Mittwoch, 10. Februar 2010

Wissenschaft



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13.05.2008
 

Kohlekraft-Streit

Wieso CO2 nicht einfach zu vergraben ist

Von Christoph Seidler

Im Kampf gegen die Klimakatastrophe wollen Konzerne und Politiker CO2 unterirdisch verklappen. Viele preisen die Technik als Rettung - doch tatsächlich ist sie noch weit von der Marktreife entfernt. Und kommt möglicherweise zu spät.

In luftiger Höhe hat man den nötigen Weitblick. "Wir werden die technischen Probleme des CO2-freien Kraftwerks lösen", sagt Hans Joachim Krautz, Professor für Kraftwerkstechnik an der Universität Cottbus - und schaut vom Aussichtspunkt des Kraftwerks Schwarze Pumpe auf die Baustelle zu seinen Füßen. Rund 160 Meter tiefer entsteht eine 30-Megawatt-Forschungsanlage, bei der eine Technologie erprobt werden soll, die als besonders wichtig für den Kampf gegen den Klimawandel gilt: die Abtrennung des Treibhausgases CO2 bei der Verbrennung von Kohle. Die Idee ist simpel: Einmal am Kraftwerk eingesammelt, soll das Klimagas in unterirdischen Speichern versenkt werden, statt die Atmosphäre weiter aufzuheizen.

In der Politik wird oft so diskutiert, als stehe die Technologie bereits zur Verfügung. Doch die CO2-Abtrennung (Fachterminus: Carbon Capture and Storage, kurz CCS) ist von der Marktreife noch weit entfernt. Frühestens 2020 könnte die CO2-Abscheidung und -Lagerung kommerziell verfügbar sein - vielleicht auch erst später.

Der Zeitplan wird "in Fachkreisen als sehr ambitioniert eingeschätzt", heißt es etwa in einem Gutachten des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Bundestag. Und der Sachverständigenrat für Umweltfragen warnte davor, eine wirtschaftliche Anwendungsreife bis 2020 sei kaum zu erwarten. Damit käme CCS für die anstehende Erneuerung von großen Teilen des deutschen Kraftwerksbestands schlicht zu spät.

Das Problem: Nach den EU-Klimazielen sollen die CO2-Emissionen bis 2020 bereits um mindestens 20 Prozent gegenüber 1990 sinken - wenn andere westliche Industriestaaten mitmachen sogar um 30 Prozent. Doch die CO2-Speicherung wird dafür keinen Beitrag leisten können, sondern bestenfalls langfristig Wirkung entfalten.

Umweltstaatssekretär Matthias Machnig (SPD) gesteht auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE ein, dass "wir unsere Klimaschutzziele mindestens bis 2020 ohne nennenswerte Beiträge durch CCS erreichen müssen." Allerdings wäre es aus seiner Sicht "fahrlässig, sie - genauso wie andere Technologien - nicht voranzutreiben". Also arbeiten die Wissenschaftler mit Hochdruck, die Forschungsgelder fließen üppiger als in früheren Jahren.

DAS EU-GESETZESPAKET ZUM KLIMASCHUTZ

Klimaziel

DDP
Die Gesetzesvorschläge sollen helfen, den Treibhausgas-Ausstoß der EU bis 2020 um ein Fünftel zu senken. Wohlhabende Staaten wie Luxemburg, Großbritannien und Deutschland werden stärker belastet als wirtschaftsschwache wie Polen, Bulgarien und Rumänien.

Mehr Öko-Energie

Emissionshandel

Beitrag der Bürger

Erneuerbare Energien

Schonfrist für deutsche Stahlindustrie

Mehr Biosprit

Kosten

Kohlendioxid-Speicherung

Doch im Rennen gegen die Zeit drohen die Forscher ins Hintertreffen zu geraten. Nicht nur für deutsche Kraftwerke könnte CCS zu spät kommen. Gleiches gilt auch für den häufig angedachten Export der Technologie in schnell wachsende Wirtschaftsnationen wie China und Indien. In China zum Beispiel geht derzeit im Schnitt jede Woche mindestens ein neues Kohlekraftwerk ans Netz - und der Kraftwerkspark, der da gerade entsteht, wird dann jahrzehntelang in Betrieb sein.

CO2-Abscheidung kostet - und der Verbraucher zahlt

Wenn die Klimagasabtrennung endlich marktreif ist, könnten deshalb längst alle Messen gesungen sein. Umweltstaatssekretär Machnig gibt sich dennoch optimistisch: "Zum einen muss man davon ausgehen, dass auch ab 2020 auf globaler Ebene neue Kohlekraftwerke gebaut werden, zum anderen kann man bestehende Kraftwerke mit CCS nachrüsten, so dass sich hier ein potentiell sehr großer Markt für CCS-Technologien auftut." In mindestens drei Bereichen gibt es Probleme zu lösen:

  • bei der Verbrennung der Kohle in den Kraftwerken,
  • beim Transport des abgeschiedenen CO2 und bei dessen Lagerung, die - je nachdem, wen man fragt - zwischen 1000 und 10.000 Jahre dauern muss, damit es überhaupt positive Effekte für das Klima gibt,
  • außerdem nagt die CO2-Abtrennung gewaltig an der Effizienz der Kohlekraftwerke: Moderne Anlagen kommen heute auf einen Wirkungsgrad von bis zu 44 Prozent. Mit CO2-Abtrennung wären es acht bis zehn Prozentpunkte weniger; der Ressourcenverbrauch steigt dadurch um ein Viertel.

Technische Maßnahmen wie die Integration der Kohletrocknung in den Kraftwerksprozess sollen letzteren Nachteil langfristig kompensieren: "Im Jahr 2020 wollen wir die heutigen Werte wieder erreicht haben, dann aber mit CO2-Abtrennung", sagt Kraftwerkstechniker Krautz. Klar ist: Die CO2-Abtrennung kostet Geld - und zwar den Verbraucher. Nach Berechnungen des Büros für Technikfolgenabschätzung dürften sich die Stromerzeugungskosten in Kohlekraftwerken dadurch fast verdoppeln; von drei bis vier auf fünf bis sieben Cent pro Kilowattstunde.

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