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Brooklyn Bridge Das achte Weltwunder

3. Teil: Am 30. Mai 1883 ereignete sich auf der Brooklyn Bridge die erste – und bis heute einzige – Katastrophe

Am Donnerstag, den 24. Mai 1883, einem Feiertag, zog eine Festprozession vom Broadway aus über die Brücke. An ihrer Spitze gingen Chester A. Arthur, 21. Präsident der Vereinigten Staaten, sowie sein späterer Amtsnachfolger Grover Cleveland, damals noch Gouverneur des Bundesstaats New York. Auf der anderen Seite erwarteten sie Seth Low, Bürgermeister von Brooklyn, und, in Vertretung ihres kranken Mannes, Emily Röbling. Allein am ersten Tag überquerten 150.000 Menschen, von denen jeder einen Penny Maut zahlen musste, und knapp 2000 Fahrzeuge die Brooklyn Bridge. "Die majestätische Konstruktion übertrifft unsere größten Hoffnungen", sagte Low in seiner Ansprache. "Niemand wird ihren Anblick je vergessen können."

Abram Stevens Hewitt, späterer Bürgermeister und Wegbereiter des New Yorker U-Bahn-Netzes, verkündete mit lokalpatriotischer Begeisterung: "Selbst mit kühnster Phantasie ist unvorstellbar, dass dem wirtschaftlichen Wachstum und dem Fortschritt dieser Stadt Grenzen gesetzt sein könnten. New Yorks strahlende Zukunft als führende Metropole der Welt ist naturgegeben." Und der amerikanische Schriftsteller Thomas C. Wolfe rief beim Anblick der Brooklyn Bridge entzückt aus: "Großer Gott, das ist die einzige Brücke, die Macht, Leben und Freude symbolisiert."

Doch nur eine Woche später erhielt diese Freude bereits einen empfindlichen Dämpfer. Am 30. Mai, dem Memorial Day, ereignete sich auf der Brooklyn Bridge die erste – und bis heute einzige – Katastrophe. Rund 20.000 Menschen befanden sich auf der Promenade, als eine Frau auf einer der schmalen Zugangstreppen stolperte und andere mit sich riss. In Windeseile verbreitete sich das Gerücht, die Brücke stürze ein. Panik griff um sich; viele Passanten versuchten, so schnell wie möglich aus der angeblichen Gefahrenzone zu kommen. Im anschließenden Gedränge wurden zwölf Menschen zu Tode getrampelt und weitere 22 so schwer verletzt, dass sie wenig später starben. Auch bei diesem Unglück war Al Smith Zeuge. Mit Schulfreunden spielte der damals Zehnjährige und spätere Rivale von Präsident Hoover unter einem Stützpfeiler, als plötzlich Mäntel, Regenschirme und Taschen auf sie herunterregneten. "Tagelang konnte ich danach nicht schlafen."

Der Rhythmus der Weltstadt

Doch schon bald kehrte für die New Yorker die Normalität zurück, und Thomas Kinsella vom "Brooklyn Daily Eagle" prophezeite: "Die Brücke wird für die vielen tausend Bürger, die sie jeden Morgen nutzen, schon bald alltäglich sein wie der Sonnenaufgang. Sie werden all die Verkehrsprobleme vergessen, und den unbeugsamen Mut, den unerschütterlichen Glauben und die Genialität des Erbauers nie hoch genug schätzen können."

Wenige Bauwerke inspirierten Schriftsteller, Poeten, Maler, Dramatiker und Musiker so wie die Brooklyn Bridge. Stefan Zweig etwa notierte: "Dieser gigantische Bogen, der – ein zierliches Netzwerk von der Ferne – in jenen gewaltigen Maßen, die einen am ersten Tag erschrecken und die man nach einer Woche schon als selbstverständlich fühlt, zwei Millionenstädte verbindet, scheint wie ein Symbol der Festigkeit. Man steht auf der Höhe des Brückenbogens wie auf dem Gipfel eines Bergs und misst mit Bewunderung eine weite Landschaft. Diese Brücke ist Eisenbahn, Straße, Fahrweg zugleich, fünfzig Wagen trägt sie in einer Minute, sie klingt von Lärm; mitten auf steiler Höhe, gewölbt über einem Fluss, steht man auf einem Kreuzweg von zehn Straßen. Man fasst das Geländer. Es schwingt einem unter der Hand. Von früh bis nachts, von nachts bis früh schwingt diese ungeheure Brücke, deren stählerne Kraft und Wucht gar nicht zu beschreiben ist. Seit Jahren vibriert sie so von der elektrischen Spannung dieser Stadt. Dieser Strang, der die zwei Millionenbündel New York und Brooklyn als Nerv verbindet, zittert beständig in jedem Molekül, und jeder, der hier oben steht, schwingt mit von der Erregung der fremden Masse. Hier habe ich zum ersten Mal den Rhythmus von New York gespürt."

Der Dichter Hart Crane veröffentlichte 1930 sein Gedicht "To Brooklyn Bridge" im Stil der britischen Oden des 18. und 19. Jahrhunderts: "O Schlaflose, wie der Fluss unter dir, / Wasser und träumende Wiesen überspannend, / Steig auch zu uns, den Niedersten, herab / Und im Bogengang sei du ein Hochgesang auf Gott." Und der deutsche Schriftsteller Alfred Kerr notierte schlicht: "Die Säulen der Amerikaner setzen Antikes fort."

Auch Regisseure mögen auf die Brücke nicht verzichten. In rund zwanzig Streifen – von "Saturday Night Fever" (1977) über "Sophies Entscheidung" (1982), "Es war einmal in Amerika" (1984) bis "Supermans Rückkehr" (2006) – liefert der Stahlgigant eine beeindruckende Kulisse. In Arthur Millers 1955 uraufgeführtem Theaterstück "Blick von der Brücke" ist sie das Bindeglied zwischen dem italienischen Viertel in Brooklyn und dem angestrebten "American way of life" auf der anderen Seite in Manhattan.

Und immer wieder inspirierte sie Fotografen, darunter Andreas Feininger, Henri Silberman und Keith Levitt, sowie Malerinnen und Maler wie Georgia O'Keefe, Andy Warhol und vor allem Joseph Stella (1877–1946). Der im süditalienischen Muro Lucano in der Nähe von Neapel geborene Künstler reiste erstmals 1896 nach Amerika und war sofort besessen von der Idee, das Maschinenzeitalter, den Rhythmus der Großstädte, die Dynamik des 20. Jahrhunderts, die kühnen Gebäude und Konstruktionen in Gemälden festzuhalten. "Ich habe die Zukunft gesehen, und sie ist gut", begeisterte er sich nach seiner Ankunft in den USA. 1919 malte er die Brooklyn Bridge zum ersten Mal; sie wurde das Hauptmotiv seiner künstlerischen Arbeit. Immer wieder hielt er die kühn geschwungenen Bögen und die Monumentalität des Bauwerks fest – kubistisch, abstrakt oder im Stil der Futuristen. Während einer Promenade auf der Brücke fühlte er sich "tief bewegt – wie auf der Schwelle zu einer neuen Religion".

In der Tat erinnert die Darstellung der Türme in Stellas Gemälden an die hoch aufragenden Bogenfenster gotischer Kathedralen. Was vom Erbauer durchaus beabsichtigt war, wie die Literaturwissenschaftlerin Iris Röbling, eine entfernte Verwandte des Architekten, schreibt: Die Bögen der Brooklyn Bridge "sind, was aber nur die wenigsten wissen, den Bögen der Divi-Blasii-Kirche in Mühlhausen nachgebildet, in der Johann August Röbling getauft wurde. Sie sind es, die der Brücke ihren Charakter geben – und ihre Erhabenheit". So gesehen ist die Brooklyn Bridge in der Tat viel mehr als nur die Verbindungsader zwischen zwei Stadtteilen einer gigantischen Metropole. Sie ist auch ein Band zwischen der Alten und der Neuen Welt – und mit ihren von der klerikalen Architektur entliehenen Elementen nicht zuletzt eine symbolhafte Verbindung zwischen Himmel und Erde.


Rainer Nolden, ehemals Kulturredakteur bei der "Welt", arbeitet als Sachbuchautor und Übersetzer.

