst nicht leben können gibts zuhauf, weil die copyright mafia die kleine und mittlere ebene unterdrückt und nur an einer struktur der superstars und global players interessiert ist, da sich das besser kontrollieren und melken lässt wie ein dynamischer haufen. es geht hier schliesslich nicht um wissen oder kunst, sondern nur um geld - "dumm wie geld" kann man dazu sagen!
Hador 17.04.2008
Laughlin und auch die Autorin dieses Artikels haben völlig Recht, dass können denke ich Forscher oder Entwickler aus fast allen Fachgebieten bestätigen. Das heutige Patentrecht, besonders das amerikanische, wird immer mehr zur [...]
Laughlin und auch die Autorin dieses Artikels haben völlig Recht, dass können denke ich Forscher oder Entwickler aus fast allen Fachgebieten bestätigen. Das heutige Patentrecht, besonders das amerikanische, wird immer mehr zur Forschungsbremse missbraucht. Das liegt zum Teil an den Firmen, vor allem liegt es aber an Patentämtern, die ohne lange nachzudenken fast jedes Patent durchwinken und damit dem Missbrauch Tür und Tor öffnen. Die andere Seite ist der Einfluss der Politik aber auch von Kirchen und Religionen auf die Wissenschaft. Zu diesem Thema gab es bereits vor 11 Jahren ein sehr lesenwertes Buch des inzwischen leider verstorbenen Carl Sagan: "The Demon-Haunted World: Science as a Candle in the Dark". Der bereits damals warnte, dass die Welt heute Gefahr läuft in ein neues 'Dunkles Zeitalter' abzurutschen weil zum einen Forschung immer mehr behindert bzw. als gefährlich dargestellt wird und weil zum anderen die Wissenschaft immer mehr den Bezug zum normalen Menschen auf der Strasse verliert. Heutzutage ist diese Gefahr IMO noch um ein vielfaches größer geworden, die Volksverdummung schreitet in erschreckendem Maße vorran und das schlimmste ist: Ernsthaft Interesse etwas dagegen zu tun scheint kaum jemand zu haben.
The Count 17.04.2008
alleine in den USA gibt es ca. 4000 energiepatente die vom staat als 'national security concern' eingestuft wurden und auf nimmerwiedersehen verschwanden. wir sich dieser entscheidung nicht beugt kann auf jahre eingebuchtet [...]
alleine in den USA gibt es ca. 4000 energiepatente die vom staat als 'national security concern' eingestuft wurden und auf nimmerwiedersehen verschwanden. wir sich dieser entscheidung nicht beugt kann auf jahre eingebuchtet werden. in einigen faellen werden die erfinder abgecasht damit sie stumm werden, der z.z. gaengige preis ist ca. $200 millionen.es gab und gibt eine unzahl a 'black projects', projecte mit hoechster geheimhaltung, die das leben auf unserer erde revolutionieren wuerde wenn die regierungen diese freigeben wuerden. aber egal ob in west oder ost, man hat nur daran interesse den status quo auftechtzuerhalten, mit allen nachteilen wie umweltverschmutzung, global warming, ausbeuten von resourcen, etc.
Arion's Voice 17.04.2008
Guter Artikel zu einem wichtigen Thema. Kleinigkeit: "Avery Lee musste den Vertrieb seines Open-Source-Code VirtualDub einstellen, weil Microsoft behauptete, dessen Kompatibilität zu den eigenen Packaging-Protokollen stelle [...]
Guter Artikel zu einem wichtigen Thema. Kleinigkeit: "Avery Lee musste den Vertrieb seines Open-Source-Code VirtualDub einstellen, weil Microsoft behauptete, dessen Kompatibilität zu den eigenen Packaging-Protokollen stelle eine Verletzung von Microsoft-Patenten dar." ist so nicht ganz richtig. Seit Version 1.3 wurde lediglich eine Funktion aus der Software herausgenommen. Die Software wird weiterhin herausgegeben. Siehe Wikipedia.
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