Von Jens Lubbadeh
Es war eine Entscheidung, die ohne Fraktionszwang und in namentlicher Abstimmung fiel: Von 580 Bundestagsabgeordneten stimmten 346 dafür, den Stichtag für den Import menschlicher embryonaler Stammzellen vom 1. Januar 2002 auf den 1. Mai 2007 zu verschieben. 228 Bundestagsabgeordnete stimmten dagegen. Die Anträge zur vollständigen Freigabe des Stichtags sowie zum Verbot der embryonalen Stammzellforschung waren zuvor jeweils mit deutlicher Mehrheit abgelehnt worden.
Britische Stammzellbank: Deutsche Forscher dürfen nun jüngere Zelllinien importieren
Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) begrüßte die Neuregelung des Stammzellimportgesetzes: "Wir sind über die Bundestagsentscheidung froh und dankbar", sagte DFG-Präsident Matthias Kleiner nach der Parlamentsentscheidung. Die Verschiebung des Stichtages sei "ein guter Schritt nach vorn für die Wissenschaft und für die deutschen Stammzellforscher, die jetzt mit ihren hohen ethischen Prinzipien besser auf diesem wichtigen Gebiet der Forschung arbeiten können", sagte Kleiner. Als erfreulich hob der DFG-Präsident auch den Fortfall der Strafandrohung für deutsche Wissenschaftler hervor, die sich an internationalen Projekten beteiligen.
Miodrag Stojkovic, deutscher Stammzellforscher am Centro de Investigación Príncipe Felipe in Valencia, ist von der Entscheidung des Bundestags nicht begeistert. "Zufrieden bin ich nicht - ich hatte gehofft, dass der Stichtag ganz abgeschafft wird", sagte Stojkovic im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE.
Dennoch glaubt er, dass sich die Gesetzesänderung positiv auswirken wird: Wissenschaftler seien nun in der Lage, neuere Stammzelllinien zu importieren, die qualitativ besser und nicht mehr mit tierischem Material verunreinigt sind. Mit diesen nicht verunreinigten Stammzelllinien sei nun auch für eine eventuelle klinische Anwendung relevante Forschung überhaupt erst möglich.
Stojkovic bedauert, dass nach wie vor die Herstellung eigener Stammzelllinien in Deutschland untersagt ist. Seiner Meinung nach sollte Deutschland eigene Stammzelllinien herstellen, um der Forschung hierzulande noch mehr Schub zu geben. "Dazu müsste das Embryonenschutzgesetz angepasst werden. Das ist veraltet."
In Deutschland ist es derzeit verboten, aus Embryonen Stammzelllinien herzustellen. Stojkovic befürwortet eine Regelung wie in Spanien: Dort ist die Verwendung überschüssiger Embryonen aus der künstlichen Befruchtung für die Forschung zugelassen - unter strengen Auflagen und mit dem Einverständnis der Eltern. "Ich bin der Meinung, dass nur die Eltern darüber entscheiden sollten, was mit ihren überzähligen Embryonen geschehen soll. Nicht die Politiker, nicht die Wissenschaftler und auch nicht die Kirche", sagte Stojkovic. Zudem sei die Herstellung menschlicher embryonaler Stammzellen bereits ohne die Zerstörung des Embryos möglich, wie US-Wissenschaftler zu Beginn des Jahres verkündet hatten. Ihre Ergebnisse sind jedoch nicht unumstritten.
Deutschland besitzt trotz der jetzigen Lockerung des Imports noch immer eines der strengsten Gesetze zur Stammzellforschung weltweit. Die Folge: Deutsche Stammzellforscher gehen ins Ausland, um dort freier forschen zu können. Stojkovic bezweifelt, dass diese Wissenschaftler trotz Lockerung der Importbedingungen nun zurückkehren werden.
"Der Schwerpunkt der Stammzellforschung liegt noch immer in den USA." Dort wird die Forschung mit embryonalen Stammzellen über Geld geregelt: Die Arbeiten sind generell erlaubt, werden aber nur unter bestimmten Auflagen vom Staat finanziert. Washington fördert die Forschung, wenn die embryonalen Stammzelllinien vor dem 9. August 2001 hergestellt wurden. Vorstöße im Kongress gegen diese Bedingung stoppte US-Präsident George W. Bush per Veto. "In den USA ändert sich derzeit sehr viel", sagt Stojkovic. "Die Ära Bush geht zu Ende, immer mehr Bundesstaaten organisieren eigenes Geld für die Stammzellforschung." Für selbstfinanzierte Projekte mit embryonalen Stammzellen hat Washington keine Auflagen erlassen.
Die Chancen stehen nicht schlecht, dass mit einem neuen US-Präsidenten auch auf Bundesebene die Stammzellforschung erleichtert werden wird - und für deutsche Forscher somit wenig Anlass besteht, in ihre Heimat zurückzukehren. "Unter einer Präsidentin Clinton oder einem Präsidenten Obama wird es sicher eine Erleichterung der Stammzellforschung geben", glaubt Stojkovic.
Mit Material von dpa
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