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insgesamt 8 Beiträge
PES 20.04.2008
Es ist richtig zu stellen: der "East River" ist kein Fluss, sondern ein Meeresarm. Daher auch die wechselnden und teils unberechenbaren Strömungen!
Es ist richtig zu stellen: der "East River" ist kein Fluss, sondern ein Meeresarm. Daher auch die wechselnden und teils unberechenbaren Strömungen!
schensu 20.04.2008
Roebling war in erster Linie kein Architekt, auch wenn er das z.T. studiert hatte. Philosophie hatte er übrigens auch belegt...;-)) Roebling war vielmehr ein waschechter *Bauingenieur*. Mit Architektur hat ein solches [...]
Zitat von sysopDie Brooklyn Bridge ist eine Meisterleistung, die ohne den deutschstämmigen Architekten Röbling wohl nie gebaut worden wäre. Denn vor 125 Jahren hatten New Yorks Stadtväter schwerste Bedenken: Wollen Menschen wirklich über eine solch lange Brücke gehen? http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,546629,00.html
Roebling war in erster Linie kein Architekt, auch wenn er das z.T. studiert hatte. Philosophie hatte er übrigens auch belegt...;-)) Roebling war vielmehr ein waschechter *Bauingenieur*. Mit Architektur hat ein solches *Ingenieurbauwerk*, wie die Brooklyn - Bridge nämlich bestenfalls am Rande zu tun. Gefragt ist hier der Statiker und der ist nunmal Bauigel...
emschneider 20.04.2008
Ist richtig. "Der Architekt hat dieses wunderbare Bauwerk errichtet" steht in der Presse, auf der Gedenktafel und in der Hülse des Grundsteins. Nichts hat er. Er hat einen Entwurf (oft zum Grausen) geliefert. Ohne [...]
Zitat von schensuRoebling war in erster Linie kein Architekt, auch wenn er das z.T. studiert hatte. Philosophie hatte er übrigens auch belegt...;-)) Roebling war vielmehr ein waschechter *Bauingenieur*. Mit Architektur hat ein solches *Ingenieurbauwerk*, wie die Brooklyn - Bridge nämlich bestenfalls am Rande zu tun. Gefragt ist hier der Statiker und der ist nunmal Bauigel...
Ist richtig. "Der Architekt hat dieses wunderbare Bauwerk errichtet" steht in der Presse, auf der Gedenktafel und in der Hülse des Grundsteins. Nichts hat er. Er hat einen Entwurf (oft zum Grausen) geliefert. Ohne die Mitwirkung vieler Fachleute wäre dieser Entwurf schon vor dem Richtfest ein Trümmerhaufen. Den Bau errichten die Statiker, die H(eizung)-L(üftung)-S(anitär) Fachleute und viele andere wichtige Gewerke. Nur... den Ruhm streicht der Architekt ein.
PES 20.04.2008
Im angelsächsischen Sprachraum heißt der Bauingenieur "Civil Engineer". Dies bringt in viel besserem Grad die Bedeutung des Berufsstandes zum Ausdruck. Der Bereich dieser Ingenieure umfasst neben der Realisierung der [...]
Zitat von emschneiderIst richtig. "Der Architekt hat dieses wunderbare Bauwerk errichtet" steht in der Presse, auf der Gedenktafel und in der Hülse des Grundsteins. Nichts hat er. Er hat einen Entwurf (oft zum Grausen) geliefert. Ohne die Mitwirkung vieler Fachleute wäre dieser Entwurf schon vor dem Richtfest ein Trümmerhaufen. Den Bau errichten die Statiker, die H(eizung)-L(üftung)-S(anitär) Fachleute und viele andere wichtige Gewerke. Nur... den Ruhm streicht der Architekt ein.
Im angelsächsischen Sprachraum heißt der Bauingenieur "Civil Engineer". Dies bringt in viel besserem Grad die Bedeutung des Berufsstandes zum Ausdruck. Der Bereich dieser Ingenieure umfasst neben der Realisierung der zum Teil unausgegorenen Architektenentwürfe auch die Planung und Errichtung von Infrastrukturmaßnahmen, ohne die eine moderne Zivilgesellschafte nicht funktionieren kann. Die Brooklyn-Bridge ist dafür ein herausragendes Beispiel.
smokeonit 20.04.2008
solche bauwerke werden durch die vision eines menschen errichtet! wenn keiner den mut und die vision hat, dann passiert auch nichts! Röbling war ein visonär, deswegen war er so erfolgreich und wird lange erinnert werden.
Zitat von emschneiderIst richtig. "Der Architekt hat dieses wunderbare Bauwerk errichtet" steht in der Presse, auf der Gedenktafel und in der Hülse des Grundsteins. Nichts hat er. Er hat einen Entwurf (oft zum Grausen) geliefert. Ohne die Mitwirkung vieler Fachleute wäre dieser Entwurf schon vor dem Richtfest ein Trümmerhaufen. Den Bau errichten die Statiker, die H(eizung)-L(üftung)-S(anitär) Fachleute und viele andere wichtige Gewerke. Nur... den Ruhm streicht der Architekt ein.
solche bauwerke werden durch die vision eines menschen errichtet! wenn keiner den mut und die vision hat, dann passiert auch nichts! Röbling war ein visonär, deswegen war er so erfolgreich und wird lange erinnert werden.
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