Von Angelika Franz
"Auch das Stadtarchiv wusste nichts von Tunneln", sagt Jacques. "Also ging ich in die Archive der Royal Engineers in Chatham und des Imperial War Museum, und dann wurde klar, was wir da gefunden hatten." 1994 führte eine gebrochene Gasleitung zur Entdeckung von Thompson's Cave. Nach und nach ergab das unterirdische Labyrinth einen Sinn.
Die neuseeländischen Tunnelarbeiter, viele von ihnen Maori, hatten die feuchten Höhlen nach den Städten ihrer fernen, sonnendurchfluteten Heimat benannt. In geografisch korrekter Reihenfolge gelangte man von Auckland im Norden südwärts über Wellington und Christchurch nach Dunedin. In schwarzer Farbe standen die Namen der Städte an den Wänden.
Der Nordteil der Anlage, an dem hauptsächlich die Bantams gearbeitet hatten, verband Glasgow mit Edinburgh, Crewe und London. Ein Seitentunnel führte nach Jersey, Guernsey and Alderney. Nicht nur die geografischen Namen, auch die Tunnel selber unterscheiden sich. "Die Maori bauten Tunnel mit über zwei Metern Deckenhöhe", sagt Jacques. "Durch die Tunnel der Briten dagegen kann man nur leicht gebückt laufen."
Nervenzerreißendes Warten auf den Angriff
Eine Woche vor Ostern begannen die Generäle, die unterirdische Stadt mit Männern zu füllen. Nach und nach verschwanden heimlich die Soldaten in den Kellern – bis unter den Häusern von Arras Tausende Soldaten zusammenkauerten.
Nun galt es zu warten, ohne in der feuchten, konstant 11 Grad kühlen Dunkelheit die Nerven zu verlieren. "Sicher entsprachen die Zustände dort unten nicht den sonstigen Hygienestandards der britischen Armee", meint Jacques. "Aber im Gegensatz zur Front über ihren Köpfen war es immer noch ein vergleichsweise komfortabler Ort." Die Männer vertrieben sich die Zeit. Sie aßen Süßigkeiten und tranken ein wenig Alkohol, um die Angst zu betäuben. Die Spuren des unterirdischen Lebens sind überall zu sehen. Auf dem Müllhaufen in einer Ecke liegen noch eine Dose Turnwrights Toffee Delight und eine leere Flasche Rum.
Ein Soldat malte das Gesicht seiner Freundin auf die Wand neben einer Küchenhöhle - ihre zarten, leicht arroganten Züge, ihr dunkles, welliges Haar. Ein anderer ritzte ein verschnörkeltes Kreuz in eine der Säulen aus Kalkstein. Wieder andere versuchten, die Situation mit Humor erträglicher zu machen. "Gesucht: eine Haushälterin", kritzelte ein Spaßvogel an die Wand der Höhle, die nach der Stadt Waitomo benannt war. Nicht alle waren poetisch veranlagt. "Shannahan 21445 NZET 8/12/16 – 8/4/17" schrieb Private Shannahan. "Er hat den Krieg überlebt", sagt Jacques. Der Neuseeländer kehrte in seine Heimatstadt Wellington zurück und starb dort in den zwanziger Jahren.
3000 Graffiti an den Wänden, Briefe auf dem Boden
Die Soldaten hatten Zeit: 3000 verschiedene Graffiti haben die Archäologen an den Wänden der Höhlen dokumentiert. Die meisten in Englisch, einige in Maori. Aber nicht nur auf den Stein der Wände schrieben die Männer. Einige hatten Papier dabei. In einer stillen Ecke verfasste Private Harry Holland ein paar Zeilen an seine Frau und seinen kleinen Sohn: "Küss' unseren Harry für mich. Wenn ich ihn wiedersehe, werde ich alle verlorene Zeit mit ihm gutmachen." Harry hat seinen Vater nie wiedergesehen. Und auch der zärtliche Brief kam nie an. Jacques fand ihn 91 Jahre später in jener Ecke, in der Holland ihn geschrieben hatte.
Als endlich der Befehl zum Aufbruch kam, wurden die Männer an der Oberfläche von peitschendem Eisregen empfangen. Mehrere tausend von ihnen erlebten den Abend nicht mehr. Dennoch waren die Verluste gering im Vergleich zum brutalen Schlachten an der Somme. 12 Kilometer konnten die Alliierten in den kommenden Tagen vorrücken - ein gewaltiger Vormarsch, gemessen an dem, was im Stellungskrieg sonst üblich war. Doch dann fiel die Frontbewegung wieder ins alte Muster zurück: riesige Verluste für winzige Geländegewinne.
Seit vergangenem Monat ist die "Wellington"-Höhle für die Öffentlichkeit zugänglich. 18 Jahre nach der Entdeckung des ersten Gewölbes hat Alain Jacques die Anlage in ein Museum verwandelt. Dafür musste er zunächst den Widerstand der Behörden überwinden. Die meinten nämlich, man dürfe unter Privathäusern kein öffentliches Museum errichten.
Jetzt machen Beleuchtung und eine über Lautsprecher originalgetreu nachempfundene Geräuschkulisse den Abstieg in die Tunnel von Arras zu einem beklemmenden Nacherleben der Geschehnisse vor 91 Jahren. In der "Wellington"-Höhle war das Suffolk-Regiment stationiert. Es sieht aus, als hätten die Soldaten das Gewölbe erst gestern verlassen. Unter den Latrinenbalken stehen noch die Eimer. Die Konservendosen der letzten Mahlzeit hat niemand weggeräumt. Und auf dem groben Steinblock, der dem Pfarrer bei seiner letzten Osterpredigt als Unterlage für die Bibel diente, klebt noch das Wachs der Altarkerzen.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH